„Schluss mit lustig - Krieg dem Imperium"
Die Nachricht schlug ein wie eine Salve des Todessterns. Panik machte sich breit unter den Star Wars-Jüngern. Was hatte diese unheilvolle Erschütterung der Macht nur hervorgerufen? Die Antwort erscheint simpel. Für das heiß ersehnte erste Star Wars Spin-off `Rogue One´ waren umfangreiche Nachdrehs angeordnet worden. Im Filmbusiness ist dies allerdings fast immer ein Indiz für das notdürftige Reparieren eines desaströsen Produkts. Sogar der Filmkomponist musste daraufhin ausgetauscht werden, da der bereits fertige Score nun nicht mehr passte. Was war da nur los?
War der Film einfach „nur" schlecht, oder hatte das böse Mäuse-Imperium aus reiner Profitgier ihre traditionell familienfreundliche Strategie gegenüber einer wackeren Rebellenschar kompromissloser Filmemacher durchgesetzt? Schließlich wurde doch Regisseur Gareth Edwards gerade wegen dem durchaus mutigen Vorhaben, im Star Wars-Universum atmosphärisch und inszenatorisch neue, vor allem rauere Wege zu gehen, verpflichtet. War der unbequeme Jungspund über das Ziel hinaus geschossen und daraufhin zurück gepfiffen worden? Gab es also mal wieder ein gnadenloser Sieg des Kommerz über ambitionierte künstlerische Freiheit zu beklagen? Es deutete alles darauf hin.
Sieht man den fertigen, vermeintlich völlig umgekrempelten Film, lösen sich sämtliche Verkrampfungen binnen weniger Minuten. Die Schockstarre weicht einer wohligen Woge der Erleichterung. „Rogue One" sieht aus wie Star Wars, fühlt sich an wie Star Wars, klingt wie Star Wars und ist dennoch etwas gänzlich neues. Edwards hat Wort gehalten und die Disney-Bosse haben es nachträglich nicht doch noch gebrochen. Zynismus, Härte und Kompromisslosigkeit halten Einzug und drängen den naiv-märchenhaften Charme der bisherigen Filme in die Finsternis des Weltalls. Das war der Plan, das war das Ziel und das bekommt auch der Zuschauer.
Gleich zu Beginn gibt der fast schon süffisant in Weiß gewandete Schurke Krennic diesen veränderten Ton vor. Dem Organisator des neuen, imperialen Vernichtungswaffenprogramms ist jedes Mittel recht, um seine ehrgeizigen Ziele zu erreichen. Er ist je nach Bedarf charmant, manipulativ, aggressiv und gnadenlos. Und er hat Spaß an seinem diabolischen Spiel, ein schillernder Charakter, wie man ihn in der gesamten Prequel-Trilogie von Star Wars-Schöpfer Georg Lucas vergeblich sucht. Dem Wissenschaftler Erso (Mads Mikkelsen) macht Krennic ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Wenigstens kann er seine halbwüchsige Tochter Jyn vor Krennics Schergen in Sicherheit bringen.
Womit wir bei den Helden angekommen wären. Wer jetzt auf edle Jedis und aufrichtige Abenteurer-Burschen hofft, wird sich verwundert die Augen reiben. Der harte Kern der a vorderster Front kämpfenden Rebellen erinnert mehr an eine futuristische Version der „Expendables" als Laserbewaffnete die Ritter der Tafelrunde. Vor allem Undercover-Agent Cassian Andor (Diego Luna) ist im Kampf gegen das Imperium jedes Mittel recht, Mord an einem enttarnten Informanten inbegriffen. Aber auch Ersos Tochter Jyn (Felicity Jones) gehört nicht gerade zu den Stützen der Gesellschaft. Das kleine Mädchen hat sich zu einer Profidiebin und Einbruchsspezialistin gemausert, häufige Gefängnisaufenthalte inklusive. Der Rebellion steht sie gleichgültig gegenüber, erst eine geheimnisvolle Botschaft ihres tot geglaubten Vaters motiviert sie zum Widerstand.
Gareth Edwards führt all diese Figuren kurz, prägnant und schnörkellos ein. Allzu viel Empathie entsteht dabei nicht, aber die ist auch gar nicht nötig. Die Zeit drängt und der Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando. Da ist nicht viel Platz für Gefühle und gedankliche Reflexionen. Es gilt schnellst möglich, die Baupläne des Todesstern zu erbeuten, bevor die imperiale Superwaffe zur Vernichtung ganzer Planeten ihre Arbeit aufnimmt. Chef-Konstrukteur Erso hat heimlich eine Schwachstelle eingebaut und diese virtuos in den Plänen versteckt.
