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Am 15. April 2013 zündeten die aus dem Kaukasus stammenden Zarnajew-Brüder mehrere Sprengsätze mitten in den Zuschauermassen des Boston-Marathons. In den Stunden nach dem Anschlag suchten Bostoner Polizei, FBI und schließlich auch die Bevölkerung fieberhaft nach den Tätern. Im Film wird insbesondere ein von Mark Wahlberg verkörperter Polizist begleitet, der sich zum Zeitpunkt des Attentats im Zielleinlauf befindet und auch im weiteren Verlauf der Ermittlungen eine entscheidende Rolle spielt.

Nach Oliver Stone, dessen Biopic „Snowden“ bisher nicht einmal seine Produktionskosten von etwa 40 Millionen Dollar einspielen konnte, musste auch Peter Berg innerhalb kürzester Zeit gleich zwei Mal die Erfahrung machen, dass mit Filmen über die allerjüngste amerikanische Geschichte an den Kinokassen nicht viel zu holen ist. Erst floppte sein hoch budgetierter Katastrophenfilm „Deepwater Horizon“ im Oktober 2016 und nur wenig später auch sein Thriller „Boston“, der bei einem Budget von über 40 Million Dollar in den Staaten bisher nur 31 Millionen einspielen konnte. Berg, der mit dem ebenfalls auf einer wahren Begebenheit basierenden Kriegsfilm „Lone Survivor“ 2013 noch einen finanziellen Erfolg verbuchen konnte, sollte sich (ähnlich wie Kollege Stone) mit dem Gedanken trösten, dass seine Filme zumindest qualitativ durchaus überzeugen konnten. Dennoch dürfte man bei Lionsgate angesichts des geringen Box Office froh darüber sein, nicht wie geplant drei Filme über den Anschlag auf den Boston-Marathon entwickelt zu haben, sondern neben „Boston“ lediglich den in Kürze erscheinenden „Stronger“, in dem Jake Gyllenhaal ein Anschlagsopfer spielen wird.

Bergs Film, der den realen Ereignissen vom Tag des Anschlags bis zur Verhaftung der beiden Terroristen vier Tage später folgt, basiert u.a. auf dem Sachbuch „Boston Strong“ und verarbeitet die wahre Begebenheit chronologisch und weitgehend tatsachengetreu. Anfangs führt Berg rasend schnell die verschiedensten Figuren ein, deren Verbindungen zum Anschlag bzw. zur Jagd nach den Tätern erst nach und nach deutlich werden. Dabei können die meisten Akteure zwar nur in unvollständigen Skizzen umrissen werden, es reicht jedoch aus, um ein grobes Bild von ihnen zu vermitteln, die Handlung schließlich entlang der verfolgten Einzelgeschichten zu erzählen und dabei immer wieder auf bekannte Gesichter und Einzelschicksale zurückzukommen. Schade ist daran allerdings, dass fähige Darsteller wie John Goodman, J.K. Simmons oder Michelle Monaghan praktisch verheizt werden. Von den Nebendarstellern kann so allein Kevin Bacon in der Rolle des akribischen FBI-Mannes etwas Eindruck hinterlassen.

Die eindrücklichsten Szenen des Films sind die des Anschlags. Berg, der bereits bei „Operation Kingdom“, „Lone Survivor“ und „Deepwater Horizon“ sein Talent für realistische und sehr physische Action-Szenen gezeigt hatte, macht zunächst die Explosionen mit authentisch wirkenden Bildern und wuchtigem Sound für den Zuschauer praktisch spürbar, um anschließend einen fast dokumentarisch anmutenden Blick auf das ausbrechende Chaos zu werfen. Die Auswirkungen des Anschlags, der drei Menschen das Leben kostete und bei dem über 200 teils schwer verletzt wurden, werden dabei in schwer verdauliche Bilder gebannt. Berg zeigt verstümmelte Menschen, die im Zieleinlauf auf Angehörige warteten, Eltern, die nach ihren Kindern rufen, ein schwer verletztes Pärchen, das sich in der Hektik verliert, in unterschiedliche Krankenhäuser eingeliefert wird und um das Leben des jeweils anderen Bangen muss. Überhaupt hat der Film mit seiner dynamischen Wackelkamera-Inszenierung durchweg einen dokumentarischen Anstrich, der auch die finale Schießerei in Watertown spannend gestaltet.

Dramaturgischer Dreh- und Angelpunkt des Films ist dabei der von Mark Wahlberg verkörperte Polizist, der als einzige Figur einen etwas ausführlicheren Background erhält. Er ist beim Anschlag anwesend, fordert Rettungswagen an und leitet die Räumung ein, er ist daraufhin an den Ermittlungen beteiligt und schlussendlich auch bei der Ergreifung der Täter. Die Figur des etwas hitzköpfigen Cops, die Wahlberg souverän verkörpert, ist zwar allzu klischeehaft, steht aber ohnehin eher stellvertretend für die Bostoner Polizei insgesamt, die tagelang unermüdlich im Einsatz war und im Film als sympathische Ansammlung von Lokalpatrioten dargestellt wird, die den Anschlag auf ihre Stadt persönlich nehmen und daher alles daran setzen, die Täter zu fassen. Das ist mitunter etwas pathetisch, mag aber dem verständlichen Anliegen geschuldet sein, den Opfern, Helfern und Ermittlern mit „Boston“ ein kleines Denkmal zu setzen. Dies gelingt insofern aber nur teilweise, weil angesichts des gehetzten Tempos und der oberflächlichen Figurenzeichnung die großen Emotionen fehlen und der Film - wenngleich durchaus interessant und spannend - nicht ganz so packend geworden ist, wie dies möglich gewesen wäre. Denkbar ist aber auch, dass „Stronger“, in dem das Schicksal eines schwer verletzten Anschlagsopfers thematisiert wird, die fehlenden Emotionen nachliefert.

Fazit:
Bergs dynamische, fast dokumentarisch anmutende Inszenierung, die erschütternden Bilder des Anschlags und die Vielzahl verarbeiteter Fakten machen „Boston“ zu einem sehenswerten Film. Die ganz große emotionale Wucht geht dem Tatsachen-Thriller aufgrund der skizzenhaften Charakterkonstruktion und des mitunter gehetzten Tempos jedoch ab.

70 %

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