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Als sich das ZDF in Zusammenarbeit mit ORF und  Crazy Film bzw. der Epo-Film Produktionsgesellschaft vor einigen Jahren entschloss, die gerade auch in Deutschland durchaus recht beliebten "Inspektor Jury" Krimis der Autorin Martha Grimes umzusetzen und für das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen zu verfilmen, war die Neugier darauf im Grunde ebenso groß wie die Skepsis, wobei sich nach Ansicht der ersten beiden Adaptionen Inspektor Jury: Mord im Nebel (2015) und Inspektor Jury: Der Tote im Pub (2014) gerade bei den Kritikern auch das Zweite als gegeben herausstellte. Das Publikum allerdings zahlreich den Einschaltknopf drückte und mehr oder minder mit dem bildhaften Geschehen mitging:

Von seiner Bekannten Lady Agatha Ardry [ Katharina Thalbach ], der eher nervigen Tante seines besten Freundes Melrose Plant [ Götz Schubert ] aufgeschreckt, die während eines Ausflugs zum  Jägerdörfchen Ashdown Dean eine tote Frau in der Telefonzelle gefunden hat, fährt Inspector Richard Jury [ Fritz Karl ] zusammen mit seinem Sergeant Wiggins [ Arndt Schwering-Sohnrey ] in den eigentlich beschaulichen Ort. Dort trifft er auch auf Plant, der wenig auf die Mutmaßungen seiner Tante gibt, zumal der Amtsarzt auch nur einen Herzinfarkt bei der Autopsie feststellt. Weitere mysteriöse Vorgänge, die sich vermehrt um das junge Mädchen Carrie [ Robyn Wright ] drehen und auch weitere Todesfälle scheinbar ohne Fremdeinwirkung zeigen dem weiterhin eisern nachforschenden Polizisten, dass er auf der richtigen Spur ist.

Das Problem war schon bei Erstausstrahlung deutlich und eigentlich auch mit der Grund, warum eine gewisse Befangenheit gegenüber der durchaus ungewöhnlichen Herstellung mit einherging. Sogenannte "Britische Krimis", allerdings von einer Amerikanerin geschrieben – was man nicht merkt –, und von den Deutschen bzw. den Österreichern in Neunzigminüter umgesetzt, was dann allerdings deutlich sicht- und spürbar ist. Hat man sich bei dem Erstling tatsächlich noch an ursprüngliche Drehorte begeben, was dem ganzen Ambiente zumindest auf der ersten Blick den Anschein des 'Richtigen' gab, so wurde dort schon das englische Szenario mehr schlecht als recht nachgespielt, also kopiert, variiert vielleicht auch, aber sicherlich nicht detailgenau wiedergegeben. In der Fortsetzung wiederum wich man wegen niedriger Kosten bereits auf Irland als Drehort aus, und machte ansonsten aus der Vorlage, die bei manchen Lesern durchaus Heiligtum ist und Schrein  im Agatha Christie - Stil schlechthin, abermals eher den Nachbau einer durch hierzulande unzählig bekannten und beliebten erzählerischen Form, die von Inspector Barnaby schon vorgegeben wird und darüber hinaus auch durch Inspector Lewis oder neuerdings den Father Brown gleichsam formuliert.

"Inspektor Jury", der zumindest von den anfänglichen Bänden auch noch weitaus genug gutes Material für weitere Verfilmungen hat und so halb und halb Zuspruch bei den Leseratten findet und eben halb Ablehnung, ist dabei eine ganz eigene Mixtur, die den Vorlagen inhaltlich zumindest durchaus getreu ist, nur eben formell und gefühlsmäßig 'anders' und dies im Sinne von 'skurril' als positiv, eventuell auch 'absonderlich' bis 'befremdend' wirken kann. Aber nicht zum daraufhin einlassen zwingt und von den Darstellern, die mal passend sind und mal nicht, immerhin auch mit Engagement und Spielfreude dargeboten wird und eben nicht die rein verkrampfte Modellierung, sondern die lockere Paradoxität vielmehr ist.
 
Verwunderlich ist dafür eher die Entscheidung der Programmverantwortlichen, die Bücher relativ wahllos bzw. sprunghaft scheinend in der Reihenfolge zu bearbeiten, ist man hier bereits bei Band 7, veröffentlicht ursprünglich 1985, ins Deutsche 1993 übersetzt angelangt, und werden die späteren literarischen Zeugnisse nicht unbedingt besser in der Qualität. Auch, dass man sich relativ viel Zeit für die Produktionen lässt – vergleichbare Konstruktionen von der Insel kommen auf 4-6 Filme pro Jahr – , anstatt die Kuh dann richtig zu melken, wenn man schon vor Ort und die sprichwörtliche Milch noch gefragt ist, erstaunt ein wenig; soll sich aber nicht auf die Rezension auswirken. [Angekündigt und im Dreh befindlich für 2018 ist Inspektor Jury: Der Tod des Harlekins, nach dem ehedem Zweiten Band "Inspektor Jury spielt Domino".]

Geschrieben weiterhin von Günter Knarr, der die beiden Vorangegangenen schon verfasst hat und neben Dirk Eggers und Philipp Weinges auch Produzent ist, hangelt sich das Drehbuch leicht heruntergebrochen und um durchaus unnötige Nebenpunkte und -figuren gekürzt an den prägnanten Szenen entlang; Kenner der Materie registrieren das Werk auf jeden Fall, eben vereinfacht durch Personenstreichungen, -zusammenlegungen und auch -veränderungen wieder und könnten sich angesichts des Gezeigten durchaus im Sinne des Cozy Mysteries wohlfühlen oder auch (aufgrund des teils schon albern bis je nach Empfindsamkeit oder Empfindlichkeit auch peinlich wirkenden Re-Produzierens britischer Krimikost mit Hang zum Camp) amüsieren. Vor allem Hauptdarsteller Karl passt weiterhin nicht in die Titelrolle, spielt diese aber auch angenehmerweise dann nicht als stiller Frauenheld mit Weltschmerz, sondern wirkt erleichtert von allem Ballast und eher etwas abwesend über den Dingen schwebend. Kompagnon Schubert hat wenigstens dazu eine gute Chemie, auch wenn er dem süffisant-nonchalanten Plant gleichsam nicht entspricht, mittlerweile beide aber ihre Interpretation der Rolle innehaben und es außer der Phantasie des Lesers, die jeweilig auch unterschiedlich ist, sowieso keinen anderen Vergleich zu gibt.

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