Daniel Kauuya spielt Chris, einen professionellen Fotografen, der nun, nach einigen Monaten in seiner aktuellen Beziehung, den Eltern seiner Freundin, gespielt von Allison Williams, vorgestellt werden soll. Vor dem ersten Zusammentreffen ist dem jungen Afroamerikaner auch deshalb etwas mulmig, weil seine Freundin weißer Hautfarbe ist. Er sollte daher eigentlich erleichtert sein, dass sich ihre Familie als liberal und Farbigen gegenüber weitgehend unvoreingenommen entpuppt. Doch irgendetwas ist faul auf dem Anwesen seiner potentiellen Schwiegereltern: Die schwarze Haushälterin und der schwarze Gärtner verhalten sich merkwürdig und als Chris schließlich auf einer Party dem Bekannten- und Freundeskreis seiner Freundin vorgestellt wird, schenken ihm die weißen Gäste allzu viel Aufmerksamkeit. Sind das etwa alles Paranoia?
Jordan Peele hat sich in Amerika vor allem als Komiker einen Namen gemacht. Auf der Video-Plattform Youtube ist u.a. zu sehen, wie Peele einen gewohnt ruhigen und beherrschten Barack Obama imitiert, während sich ein weit sprunghafterer Keegan-Michael Key immer wieder zu Wort meldet, um als personifizierte wütende Seite des ehemaligen US-Präsidenten (als „Anger Translator“) der Wut Obamas über die Republikaner, Donald Trump oder Wladimir Putin lautstark Ausdruck zu verleihen. Peele und Key waren als Comedy-Duo von 2012 bis 2015 in einer Sendung auf dem US-Sender Comedy Central zu sehen, zuletzt spielten die beiden Hauptrollen in der Komödie „Keanu“. Peele, selbst dunkelhäutig, hat sich immer wieder mit der US-Gesellschaft, mit dem Zusammenleben von Schwarz und Weiß, mit den unterschiedlichen Lebenswelten der weißen und der afroamerikanischen Bevölkerung beschäftigt. Als Sohn eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter, als Ehemann einer weißen Frau, dürften ihm beiden Welten nicht fremd sein. Nun hat er sich erneut mit dieser Thematik befasst - als Drehbuchautor und Regisseur eines Horrorfilms.
Darin jongliert Peele gekonnt mit Klischees und Stereotypen, die er mal ironisch aufgreift und mal auf links dreht. Der Film nimmt von Anfang an konsequent die Perspektive von Chris ein, der von den weißen Gästen der nachmittäglichen Feier zunächst bestaunt und dann förmlich belagert wird. Dabei wird nicht nur spürbar, warum die Anwesenheit vieler Weißer Chris nervös macht, sondern auch, was es heißt, zu einer Minderheit der US-Gesellschaft zu gehören. Außerdem will ein Polizist - frei nach dem Klischee und in Anspielung auf die Polizeigewalt vor allem gegen schwarze US-Bürger - nach einem Wildunfall Chris` Ausweis sehen, obwohl der gar nicht gefahren ist. Noch häufiger werden diese Stereotype jedoch ins Gegenteil verkehrt, so scheinen sich die meisten Weißen im Film nach einer schwarzen Hautfarbe regelrecht zu sehnen („Schwarz ist das neue Weiß“). Und schon in der ersten Szene des Films wird ein junger Schwarzer, der sich in ein gut situiertes und vermutlich weißes Viertel verirrt hat, brutal gekidnappt. In den meisten anderen Filmen ist es genau umgekehrt. Witzig sind auch die Szenen, in denen der ach so liberale Vater von Chris` Freundin diese politische Einstellung unter Beweis zu stellen versucht, indem er erzählt, dass er auch ein drittes Mal für Obama gestimmt hätte, um dann seiner Bewunderung für Jesse Owens Ausdruck zu verleihen, den Läufer, der bei der Olympiade 1936 in Berlin vor den Augen Adolf Hitlers dessen Rassenideologie wiederlegte, indem er seine „arischen“ Gegner gleich in mehreren Disziplinen schlug.
„Get Out“ ist aber auch ein astreiner Horrorfilm, der handwerklich durchaus von einem Genre-Spezialisten wie James Wan stammen könnte. Der Komiker Peele offenbart nicht nur ein Händchen für gute Pointen und einen etwas auflockernden, jedoch zu keinem Zeitpunkt albernen Humor, sondern auch für Atmosphäre und Schock-Momente. Der Handlungsablauf folgt zwar im Großen und Ganzen einem gängigen Muster, erzeugt mit dunklen Vorahnungen, ersten mysteriösen Anzeichen und einem zunehmenden Andrehen der Temposchraube aber dennoch Spannung. Das ist nicht zuletzt der starken Leistung von Daniel Kaluuya zu verdanken, dem die Empathie des Zuschauers von Anfang an sicher sein dürfte. Daneben gibt es eine großartige Catherine Keener zu sehen, die oberflächlich freundlich agiert, bei den kontroverseren Diskussionen am Essenstisch ausgleichend eingreift und doch von einer kalten wie mysteriösen Aura umgeben ist. Hinzu kommt das merkwürdige Verhalten der anderen Schwarzen auf dem Anwesen der weißen Familie, das gleichermaßen witzig wie schauerlich erscheint. Nach der Hälfte der Laufzeit ist zwar klar, wohin sich die Handlung entwickeln wird, doch „Get Out“ ist dennoch bis zum Ende ein morbider, spannender, hintergründiger und unglaublich kurzweiliger Spaß. Das gilt insbesondere auch für den brutalen Showdown, der sich insbesondere durch seinen schwarzen Humor auszeichnet.
Fazit:
Jordan Peele ist mit „Get Out“ ein großartiger Horrorfilm gelungen, der sich hintergründig und mit einem ordentlichen Schuss Humor an der Rassismus-Thematik abarbeitet, aber auch als Genrefilm dank dichter Atmosphäre und versierter Machart voll und ganz überzeugt.
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