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„Romeo und Julia“, eine Tragödie von universellem Geltungsrahmen. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich Shakespeares Werk nicht nur seine historische Bekanntheit, sondern auch seine Relevanz für die unmittelbare Gegenwart bewahrt. Der Familienkonflikt ist schließlich ein Muster, das sich auf jedwede Gesellschaftsform anwenden lässt. Das Schicksal seiner Protagonisten wurde folglich bereits in die unterschiedlichsten Kulturen in allen Epochen transzendiert. Dem Originalstück verschaffte genau dieser Umstand eine gewisse poetische Gerechtigkeit, denn wenn sich die Fehde der Capulets und Montagues auf jeden beliebigen Clan an jedem Ort der Welt übertragen lässt, werden sämtliche Barrieren obsolet – was letztlich genau das war, wonach die Sehnsüchtigen strebten.

Hollywood ist natürlich nie fern, wenn derart Allgemeingültiges verhandelt wird. Ursprünglich im italienischen Verona angesiedelt, war es Baz Luhrmann, der das unglückliche Liebespaar dank kitschig-bunter Pop-Art wohl endgültig amerikanisierte. Vor Palmenstränden flatterten die Hawaiihemden und funkelten die Desert Eagles in der kalifornischen Sonne, während exaltierte Posen zu altertümlichem Frühneuenglisch eingenommen wurden. Shakespeare war in der Postmoderne angekommen und reflektierte das ästhetisch übersättigte Gegenwartskino, repräsentierte es letztlich sogar.

Was sich da in den 90ern im amerikanischen Westen an wilder Dramatik abspielte, hatte aber ein knappes Jahrzehnt zuvor bereits einen stilistischen Vorläufer an der Ostküste, geschmückt mit Graffiti statt Pop-Art. Ein gewisser Abel Ferrara stromerte zu jener Zeit bereits eine Weile durch die dreckigsten Straßen New Yorks und verfolgte normalerweise Bohrmaschinenkiller, Prostituierte und Vergewaltiger mit der Kamera. Kleine, intime, hässliche psychologische Profile abseits der New Yorker Schokoladenseite, immer auf der Suche nach einer Kombination aus Sensationellem und Ungefiltertem.

Obwohl „China Girl“ nicht als buchstäbliche Adaption von „Romeo und Julia“ gedacht ist, macht er keinerlei Anstalten, die ohnehin unleugbaren Parallelen zu verbergen. Geschmückt wird sich mit ihnen sogar; in Details wie Rollennamen und Dialogfragmenten lebt Shakespeare weiter fort. Ferrara muss sich bei einer derart dominanten Vorlage darüber im Klaren gewesen sein, dass er seinen körnigen Neo-Noir-Realismus aufs Spiel setzt, zumindest aber droht, den Fokus stark ins Bühnenhafte verlagern zu müssen. Er musste sich also öffnen für eine Art des Filmemachens, die er in dieser Form noch nicht gewohnt war.

Entsprechend dramatisch, unter Aufgabe jeder Nüchternheit, beginnt „China Girl“ in einem Club inmitten des großen Melting Pot, wo Afroamerikaner, Italoamerikaner und Sinoamerikaner auf einer Tanzfläche zusammenkommen und durch den Puls der Bässe miteinander verschmelzen. Verdrehte Kamerawinkel und eine theaterreife Einführung der beiden Hauptfiguren, die sich per Gestik und Mimik über jegliche Kommunikationsbarrieren hinwegsetzen, noch bevor die Dialoge einsetzen, lassen den zeitlosen Stoff durch die Form hindurch augenblicklich Gestalt annehmen und selbst Hand anlegen, um wiederum die Hand des Regisseurs zu führen, der die Schneide hält, um die Form zu definieren.

New York, nicht umsonst auch das Spielfeld von „West Side Story“, scheint jedenfalls genau der richtige Ort für eine solche Geschichte zu sein. Ein Blick auf das gedrungene Nebeneinander von Chinatown, Little Italy und Harlem, und eine der größeren Unstimmigkeiten der vogelfreien Luhrmann-Version wird offensichtlich: An der Westküste ist einfach zu viel Platz für die Familien, die sich problemlos aus dem Weg gehen könnten, wenn sie denn wollten. Hier jedoch hängt alles aufeinander, brütend auf einem Pulverfass. Die Grenzen zwischen den Vierteln aufrecht zu erhalten, ist schon der Situation wegen ein permanenter Tanz auf der Rasierklinge.

