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Wenn der Spielfilm zur Dokumentation wird

Der Film von Peter Berg, im original Patriots Day, erzählt die Ereignisse rund um die Bombenanschläge beim Boston Marathon im April 2013 – ein Tag, der sich in die kollektive Erinnerung der USA eingebrannt hat.

Mark Wahlberg, Sohn der Stadt und Stammgast in Rollen, die irgendwo zwischen Working-Class-Held und moralischem Kompass angesiedelt sind, führt uns durch dieses Drama, das zugleich Thriller, Dokumentation und Gedenkminute ist. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Hier will niemand nur unterhalten. Boston will ehren, mahnen, dokumentieren – und er will uns mitten hineinwerfen in die Stunden des Schreckens und die fieberhafte Jagd auf die Attentäter. Interessant ist dabei, dass es sich um die zweite Kollaboration von Wahlberg und Regisseur Peter Berg im Jahr 2016 handelt. Nach Deepwater Horizon, dem packenden Katastrophendrama über die Ölbohrplattform, wagten sie sich gleich an die nächste auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte. Zwei Filme, zwei Katastrophen, zwei Mal ein Kino, das die Realität fast ungeschönt auf die Leinwand bringt.

Chronologie mit Pulsschlag

Die Handlung ist bekannt – und vielleicht liegt genau darin die Herausforderung. Wie erzählt man ein Ereignis, das die Weltöffentlichkeit live am Bildschirm mitverfolgte, ohne dass es wie eine nüchterne Nacherzählung wirkt? Berg entscheidet sich für einen geschickten Hybrid aus Spielfilm und Dokudrama. Die Geschichte folgt dem fiktiven, aber plausibel angelegten Polizisten Tommy Saunders (Wahlberg), der an verschiedenen Schlüsselmomenten der Ereignisse beteiligt ist. Rund um ihn entfaltet sich ein Mosaik aus echten Figuren, Beamten, Opfern, Ermittlern.

Der Film zeigt den Marathon-Tag, den Anschlag, das Chaos danach, die fieberhafte Suche nach den Attentätern und die dramatische Schießerei, die schließlich zur Festnahme führt. Das Drehbuch greift dabei auf eine klare Chronologie zurück. Stundenangaben blenden ein, wie lange es seit dem Anschlag her ist. Schauplätze werden mit Ortsmarken versehen. Originalaufnahmen fließen ein. All das wirkt, als würde man eine True-Crime-Doku sehen – nur dass die Bilder größer, intensiver und emotionaler sind. Diese Struktur ist klug gewählt, weil sie den Film wie ein Dossier wirken lässt: Fakten, Beweise, Fortschritt.

Die Spannungskurve ist dabei enorm: Schon früh baut sich ein beklemmendes Gefühl auf. Man weiß, was kommt, und doch sitzt man angespannt im Sessel, wenn die Kamera die Marathonstrecke zeigt, die Menge jubelt, die Uhr heruntertickt – und dann, dieser Knall. Ein Schockmoment, der nachhallt, weil er nüchtern inszeniert wird, ohne auf Effekte zu setzen. Im zweiten Akt schwächelt die Dramaturgie ein wenig – hier verliert der Film zwischendurch etwas an Stringenz. Doch das fällt kaum ins Gewicht, weil die nächste Wendung, die nächste intensive Szene schon lauert. Sobald die Ermittlungen Fahrt aufnehmen, ist man wieder mittendrin, zwischen FBI-Büro, Tatortarbeit und Verfolgungsjagd.

Inszenierte Authentizität

Die größte Stärke von Boston ist sein dokumentarischer Stil. Der Film ist durchtränkt von Realismus. Der Ton ist rau, hart, unverfälscht. Peter Berg versteht es, ein Szenario so aufzubauen, dass man beinahe das Gefühl hat, Teil des Geschehens zu sein. Dafür sorgen nicht nur die eingeblendeten Uhrzeiten („X Stunden seit dem Anschlag“) und die exakten Ortsangaben. Er lässt auch Originalaufnahmen einfließen. Echte Nachrichtenbilder, echte Schauplätze, echte Straßen, als wolle er sagen: Das hier ist nicht nur ein Film, das ist passiert. Die Kameraarbeit verstärkt diesen Eindruck: schnelle Schnitte, nervöse Bewegungen, eine Kamera, die dicht am Geschehen klebt, und eine Inszenierung, die Realismus über jede Form von Hollywood-Glamour stellt. Die Bildsprache ist hart, direkt, ungeschönt. Keine Hochglanzbilder, sondern Korn, Dreck, Blut, Blaulicht. Schnitt und Kamera schaffen es, einen Sog zu erzeugen, der sich wie eine Reportage anfühlt und doch cineastisch funktioniert.

Peter Bergs Inszenierung balanciert auf einem schmalen Grat: Er möchte die Opfer würdigen, den Schrecken ernst nehmen – und trotzdem Spannung erzeugen. Das gelingt ihm über weite Strecken, weil er nicht auf effekthascherische Mittel setzt, sondern auf Authentizität. Er zeigt Polizeiarbeit in all ihrer Mühsal: das stundenlange Sichten von Videoaufnahmen, das Abgleichen von Spuren, die schiere Belastung, wenn eine Stadt im Ausnahmezustand ist. Ein dramaturgischer Höhepunkt ist die Schießerei in Watertown. Sie wirkt nicht wie eine choreografierte Action-Szene, sondern wie ein Live-Mitschnitt. Verwirrt, chaotisch, laut, unübersichtlich.

Mark Wahlberg in der Hauptrolle ist, wie man ihn kennt: präsent, erdig, ein Mann von nebenan mit dem Herz am rechten Fleck. Wahlberg spielt keinen Überhelden, sondern einen Polizisten, der einfach tut, was getan werden muss. Er verleiht seiner Figur eine Mischung aus Zähigkeit, Empathie und Alltagsheldentum. John Goodman überzeugt als Polizeichef mit ruhiger Autorität, während Kevin Bacon als FBI-Agent die kühle Professionalität verkörpert, die inmitten des Chaos nötig ist.

Fazit

Boston ist weder kitschig noch pathetisch, sondern hält sich mit bemerkenswerter Disziplin am Realismus fest. Er ist packend, weil er dokumentarisch wirkt, berührend, weil er die Opfer würdigt, und spannend, weil er die Jagd auf die Täter mit nervenaufreibender Intensität zeigt. Peter Berg und Mark Wahlberg haben erneut bewiesen, dass sie ein Gespür für wahre Geschichten haben, die mehr sind als nur Stoff für Schlagzeilen. Wie schon bei Deepwater Horizon gelingt es ihnen, das Drama realer Ereignisse so auf die Leinwand zu bringen, dass man als Zuschauer mitgerissen wird, ohne dass die Grenze zur Effekthascherei überschritten wird. Dass das gelingt, ist vor allem dem dokumentarischen Stil, der intensiven Kamera und den durchweg starken Darstellern zu verdanken. Die dramaturgischen Schwächen im Mittelteil sind verzeihbar angesichts der Wucht des Gesamtwerks.

Vor allem aber ist Boston ein Film, der mehr will, als nur zu unterhalten. Er ist kein patriotischer Hollywood-Bombast, sondern eine ehrliche, harte und dennoch hoffnungsvolle Hommage an die Menschen von Boston. Ein Film, der nicht nur erzählt, sondern spüren lässt. Und das macht ihn absolut sehenswert.















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