Review
von Leimbacher-Mario
Mexikanisches Meerschweinchen
In den ersten fünfzehn Minuten von „Atroz“, einem mexikanischen Torture Porn-Schocker, wird gefoltert, gekackt, zerhackt und gekotzt, geschnitten, gepinkelt, in Wunden gepult, vergewaltigt, gequält, gemordet - oder am liebsten alles zusammen, alles gleichzeitig, alles immer und immer und immer wieder. Bei „Atroz“ ist der Name Programm und ganz in der Tradition fragwürdiger „Klassiker“ wie „Guinea Pig“ wird hier schön ausgetestet, wie weit man heutzutage in dieser Richtung gehen kann und was noch immer schockt, weh tut, übel aufstößt. „August Underground“ auf mexikanisch mit einem Schuss „VHS“. Früher wäre das ein waschechter, überall verbotener und berüchtigter Skandalfilm gewesen. Man spürt sogar ein wenig Deodatos Einfluss als Produzent. Der Mann weiß schon was „die Leute“ sehen wollen und ist immer noch ein kleiner Qualitätsstempel... Heute tut das zwar noch immer weh - aber teilweise aus den falschen Gründen und außerdem dem Zenit dieser Bewegung Jahrzehnte hinterherhinkend... Wir „folgen“ mithilfe einiger selbstgedrehter Folter-Videos dem Leben eines mordenden Psychopathen, der zusammen mit einem Kumpel anfangs in ein Verkehrsunfall geraten ist...
„Atroz“ spielt die Folter-, Tabu- und Ekelgeige hoch und runter, dass einem Essen und Kümmern vergehen. Natürlich ist das krank, hart, pervers und abstumpfend, zum Teil auch wieder derart bizarr und witzig drüber, manchmal kaum ernst zu nehmen. Aber vor allem ist dieses extreme „Fest“ der Körperflüssigkeiten sehr eintönig. Mit der Zeit weichen Schock und Übelkeit eher für Langeweile und Ärger. Egal wie gut die praktischen Effekte der Wunden und „künstlichen Körperöffnungen“ auch sind, egal wie sehr der mexikanische Flavor voller Schmutz, sozialer Ungerechtigkeit und polizeilicher Ohnmacht mitklingt, egal wie „echt“ und „snuffig“ das Ganze in „guten“ Momenten auch wirken kann - am Ende bleibt nicht viel übrig außer geschmälter Appetit und viel Ratlosigkeit. Oder ein enttäuschtes „Habe ich vor 30 Jahren schon ähnlich und mit mehr Nachhaltigkeit gesehen“. Für das, was er sein will, ist „Atroz“ einigermaßen erfolgreich und durchaus ein Schlag in die Magengrube, für Torture Porn-Fanatiker und abgefuckte Gorehunde vielleicht sogar endlich mal wieder einer, der an die Grenzen stößt. Ungemütlich und widerlich. Doch insgesamt sind die 80 Minuten eher mau und mangelhaft. Ein gemischte Tüte Pfui und Egal. Irgendwie ist die Richtung völlig zurecht fast trockengelegt. Und wenn man doch mal Bock auf so eine „Folter“ hat, greift man lieber zu seinen Vorbildern. Die bekommen nachhaltigeres Unbehagen sogar ohne unnötige, drangehangene und fremdkörperartige Twists und Erklärungen kurz vor Schluss hin.
Fazit: reinste Folter...?! „Atroz“ ist Torture Porn von seiner extremsten Seite irgendwo zwischen „Grotesque“ und anderen Sicko-„Klassikern“. Und das aus dem sonnigen Mexiko. Richtig krank, brutal und eklig. Selbst nach den Standards hartgesottenster Genrefans. Würgereiz, Gesichtskirmes und Kopfschütteln vorprogrammiert. Einer der wenigen „verbotenen“ und „skandalösen“ Filme der jüngeren Jahre. Hart zu gucken und das mit voller Absicht. Will man das sehen?! Muss man das sehen?!? Naja, jedem das Seine... Mitgenommen, geschockt und irgendwie in Magenhöhe „berührt“ hat er mich schon... „Gut“ ist er aber dennoch nur eingeschränkt. Oder eher gar nicht.