Maschendrahtzäune und sogar die Ecken der einzelnen Blocks werden dadurch zu Grenzmarkierungen, jegliches Überschreiten führt zu Irritation und schließlich Konfrontation. Wenn Ferrara unter Beweis stellt, dass er an diesem Ort zu Hause ist, dann bei dem von Insider-Hand geführten Schwenk durch die Viertel. Die Kamera gleitet geschmeidig hinein in ihre tiefsten Winkel und fängt die Alteingesessenen ein, die da an den Tresen der Geschäfte oder direkt auf der Straße hocken und kulturelle Identität ausschwitzen. Die vielen Nebenfiguren, die den Ausgang der Geschichte durch ihr protektives Handeln entscheidend mitbestimmen, werden von Beginn an mit jedem Schritt verfolgt. Wie lange die Kamera alleine auf James Russos Gesicht verharrt, der seinerseits eine chinesische Familie beobachtet, die ihr neues Restaurant für die Eröffnung vorbereitet, das hat schon fast etwas von einer Naturdokumentation über die wilde Savanne, wo Hyänen, Löwen, Zebras und Büffel ein Revier teilen.

Stutzt man „China Girl“ auf seine reine Handlung zurück, bleibt abgesehen vom Kern der Liebesgeschichte nicht viel übrig. Italienisches Temperament und asiatische Berechnung führen regelmäßig zu Kondensat in Form von rassistischen Anfeindungen und Prügeleien, schriller Gestalten wie David Caruso und Russell Wong zum Dank, die auch anderweitig gerne für Gang-Filme gecastet wurden. Unter anderem mit Wong wurde die Romeo-und-Julia-Nummer in einer weichgespülten Mainstream-Action-Variation ein paar Jahre später sogar gleich noch einmal gedreht („Romeo Must Die“, 2000). Stumpfsinnig und eindimensional mag das Drehbuch mit seinem Fokus auf Revierkämpfe wirken, scheint es doch bloß aus einer Abfolge von Kollisionen zwischen Holzköpfen zu sein, die kaum über genug Reflexionsvermögen verfügen, ihr Handeln zu hinterfragen.

Und doch gelingt es Ferrara manchmal, diese ganz speziellen Momente einzufangen, in denen aufgeschlüsselt wird, warum sich die Figuren so verhalten, wie sie sich verhalten. Weniger geschieht das direkt auf der Straße, sondern eher im Privaten, wenn die Familienführer in Nebensätzen unwillkürlich ihre Schwächen preisgeben, ausgerechnet in jenen Momenten, in denen sie ihre Stärke durch Führung demonstrieren möchten. Dass sie die Schwächen zu keiner Zeit selbst erkennen und ihr Handeln somit nie hinterfragen, macht den Stoff überhaupt erst zur Tragödie, erscheint das Schicksal der Protagonisten doch erst durch die Unbelehrbarkeit ihres Umfelds unabwendbar.

Den jungen Italiener Tony spielt Richard Panebianco folglich mit einer allgegenwärtigen Verzweiflung, die seinen Kampf gegen das eigene Schicksal, das Hineingeborenwerden in eine Tradition, die er nie mitbestimmen konnte, aussichtslos erscheinen lässt. Die Ähnlichkeit seines Ausdrucks mit dem des jungen Leonardo DiCaprio ist ihm immanent und vermutlich kein Zufall. Rückbezüge auf die Rebellen-Attitüde der James-Dean-Ära stehen ihm in Gesicht und Haltung geschrieben und verbinden ihn auch mit den Figuren aus Filmen wie Francis Ford Coppolas „Die Outsider“ (1983) oder Philip Kaufmans „The Wanderers“ (1979). Sari Chang wird in der Rolle der Tyan leider ungleich weniger Aufmerksamkeit zuteil, mehr noch als ihr männliches Gegenstück ist sie passiver Spielball ihrer eigenen Situation.

Stark besetzt ist das Set jedenfalls bis weit in die hinteren Ränge hinein (James Hong!), kunstvoll fotografiert ist es ohnehin. Das 80er-Kolorit lässt Manhattan einfach unwiderstehlich echt wirken – jedenfalls, solange die Szenerie in der Pose verharrt. Ein Dia-Album voller bitterer Erinnerungen. So kennt man Ferrara bis heute.

Am Ende frisst Shakespeare Ferrara dennoch mit Haut und Haar. Der Abgang gerät ihm kitschig und weich wie ein, ja, eben wie ein Trauerstück von der Bühne, und man hat aufgrund der Weichenstellungen das Gefühl, dass er die Aufgabe lieber anders gelöst hätte, wenn er gekonnt hätte. So ist „China Girl“ vor allem eine Romeo-und-Julia-Variation im dreckigen New-York-Stil, aufbrausend in der stilistischen Ausschmückung, handzahm jedoch in der inhaltlichen Umdeutung durch die eigentlich so rohen Werkzeuge des New Yorker Regisseurs.

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