Im Grunde bietet „Rogue One" das entschlackte Szenario eines B-Films. Eines immens teuren B-Films, keine Frage. Reduziert auf das Wesentliche, ohne Rücksicht auf möglichst breite Zuschauerschichten oder dramaturgische Allgemeinplätze, surrt der Film schnörkellos und komprimiert auf das krachende Finale zu. Die Grundprämisse lautet „Kampf" und genau danach richtet Edwards seine gesamte Inszenierung aus. Wie nie zuvor ist der Titel Programm und steht der (Sternen-)Krieg klar im Fokus. In den bisherigen Star Wars-Filmen gibt es nur eine Sequenz, die den kriegerischen Aspekt der Saga ähnlich verdichtet und fulminant auf die Leinwand donnert. Die Erstürmung der geheimen Rebellenbasis auf dem Eisplaneten Hoth gehört zweifellos zu den ikonographischsten Szenen der Reihe und diente Edwards unverkennbar als Blaupause. „Rogue One" spielt dieses Spektakel gleich dreifach durch und steigert dabei sukzessive Schauwert, Actiongehalt und Intensität. Wenn dann die mächtigen AT-ACTs (eine leicht modifizierte Version der imperialen Kampfläufer AT-AT) durch die tropische Strandlandschaft Scarifs stapfen und dabei die anstürmenden Rebellen in Stücke schießen, schließt sich der Kreis zum tonal düstersten und atmosphärisch packendsten Star Wars-Film „Das Imperium schlägt zurück" (1980).
Anders als J.J. Abrams setzt Edwards allerdings keineswegs auf dessen so erfolgreiche Retro-Charmeoffensive bei „Episode VII - Das Erwachen der Macht". Trotz AT-ATs, der zweibeinigen AT-ST Variante, Todesstern, Tie-Jäger und X-Wing-Fighter ist „Rogue One" der bisher modernste und eigenständigste Ableger. Das ist umso erstaunlicher, da ganze Sets aus „Star Wars" (u.a. die Rebellenbasis auf Yavin sowie diverse Sektionen des Todessterns) exakt nachgestellt wurden und man mit Darth Vader den wohl bekanntesten Charakter der Saga wieder auftreten lies. Vieles wirkt also trotz seiner Vertrautheit neu und unverbraucht. Ein Kriterium ist sicherlich der beinahe völlige Verzicht auf das magische Element der „Macht" sowie auf die zahlreichen Märchen-Referenzen. Vielleicht liegt es auch an den spürbar erwachseneren und lakonischen Dialogen und der deutlich düsterer angelegten Optik.
Den realitätsnäheren „Used-Look" sämtlicher Bauten, Raumschiffe und Gebrauchsgegenstände hatte auch schon Abrams wieder aufgegriffen. Bei der Inszenierung der zahlreichen Actionsequenzen legt Edwards allerdings noch mal eine deutliche Schippe an Härte und Realismus drauf. In „Rogue One" wird nicht nur in Legion, sondern auch unvermittelt, brutal und schmutzig gestorben. Diese deutliche Ausrichtung am Kriegsfilm wird nicht jedem gefallen, für Intention und Anlage des Films passt sie aber perfekt.
Und Spannung? Bei einem Prequel durchaus ein veritabler Fallstrick. Schließlich weiß jeder Star Wars-Fan, worum es hier geht und wie das Ganze endet. Im Ur-Film von 1977, kurz vor dem schicksalshaften Angriff der Rebellenflotte auf den Todesstern, werden die Helden von Rogue One kurz geehrt: „Tausende von Männern und Frauen sind gestorben, um an diese Pläne zu kommen." Und genau in dieser lapidaren Kürze liegt der Vorteil, den Edwards konsequent zu nutzen weiß. Wer möchte jetzt nicht erfahren, warum so viele ihr Leben lassen mussten, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatten und wie das allmächtige Imperium doch noch ausmanövriert werden konnte? „Rogue One" beantwortet all diese Fragen und das auch noch in einem visuellen Feuerwerk, wie man es lange nicht mehr gesehen hat. Finale Weltraumschlacht inklusive. Und ja, der Film endet wenige Minuten vor „Episode IV". Und ja, der Übergang ist perfekt gelungen.
Totale Entwarnung also für alle Nachdreh-Geschockten. Das Star Wars-Universum ist endlich um eine neue Facette reicher, wenn auch eine deutlich abgedunkelte. Der Krieg der Sterne ist zu seinem martialischen Kern vorgedrungen, so gesehen ist „Rogue One" auch ein würdiger Star Wars-Film. Zur Abwechslung mal ganz ohne Pathos und Magie.