Eigentlich wollte er ja mal bißchen kürzer treten um mehr Zeit für seine Familie zu haben, deswegen hatte sich der versierte finnische Kriminalermittler Kari Sorjonen (Ville Virtanen) aus der Hauptstadt Helsinki nach Südkarelien in die kleine Grenzstadt Lappeenranta versetzen lassen, wo er nun mit Frau Pauliina (Matleena Kuusniemi) und Tochter Janina (Olivia Ainali) lebt. Aber das Verbrechen schläft nie, und da in der titelgebenden Grenzstadt ("Bordertown") gerade mit EU-Fördergeldern eine neue Spezialeinheit gebildet wird, ist der mit außergewöhnlichen Talenten ausgestattete Kari natürlich erste Wahl. So wird es also vorerst nichts mit dem trautem Familienleben, denn der rastlose Kari, von dem erzählt wird, daß er einer Person ansehen kann, wenn sie nicht die Wahrheit spricht, bringt seine Arbeit wie schon seinerzeit in Helsinki mit nach Hause, wo er in seinem Keller mittels bebildertem Tableau und auf dem Fußboden verlegten Klebestreifen barfuß darüber sinniert, worauf seine mit modernster Technik ausgestatteten Kollegen im Büro nicht kommen...
Was hier etwas schrullig anmutet, ist die Erfolgsgeschichte eines extrem introvertierten Profilers, der die in der Tradition skandinavischer Krimi-Serien reichlich blutigen Verbrechen eines nach dem anderen mit seiner unkonventionellen Methode, sich in die Tatorte und Täter hineinzudenken, aufzuklären vermag. Ein Glücksfall ist dabei Hauptdarsteller Ville Virtanen (Sauna), dessen markanter Quadratschädel mit dem zerfurchten Gesicht ganz hervorragend zu seiner Rolle als Ermittler mit leicht autistischem Einschlag passt - umso mehr, als seine kollegiale Entourage mit der resoluten Chefin Taini (Kristiina Halttu) und dem zwar bemühten, aber hoffnungslos überforderten Kollegen Niko (Ilkka Villi) ihm zu keiner Zeit folgen können. Das ändert sich erst, als die ex-FSB-Beamtin Lena (Anu Sinisalo) aus dem nicht weit entfernten St. Petersburg auftaucht und umständehalber bald zum Team dazugehört. Diese in Punkto Optik und Methoden reichlich abgefuckt auftretende Endvierzigerin scheint zunächst sämtliche Klischees einer postsowjetischen Prügelmilizionärin zu erfüllen, entpuppt sich dann aber gerade durch diese Gegensätzlichkeiten als wertvolle Hilfe für das finnische Spezialisten-Team. Ihre minderjährige Tochter Katia freundet sich zudem schnell mit Karis Tochter an, und so schließt sich der Kreis.
In mundgerechten Häppchen zu 58 Minuten sind hier meist zwei-, manchmal auch dreiteilige Fälle zu lösen, zu deren Aufklärung es stets des Genius von Kari bedarf. Eingebettet sind die Fälle in äußerliche Umstände, wie sie auch an anderen Orten der Welt herrschen: Die mächtige Industriellenfamilie Degermann, deren Sproß Robert derzeit Bürgermeister ist und der ein größeres Casino-Projekt für Lappeenranta plant; Karis Ehefrau Pauliina, gerade erst von einem Gehirntumor genesen, die wieder ein Betätigungsfeld sucht und sich beim Bürgermeister verdingt, der pikanterweise ihre Jugendliebe war, bevor sie vor Jahren nach Helsinki zog und Kari ehelichte; die 17jährige Tochter Janina, die den Avancen des jungen Hobby-Fotografen Elias erliegt, welcher ebenfalls zum Degermann-Clan gehört und sie im Cabrio und seinem eigenem Café verwöhnt. Während jene erwähnten Umstände eher einen lockeren, bisweilen auch Langeweile verursachenden Serien-Füllstoff darstellen, wird es immer wieder genau dann spannend, wenn der meist ernst und betroffen dreinschauende Kari sich an die Stirn greift und seine Thesen aufstellt.
Wer sich durch seine Figur an die bemerkenswerte Saga Norén und ihr Asperger-Syndrom aus der hervorragenden schwedisch-dänischen Serie Broen/Die Brücke (2011 - 2018) erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch, auch wenn Kari zu keiner Zeit so abgedreht auftritt wie die schwedische Porschefahrerin. Er ist weniger extrovertiert, sondern meist nach innen gekehrt und beherrscht - wem sein sehr spezieller Film-Charakter aber nicht zusagt, der sollte sich die ganz auf ihn zugeschnittene Serie lieber nicht ansehen.
Was Bordertown allerdings wirklich mindestens einen Punkt in meiner Bewertung kostet, sind einige recht offensichtliche und sich leider wiederholende Schwächen des Drehbuchs bezüglich dramaturgischem Aufbau und vor allem Abschluss der einzelnen, zumindest hinsichtlich der Akteure aufeinander aufbauenden Fälle: Während bei fast 2 (oder 3) Stunden Laufzeit pro Fall (meist) genügend Raum zur Vorstellung der Verbrechen bleibt, ist das Ende teilweise viel zu überhastet abgedreht und liefert keine auch noch so kurze Nachbetrachtung dessen, was gerade geschehen ist - Polizei trifft ein, Opfer gerettet, Abspann. So gibt es beispielsweise eine Folge, in der die toughe Russin Lena gezwungenermaßen gegen Kampfhunde antreten muß: man sieht sie nur in die Arena gestoßen, in der nächsten Einstellung rasen die Einsatzfahrzeuge herbei und dann verhaut sie schon den Oberbösewicht. Was dazwischen geschah, wird nicht gezeigt und auch nicht angesprochen, kurz danach ist Schluß. Oftmals nehmen wichtige, die Handlung voranbringende Taten und Ereignisse einen viel zu kurzen Raum ein, während andere Begebenheiten, wie das wenig spannende Techtelmechtel zwischen Elias und seinem Schwarm Janina teilweise viel zu ausführlich abgehandelt werden.
Dank des genialen Kari Sorjonen wird der geneigte Skandinavien-Thriller-Freund dennoch bei Laune gehalten: 6,51 Punkte für eine interessante Serie mit allerdings drehbuchtechnischem Verbesserungspotential.