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Warum ist dieser Film so unbekannt?

In der Hauptrolle Brando, Regie Pontecorvo, Musik von Morricone. Da müsste der Film doch bekannter sein? Zu Brando und Morricone muss nichts gesagt werden; Pontecorvo ist natürlich nicht so bekannt, aber hat immerhin "Schlacht um Algier" gemacht, einen sehr bekannten und hoch angesehenen Film, siehe z. B. hier: http://web.archive.org/web/20080307130304/http://www.imdb.com/title/tt0058946/
Stand heute steht er zwar nicht mehr so hoch in den "Top 250", aber die Zahl der abgegebenen Stimmen ist auf über 9000 angewachsen, für einen Film aus den Sechzigern eine sehr respektable Zahl. Von den an "Queimada" beteiligten Personen ist natürlich auch noch Franco Solinas erwähnenswert, der sowohl bei diesem Film als auch bei "Schlacht um Algier" das Drehbuch (mit-)geschrieben hat.

Vielleicht hängt die Unbekanntheit von "Queimada" damit zusammen, dass es während der Produktion Probleme gab, was wohl (mit) dazu führte, dass er bei seinem Kinostart kein Erfolg war (näheres dazu kann man auf einschlägigen Seiten wie IMDb und Wikipedia finden, ich will diese eh schon lange Kritik nicht noch durch Informationen weiter aufblähen, die sowieso problemlos woanders verfügbar sind). Aber es gibt ja auch andere Filme, die zunächst kein Erfolg waren, aber später doch noch große Anerkennung gefunden haben, z. B. "The Thing". Da wäre "Queimada" meiner Meinung nach auch ein geeigneter Kandidat. Wie man an meiner Bewertung sieht, hat er mir sehr gefallen.

Andere mögliche Gründe für die Unbekanntheit sind vielleicht das langsame Erzähltempo und das Thema des Films. Wer sich nicht besonders für Geschichte und Politik interessiert, wird wahrscheinlich keinen großen Spaß an diesem Film haben. Zwar werden auch Kriegshandlungen gezeigt, aber es gibt auch lange Passagen, in denen nur geredet wird, meistens über Machtpolitik. Mit meiner hohen Bewertung will ich also nicht sagen, dass jeder den Film gesehen haben muss, wer eher langsame Filme mit starkem politischem Einschlag nicht mag, dem würde ich eher abraten.

Zu meiner Bewertung muss ich auch noch sagen, dass ich zunächst etwas gezögert habe, die volle Punktzahl zu vergeben. "Schlacht um Algier" hat mir noch besser als "Queimada" gefallen, da denkt man dann "Hmm, wenn ich 'Queimada' 10 Punkte gebe, wie viele soll ich dann 'Schlacht um Algier' geben? 12?" Wenn mir ein Film sehr gefällt, gehe ich aber meistens nach dem Motto "im Zweifel für den Angeklagten" vor und gehe lieber das Risiko ein, einen Punkt zu viel zu vergeben als einen Punkt zu wenig. Und "Schlacht um Algier" halte ich für einen absoluten Ausnahmefilm, an dem man nicht alle anderen messen sollte.

Thematisch sind sich die beiden Filme ähnlich. Es geht in beiden um den Konflikt zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten. Bei "Schlacht um Algier" geht es um den Algerienkrieg (Franzosen gegen Algerier), bei "Queimada" geht es um eine (fiktive) Karibikinsel, die eine portugiesische Kolonie ist. Die Handlung spielt im 19. Jh. und ist wohl lose an tatsächliche Ereignisse auf einer anderen Karibikinsel (Haiti) angelehnt. Brando spielt einen englischen Agenten namens Sir William Walker, der die Verhältnisse in der Kolonie ändern möchte. Er versucht, einen Sklavenaufstand anzuzetteln, denn ein unabhängiges Queimada würde weniger Macht für die Portugiesen bedeuten, was für England von Vorteil wäre. Es geht um den Konflikt zwischen weißen Kolonisatoren und schwarzen Sklaven. Die Umsetzung des Themas ist aber in beiden Filmen unterschiedlich. "Schlacht um Algier" hat einen quasi dokumentarischen Stil, bei "Queimada" gibt es mehr Entwicklung der Figuren, der Stil entspricht also eher "normalen" - d. h. nicht quasi-dokumentarischen - Spielfilmen.

