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Yellow = Gelb = Giallo. Welcher Name schießt einem Genrefan beim schönen Wörtchen Giallo wohl als erstes durch den Kopf? Ist es Mario Bava? Dario Argento? Sergio Martino? Lucio Fulci? Oder jemand anderer? Und welcher blumige Filmtitel kommt einem dabei sofort in den Sinn? Etwa Sei donne per l'assassino? L'uccello dalle piume di cristallo? I corpi presentano tracce di violenza carnale? Non si sevizia un paperino? Oder doch ein anderer? Alle diese schönen Filme entstanden vor vielen, vielen Jahren in Italien, als das kultige Genre noch prächtig gedieh und die entsprechende Filmographie scheinbar unaufhörlich wuchs und wuchs. Scheinbar, denn auch der Giallo-Boom fand schließlich ein Ende. Zwar sind die glorreichen Glanzzeiten des Giallos nun schon lange vorbei, doch wie das Genre des Western weigert sich auch der Giallo hartnäckig, den Weg alles Irdischen zu gehen. Engagierte Filmemacher halten das dahinsiechende Genre mit Streifen wie Occhi di cristallo, Amer oder Masks am Leben, während der Einfluß der italienischen Thriller in Werken wie Les nuits rouges du bourreau de jade, Berberian Sound Studio und The Neon Demon mehr als nur spürbar ist. Was uns zu David A. Holcombes Yellow bringt, besser (aber trotzdem kaum) bekannt unter dem Titel City of Lust. Denn diese stilvolle Low-Budget-Indie-Produktion aus den USA atmet nicht nur den Geist der Gialli, sie ist zudem auch noch erfreulich eigenständig.

Erzählt wird die Geschichte von Arianna (Margaret Grace), einer schüchternen, introvertierten aber doch sehr sympathischen jungen Frau, die vor kurzem zwecks Neuanfang in die große Stadt gezogen ist. Auslöser ihrer "Flucht" war ein traumatisches Erlebnis, an welchem ihr Bruder Danny (Derek Ryan Brummet) nicht unbeteiligt war (was genau vorgefallen ist, wird erst im letzten Drittel des Filmes enthüllt, ist aber keine große Überraschung). Eines Abends, als die Einsamkeit mal wieder an ihr nagt, ruft sie eine Sex-Hotline an und landet bei der lasziven Jackie (Jill Oliver). Obwohl sie das Gespräch nach wenigen Worten schon wieder abwürgt, ist der Funke bereits übergesprungen und das Feuer ist entfacht. Nach einigen weiteren Telefonaten treffen sich die beiden schließlich in einem Tanzclub und freunden sich langsam an. Und eine Freundin braucht Arianna jetzt auch dringend, denn im Job ist der Wurm drin. Arianna arbeitet nämlich in einem extravaganten Kosmetik- und Friseursalon, und als Arbeitszubehör spurlos verschwindet, verdächtigt ihre Chefin Lyla (Shelley Nixon) ausgerechnet sie und hat sie fortan auf dem Kieker. Damit nicht genug wird sie auch von einigen Arbeitskolleginnen gemobbt und Bruderherz Danny hat ihre Fährte längst aufgenommen. Da kommt es in ihrem Umfeld zu einer grausamen Mordserie, und es dauert nicht lange, bis der ermittelnde Polizist Verstadt (H.B. Ward) in Arianna seine Hauptverdächtige sieht.

Wie bei solch minibudgetierten Produktionen nicht unüblich gibt es einiges an Licht und Schatten, wobei das Licht bei Yellow dermaßen grell und schick ist, daß die Schatten in die hintersten Ecken und Winkel verdrängt werden und kaum mehr eine Rolle spielen. Sicher, das fehlende Geld springt dem Publikum dann und wann (bei Massenszenen, beim Set-Design, bei den Spezialeffekten) ins Auge, die Darbietungen der Schauspieler/innen in einigen Nebenrollen sind nicht wirklich überzeugend, die Dramaturgie ist etwas holprig, die Spannung hält sich in Grenzen, und die musikalische Untermalung des Geschehens ist auch noch ziemlich durchwachsen. Im Großen und Ganzen ist der Score zwar passend, aber hin und wieder drängt er sich so sehr in den Vordergrund, daß er nicht nur unangenehm auffällt, sondern schlichtweg zu nerven beginnt. Das sind die Schatten, und natürlich kann man sich daran aufhängen, den Film in Bausch und Bogen verteufeln und ihn in einen Topf mit mißlungenen Streifen wie den bescheidenen Tulpa - Perdizioni mortali oder den hundsmiserablen Francesca werfen. Klar, auch Yellow erfindet weder das Rad neu, noch kann er vergangene Hochzeiten wiederaufleben lassen. Aber er ist gut gemacht (in Holcombe schlummert offensichtlich einiges an Talent), optisch ein kleiner Leckerbissen und punktet darüber hinaus mit seiner faszinierenden (und omnipräsenten) Hauptfigur.

Anstatt sich vor seinen Vorbildern so tief zu verbeugen, daß er zum bloßen Plagiat verkommt, beschreitet Yellow eigene Wege. Die weder originelle noch aufregende Story mit den zahlreichen, altbekannten Versatzstücken rückt rasch in den Hintergrund, fungiert im Prinzip nur als stimmige Giallo-Rahmenhandlung, in welche das faszinierende Psychodrama um unsere Protagonistin Arianna eingebettet ist. In Kombination mit der fulminanten wenn auch extrem artifiziellen Szenenausleuchtung, bei der warme Farben wie Orange, Rot und Gelb dominieren, und des phasenweise starken Scores entsteht - ähnlich wie bei Nicolas Winding Refns The Neon Demon - ein hypnotischer Sog, dem man sich nur mit Gewalt entziehen kann. Holcombe und seine beiden Ko-Autoren entwerfen eine eigenständige, fiebrig-mysteriöse Filmwelt, die mit der Realität nichts zu tun hat und die eher einem verlockenden (Alp)Traum gleicht. Das ist nicht nur wunderschön anzuschauen, sondern - dank der tollen Leistung von Margaret Grace - durchaus auch fesselnd und mitreißend. Holcombe verzichtet gänzlich auf ironische Brechungen und deplatzierten Humor; seine selbstbewußte Inszenierung ist dicht und konsequent, aber auch gefühlvoll, eigenwillig und etwas träumerisch. Trotz des niedrigen Budgets und der damit einhergehenden Defizite ist Holcombe mit Yellow ein kleiner, stylischer Psychoschocker gelungen, der erheblich mehr beeindruckt als Dario Argentos letzte drei Filme zusammen.

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