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Wolkenverhangenes Vulkangestein. Urwüchsige, windzerfurchte Natur. Ein feuchter, mit sattem Grün gesprenkelter Horizont, der vom Flug eines Raumgleiters zerrissen wird. Die ersten Einstellungen von „Rogue One", dem mit Spannung erwarteten Spin-Off der „Star Wars" Reihe, sehen wunderschön aus. Beinahe entrückt sagenhaft. Es hätte auch Tom Cruise sein können, der hier zum Landeanflug ansetzt, denn wie in „Oblivion" (2013) wählte man Island als Kulisse für den Auftakt eines im Übrigen ungewöhnlichen Beitrags zum Thema „Krieg der Sterne". Von Beginn an wird nämlich deutlich, worauf das Hauptaugenmerk von Gareth Edwards, dem britischen Regisseur dieser drückenden Auftragsarbeit, liegt: auf der Qualität seiner Bilder. Bereits schon mit seinem 2010er Spartenthriller „Monsters" bewegte sich Edwards ganz bewusst weg vom mediokren CGI-Einheitsbrei der Konkurrenz. Seine Bildkompositionen sollten unbedingt von einer markanten Eindringlichkeit sein, die sich in den Kopf brennt. Einzig die Geschichte um Tintenfisch ähnliche Riesenaliens, die miteinander rumknutschen, wirkte etwas unausgegoren und verhinderte, dass sein konzeptionell mutiger Ansatz mehr Aufmerksamkeit fand. Doch mit seiner Interpretation der dunklen Seite der Macht behebt er diesen Missstand. Zwar verläuft die Handlung zunächst und fast bis zum Schluss nach klassischem Erzählmuster, doch erlaubt sich Edwards schließlich, neue Wege zu gehen und, was das diesjährige cineastische Fest zum Fest anbelangt, zum Visionär zu werden.

Wenn ein malerisches Setting das nächste darin ablöst, uns ungläubig staunen zu lassen, dann wird die Story selbst beinahe zur Nebensache. Dabei weiß ohnehin jeder, der sich auch nur ein Quäntchen für das Lebenswerk des George Lucas interessiert, worum es hier geht. Die Pläne des aus Teil IV und VI bekannten Todessterns sollen von einer Splittergruppe der Rebellion beschafft werden, um den wunden Punkt der Anlage finden zu können. Dass das gelingt, hätten wir auch schon als Kinder gewusst, denn immerhin wird der Planetenzerstörer im 1977er „Krieg der Sterne" erfolgreich vernichtet. Und es geht auch gar nicht wirklich um das Beschaffen von Informationen und die Suche nach dem Hebel zum Aushebeln des Imperiums. Hier wird erneut ein (weiblicher) Hauptdarsteller schon als Kind ins kosmische Geschehen gezogen und dort wird schon wieder aus Gefängnissen befreit oder mit dem Hyperantrieb dem Gegner entronnen. Sicher, das ist die Geschichte und daran hangelt sich die Dramaturgie von Edwards Film entlang. Nur bleibt der Handlungsverlauf doch irgendwie Beiwerk angesichts der stilsicheren neuen Finsternis, die der Brite heraufbeschwört.

Es gibt keine kinderfreundlichen Mätzchen der Sorte Jar Jar Binks mehr. Und auch keine drolligen blauen Schmeißfliegen, die Schrott verkaufen. Denn so bunt die überaus geschmackvoll ausgewählten Locations und superb entwickelten Settings auch daherkommen, die Unbeschwertheit der letzten vier „Star Wars"-Teile ist weg. Die vom Film verströmte Stimmung ist insgesamt ernster, weniger auf Gags ausgelegt und bisweilen, vor allem nach dem Auftauchen Darth Vaders, beinahe bedrohlich. Das mag manche verwundern, ist aber ein notwendiger Kniff des Franchise, Abwechslung in die sich ja immer wiederholende Geschichte zu bringen. Zumal man ja darauf verweisen kann, dass „Rogue One" gar kein eigentliches Sequel der Reihe ist, was sozusagen Platz für (dringend gebotene) Innovation lässt. Die Zeichen für ein thematisch vergrößertes „Star Wars"-Universum stehen also gut.