Zur konkreten Handlung von "Queimada" möchte ich nicht allzu viel schreiben. Zwar handelt es sich, wie bereits erwähnt, um einen eher langsamen Film. An einigen Stellen fand ich ihn aber spannend oder sogar sehr spannend, vor allem gegen Ende. Da ist es glaube ich von Vorteil, wenn man nur wenig über die Handlung weiß, sonst kommt viel weniger Spannung auf, wenn überhaupt. Und in vielen Fällen sind Inhaltsangaben sowieso überflüssig, da ja hier oder auf anderen Seiten im Internet problemlos welche gefunden werden können.

Zum Thema lässt sich aber noch einiges sagen. Asymmetrische Kriegsführung ist ja nach bzw. ab 2001 wieder sehr aktuell geworden, durch islamistische Terroristen und den Krieg gegen sie, durch die Konflikte in Afghanistan und im Irak. Hier ist natürlich leicht eine Parallele auszumachen. Es geht in den aktuellen Konflikten und in "Queimada" um einen Kampf von Guerillas gegen eine Großmacht. Durch die Parallele wirkt der Film (wie auch "Schlacht um Algier") sehr interessant. Darüber hinaus gibt es auch noch eine nicht zu übersehende Parallele zu der Zeit, als der Film entstand. In der zweiten Hälfte des Films wendet Sir William auf Queimada eine Verbrannte-Erde-Taktik gegen die Guerillas an, da besteht natürlich ein Bezug zum damals aktuellen Vietnam-Krieg, Stichwort Napalm und Agent Orange. Und natürlich war der Vietnam-Krieg auch ein asymmetrischer Krieg. Eine kleine Parallele kann man auch noch zu "Apocalypse Now" ausmachen, denn auch dort spielt Brando eine Figur, die an einem asymmetrischen Krieg beteiligt ist. Und Colonel Kurtz scheint wie Sir William ein intelligenter Stratege zu sein, es wird in "Apocalypse" erwähnt, dass Kurtz der Meinung war, dass der Krieg mit der richtigen Strategie hätte gewonnen werden können. Auch Sir William betont, wie wichtig die richtige Strategie im Kampf gegen Guerillas ist. (Er ist ein Machtmensch, der über Leichen geht, und betont, dass man nur mit rücksichtsloser Härte eine Chance gegen die Guerillas hat. Er ist einer, der Machiavellis "Der Fürst" gelesen und verstanden hat.)

Da ich Morricone erwähnt habe: Die Musik hat mir sehr gut gefallen (auch wenn ich z. B. die zu "Für ein paar Dollar mehr" noch besser fand). Vor allem, als ich den Film zum zweiten Mal gesehen habe, ging sie gut ins Ohr. Ich glaube, dass der Sound ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, beim ersten Mal dachte ich "Hmm, haben die so eine Art billige Hammond-Orgel genommen? Eine echte Orgel wär besser." Es ist nicht besonders viel Musik im Film, es gibt viele lange Passagen ohne Musik, was ich aber nicht störend finde. An einer Stelle (als José Dolores am Strand gefeiert wird) wurde wohl Musik von einem klassischen Komponisten verwendet, z. B. Bach, es hörte sich sehr barock an.

Fazit: Wer "Schlacht um Algier" mochte, darf hier bedenkenlos zuschlagen. Wer "Schlacht um Algier" noch nicht kennt, sollte vielleicht besser zuerst den gucken, wie gesagt ist der wohl noch besser. (Und (vorsichtshalber) noch mal: wer diese Art Film nicht mag, sollte meine Bewertung besser ignorieren.)

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