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Nach der Übernahme der Marke „Star Wars“ durch Disney wurde nicht nur eine neue Trilogie angekündigt, es sollte auch einzelne Filme geben, die ihre eigenen Geschichten erzählen und von der Hauptreihe mehr oder weniger losgelöste Abenteuer bieten. Dass es hierdurch eine Übersättigung geben könnte, die Befürchtung schwang da schnell mit. Zumindest der erste Film dieser Einzelwerke muss sich dem nicht stellen, denn der von Gareth Edwards inszenierte „Rogue One“ gehört bis dato immer noch zu den besten Produktionen, die das Franchise unter der Ägide seines aktuellen Eigentümers hervorgebracht hat. 

Dabei hat er es nicht unbedingt leicht. Als in der Zeitlinie direkter Vorgänger der so hochverehrten Originaltrilogie kann er sich gewisser Erwartungen nicht erwehren und muss sich zugleich dem von damals bekannten Design und auch sonstigen Gegebenheiten unterwerfen. Die Geschichte, wie eine Gruppe von Rebellen an die Pläne des Todessterns kommt und so das Ausnutzen der Schwachstelle im ersten Film von 1977 möglich macht, unterscheidet sich dennoch spürbar von der klassischen Trilogie. Bekommt man zuerst noch die bekannte blaue Schrift über die weit, weit entfernte Galaxis, so macht der Rest schnell klar, dass „Rogue One“ anders ist. Nicht das bekannte musikalische Hauptthema, nicht der Schriftzug, kein Lauftext. Der Film steht trotz aller Eingebundenheit in die Chronologie und der Nähe zum filmischen Epizentrum der Originaltrilogie für sich.
Das zieht sich durch die gesamte Präsentation und die Erzählung. Die Fantasy-Elemente sind stark heruntergeschraubt, Themen wie Jedi, Macht und Lichtschwerter kommen nur am Rande vor. Mehr fokussiert man sich auf die Mitglieder der Rebellion und liefert eine Mischung aus Spionage, Thriller und Kriegsfilm. Alles eingebettet in ein erdiges Design, das Bunte macht mal Pause. Für die Verhältnisse des Franchise und das, was man darin bislang gesehen hat, ist „Rogue One“ bodenständiger, dreckiger und ernster. Ohne Humor kommt der Film nicht aus, dieser ist aber weit entfernt vom Klamauk manch anderer Episode. 

Erzählerisch macht man zu Beginn einige Stationen, springt von einem Schauplatz und Planeten zum anderen, bis sich die verschiedenen Handlungsstränge verbinden. Die später agierende Truppe muss gefunden werden, unübersichtlich wird es aber nicht. Trotz des vorhandenen Tempos, das der Film nahezu von Anfang bis Ende an den Tag legt. Dabei greift das Skript von Chris Weitz und Tony Gilroy nach der Idee von John Knoll verschiedene Aspekte der Rebellion auf, die hier nicht so homogen wie oft vermutet erscheint. Eine gewisse Ambivalenz zeigt sich in ihren Mitgliedern, das große Ziel bleibt jedoch das Gleiche. Denn das Imperium ist hier ein ernstzunehmender Gegner, der zielstrebig agiert. 
Kommt man von der Serie „Andor“ hierher, hat „Rogue One“ insbesondere in Bezug auf die dort titelgebende Figur sogar noch mehr Gewicht, generell gibt die sehr sehenswerte Serie der Rebellion und der Idee dahinter spürbar mehr dramatischen Unterbau, wovon auch Edwards' Film im Nachhinein profitiert. Bis zum bitteren Ende, welchem doch noch ein Funken Hoffnung innewohnt.

Diesen transportieren eine ganze Reihe von neuen Figuren. Der Fokus liegt auf einer überschaubaren Gruppe, das zentrale Trio bestehend aus Jyn Erso (Felicity Jones), Cassian Andor (Diego Luna) und K-2SO (Alan Tudyk) funktioniert. Jones und Luna liefern eine passende Leistung, Tudyk stiehlt ihnen mitunter schon etwas die Show. K-2SOs trockene und direkte Art bringt eine gute Portion Humor mit ein, ohne zu albern zu sein und macht ihn leicht zu einem meiner favorisierten Droiden. Auch die Nebenrollen sind stark besetzt, hier finden sich Namen wie Donnie Yen, Genevieve O'Reilly, Mads Mikkelsen oder Riz Ahmed. Dazu kommt Forest Whitaker als extremistischer Saw Gerrera, der wie auch Andor durch die nun vorangehende Serie als Charakter hinzugewinnt. Denn ohne diesen Unterbau wirkt Gerrera hier wie ein verzichtbares Anhängsel und durch seine Art wie ein Fremdkörper. 
Auf Seiten des Imperiums gibt Ben Mendelsohn als Director Krennic eine ansprechende Vorstellung ab und es tut erzählerisch einfach gut, wenn man Gegenspieler mal wieder ernst nehmen kann (bin noch geschädigt von der First Order). Interessant ist die Wiederbelebung von Großmoff Tarkin (Guy Henry). Peter Cushing weilt schon lange nicht mehr unter uns und so kam hier wie auch bei dem kurzen Auftritt von Leia Organa performance capturing zum Einsatz. Über das Ergebnis kann man streiten, für mich macht es allerdings nichts kaputt, Tarkin ergibt erzählerisch Sinn, technisch muss man eben damit leben. 