„Rogue One" gelingt, was seine Optik - und damit sein erwähnenswertestes Charakteristikum - betrifft, ein mustergültiger Spagat zwischen liebevollem Maskenbilden und erstaunlich gut aussehenden Computerwelten. Gerieten die Städte und Schiffe der ersten drei Teile des neuen Jahrtausends noch mehr schlecht als recht am Rechner entworfen, überzeugen hier die (wohl notwendigen) CG-Images auf ganzer Linie. Man möchte meinen, seit Avatar nicht mehr so synthetisch lecker gespeist zu haben, was den Augenschmaus angeht. Die tausendfach anbrandende Kritik blieb offenbar nicht folgenlos. Damit ist übrigens ganz nebenbei die Frage geklärt, ob die manisch kinderfreundlichen Disney der Reihe gut tun oder schaden würden. Nach zwei Teilen unter Disney lässt sich konstatieren, dass dem Franchise wohl nichts Besseres hätte passieren können, als der Aufkauf durch die Väter von Balu dem Bären.

Zum wunderlichen Gefühl, etwas Neues zu erleben, mischt sich dennoch die gewohnte Freude, (wohl berechnet in die Story gepflanzte) alte Bekannte wiederzutreffen. Denn ein Cameo-Auftritt folgt dem nächsten. Vom brillant computergenerierten Peter Cushing bis zum endgültig gefährlichen Darth Vader reicht das freudige Wiedersehen. Und neben TIE-Fightern und X-Wings gesellen sich natürlich stilvoll entworfene weitere Neuheiten am Firmament und rennen überdies elegante, noch nie gesehene Uniformen durchs Bild - die meist allerdings gleich wieder von der Rebellion in Fetzen geschossen werden. An dieser Stelle sollten auch die exzellenten Choreographien erwähnt werden, die Zeugnis dafür ablegen, dass man dem Kindesalter entwachsen ist. Beinahe brutal fliegen die Getroffenen durchs Bild oder werden die Unglücklichen von einer Feuerwalze überrollt. Dass das Ganze hier und da doch von einem zündenden Witzchen aufgelockert wird, ändert nichts daran, dass die Gerüchte um den Hintergrund der Nach-Drehs ihren realen Hintergrund haben.

Überhaupt ist Gareth Edwards „Rogue One", so wunderlich sich das anhört, eher ein Kriegsfilm denn spaßige Familienunterhaltung. Es rattert und stirbt sich beinahe so schön wie einst am Omaha-Beach. Wenn auch, zugegeben, ohne einen Tropfen Blut. Die Knuddel- und Knuffelviecher der offiziell ersten drei Teile wären hier ebenso fehl am Platz wie eine aufgesetzte Liebesgeschichte. Die Tatsache, dass die Hauptrolle weiblich besetzt worden ist, muss reichen, das weibliche Publikum ins Kino zu ziehen. Der entsetzliche Kitsch, den einst Hayden Christensen und Natalie Portman auf einer schlecht animierten CGI-Wiese aufführten, hat der Reihe offenbar nachhaltig ihre Dämonen ausgetrieben. Felicity Jones füllt ihre Rolle als Hauptprotagonist der Geschichte ohne (nicht selten gesehenen) gequälten Feminismus oder wichtigtuerisches Gehabe aus. Obwohl sie jede ihrer Szenen mühelos trägt, gelingt es ihr, sich nicht in den Mittelpunkt zu drängen. Ein geistesgegenwärtiger Pluspunkt der Inszenierung (oder der darstellerischen Fähigkeiten der dreiunddreißigjährigen Britin), der sich wohltuend vom üblichen Blockbuster-Kino abhebt.

Die Besetzung insgesamt harmoniert ohne Fehl, so heterogen sie auch auf den ersten Blick wirkt. Dabei tragen Mads Mikkelsen, der hier in die Rolle des Vaters schlüpft, Forest Whitaker, der einen verschrobenen, beinahe „Mad Max"-artigen Charakter zeichnet und nicht zuletzt Ben Mendelsohn als vollendeter Fiesling, maßgeblich dazu bei, dass man bei all dem Bildersegen auch der Story selbst die ihr gebührende Beachtung schenkt. Es ist, als seien die Rollen auf die Physiognomien der Stars zugeschnitten worden. Allein das Casting ist also sozusagen ganz großes Kino.

„Rogue One" ist ein gelungener Versuch, dem „Star Wars" Franchise den an dieser Stelle dringend benötigten neuen Schwung zu verleihen. Sollte sich diese mutige, wenn auch alternativlose Anstrengung rechnen, dann würde das Tor weit aufgestoßen zu völlig neuen Dimensionen galaktischer Unterhaltung. Toll besetzt, millimetergenau berechnet und visuell überragend ist das der beste „Star Wars" seit 1983.

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