Und dann ist da noch die Figur mit dem größten Schatten – wie man auch im Film sehen kann. Die Auftritte von Darth Vader ergeben entgegen aller Befürchtungen gelungene Bilder, sowohl in seiner Festung auf Mustafar als auch auf dem Kommandoschiff der Rebellenallianz. Letztere Sequenz ist eine, die einfach nur Gänsehaut erzeugt und zeigt, woher Vaders Ruf kommt, wie kaltschnäuzig er sich durch seine Gegner mäht und ist somit nicht nur bildgewaltig, sondern auch charakterisierend. Sein filmischer Einsatz verkommt hier nicht zum Fanservice, sondern ist sinnvoll in das Szenario, das eben so kurz vor „Episode IV“ stattfindet, eingebunden. Ohne diverse Verweise kommt Edwards allerdings nicht aus. Von blauer Milch über einen armlosen Cantina-Besucher in spe bis zu einem kurzen Auftritt von C-3PO und R2-D2 findet sich dies und das, die Menge hält sich aber in Grenzen und wird einem nicht störend ins Gesicht gedrückt.

Erfreulich für mein Auge ist das hier präsentierte altbekannte Design aus der Originaltrilogie. Und das, man möge mir meinen nostalgischen Blick verzeihen, macht „Rogue One“ zu einer visuell sehr ansprechenden Angelegenheit. Detailreich ausgestattet zeigen sich beide Seiten und alles dazwischen, die Sets wirken oft real, Kostüme und Masken machen auch bei nur kurzem Auftauchen was her. Neue Truppler hier und da, die ISB-Uniformen, Aliens. Die neuen und alten Schauplätze bieten ebenso einiges, wobei wohl die bekannte Basis auf Yavin IV sowie das (brennende) Postkartenmotiv Scarif am ehesten in Erinnerung bleiben. Jedha ist eben mal wieder wüstig, von Wobani und Eadu sieht man nun nicht allzu viel. 
Was auf eine andere ikonische Konstruktion nicht zutrifft. Passend zum Thema bekommt man immer wieder den Todesstern präsentiert und man spürt richtig Edwards' Verlangen, diesen in Szene zu setzen. Mit Licht und Schatten spielend wirkte diese Kugel selten so gewaltig, unantastbar und doch auch fast anmutig. 

Visuelle mischen sich mit praktischen Effekten, als Spektakel macht „Rogue One“ schon was her. Der actionreiche Thriller liefert Feuergefechte und Raumschlacht, da fliegt einiges durch und in die Luft. In den Auseinandersetzungen liegt Wucht, das Comichafte bleibt hier fern, man spürt mal wirklich die Atmosphäre von einem 'Krieg' der Sterne, der auch nicht wenige Opfer fordert.
Wie erwähnt ist das Tempo hoch, was aber auch seine Schattenseiten hat. Nicht oft gibt einem der Film Zeit, mal durchzuatmen und manches sacken zu lassen. Da hätten ein paar ruhigere Momente der Wirkung nicht geschadet.
Der Score von Michael Giacchino fällt am ehesten auf, wenn er an John Williams erinnert, bietet aber auch hörenswerte eigene Passagen. In seiner Gesamtheit untermalt er das Geschehen passend, verpasst aber die Eingängigkeit und Wucht, welche die Musik aus den Episodenfilmen liefert.


„You're not the only one who lost everything.“


„Rogue One“ ist trotz seiner Nähe zur Originaltrilogie tonal ein gutes Stück von dieser entfernt und funktioniert dennoch als Brückenfilm dorthin. Die Mischung aus Action, Kriegsfilm und Thriller im Gewand von „Star Wars“ geht hier auf, liefert große Bilder und im Verbund mit der großartigen Serie „Andor“ hat man einen tonal ernsteren und stimmungsvollen Dreiklang, von dem die Sequel-Trilogie nur träumen kann. „Rogue One“ zeigt, dass „Star Wars“ auch ohne seinen Fantasy-Aspekt funktionieren, unterhalten, mitreißen kann. Ist der Film hier und da auch etwas gehetzt und hätte er dazu etwas mehr an Figurenzeichnung vertragen können, so ist er für mich dennoch einer der besten „Star Wars“-Filme. 

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