Review

Im rund 90-minütigen Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutscher Film“ spüren Dominik Graf („Die Katze“) und Johannes F. Sievert („Zeche is nich – Sieben Blicke auf das Ruhrgebiet“) dem deutschen Genrefilm der 1960er und ‘70er nach, der – so die Hypothese – zwischen den Polen „Papas Kino“ mit seinem restaurativen Heimatkitsch und dem Beibehalt klassischer Strukturen nach Kriegsende auf der einen und dem Oberhausener Manifest mit dem neuen deutschen Autorenkino und dem Erstreiten öffentlicher Filmförderung auf der anderen Seite zerrieben wurde und in Vergessenheit zu geraten droht. Uraufgeführt wurde der für die Rundfunksender WDR und Arte produzierte Film im Jahre 2016 auf der Berlinale, im Anschluss lief er auch auf zahlreichen weiteren in- und ausländischen Filmfestivals.

Ein roter Fader im Sinne eines feststehenden Konzepts ist innerhalb des Films nur schwerlich auszumachen, stattdessen macht er einen spontanen, collagenhaften und sprunghaften Eindruck: Mal tritt Graf als Voice-over-Sprecher in Erscheinung, mal befindet er sich hör- und sichtbar in Interviewsituationen, meist aber wirken die Aussagen der zahlreichen Interviewpartner(innen) wie Statements innerhalb einer Oral History. Bei diesen handelt es sich neben Filmwissenschaftler(inne)n und -kritiker(inne)n um die Filmemacher Klaus Lemke („Rocker), Roland Klick („Supermarkt“) Wolfgang Büld („Brennende Langeweile“), Roger Fritz („Mädchen: Mit Gewalt“) und Eckhart Schmidt („Der Fan“), Produzent Artur „Atze“ Brauner sowie Schauspieler wie Mario Adorf („Milano Kaliber 9“, „Der Mafiaboss – Sie töten wie Schakale“, „Deadlock“) und Werner Enke („Zur Sache, Schätzchen“). Textauszüge, Fotos und Filmplakate werden eingeblendet und viele Filmausschnitte gezeigt – meist in einem irre hohen Tempo, sodass sich kaum auf sie konzentrieren lässt. Auf einige, jedoch längst nicht auf alle dieser Filme wird näher eingegangen.

So lässt man Mario Adorf recht ausführlich auf seine Zusammenarbeit mit Roland Klick sowie dem italienischen Regisseur Fernando di Leo eingehen und diverse Anekdoten zum Besten geben, die u.a. von den schweren körperlichen Belastungen während der Dreharbeiten handeln. Der Block über das italienische Genrekino fällt für eine Doku über den deutschen Film generell überraschend breit aus. Neben Rolf Olsens Œuvre, insbesondere „Blutiger Freitag“, werden vor allem Klicks „Supermarkt“ und „Deadlock“, Fritz‘ „Mädchen: Mit Gewalt“ und Lemkes „Brandstifter“ in Erinnerung gerufen (bzw. einem jüngeren Publikum schmackhaft gemacht). Klick und Lemke reden dabei, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, also in beeindruckender Offenheit. Man merkt, dass sich doch auch einige Wut gegen die Initiatoren des Oberhausener Manifests aufgestaut hat, die seinerzeit zwar durchaus zurecht gegen jeglichen Realismus verweigernden Heimatkitsch und ähnlichen für Kriegsverlierer gedrehten Unrat aufstanden, aber offenbar das Kind mit dem Bade ausschütteten und – für radikale neue Ideen natürlich nicht unüblich – wenig differenziert vorgingen.

Davon leiten die Protagonisten dieser Dokumentation ab, dass es deutsches Genrekino daraufhin schwer gehabt habe, sich zu entwickeln und zu etablieren, dass körperliches, sinnliches, actionlastiges oder auch gern mal reißerisches Kino als nicht intellektuell genug gegolten und es Schwierigkeiten bereitet habe, vom neuen Filmförderungssystem zu profitieren (das beispielsweise Lemke komplett ablehnte, da er seine Unabhängigkeit gefährdet sah und fürchtete, Kompromisse eingehen zu müssen). Der Neue deutsche Film wiederum habe mangels kommerziellen Drucks das Publikum aus den Augen verloren und sei selbstgefällig geworden. Das hier behandelte deutsche Genrekino sei ein gutes Stück weit auch ein Gegenentwurf dazu gewesen.

Die Filmwissenschaftler(innen) kommentieren diese Entwicklung ebenso wie die Filmemacher, die von ihrem unterschiedlichen Umgang mit ihr berichten und dabei bisweilen das Wissen ihres Interviewpartners – Dominik Grafs – mit dem des Publikums gleichsetzen, sodass letzteres nicht alles auf Anhieb richtig einordnen können wird. Diesbzgl. wäre ein stärker am klassischen Dokumentarfilm orientierter historischer Abriss sicherlich hilfreich gewesen, um eine für alle klar verständliche Grundlage zu schaffen. Unter den Filmwissenschaftler(innen) tut sich besonders Lisa Gotto hervor, die ihre Ausführungen sehr leidenschaftlichen und mit expressiver Mimik und Gestik vorbringt.

In seinem kreativen Chaos ist „Verfluchte Liebe deutscher Film“ ein sehenswerter Beitrag zur Erinnerung daran, was deutsches Kino auch einmal sein konnte, und, wie der Name schon verrät, eine Liebeserklärung – die hoffentlich viele Zuschauerinnen und Zuschauer auf diese Art von Filmen stieß, denn unter ihnen gibt es in der Tat eine Menge zu entdecken. In seiner historischen Aufarbeitung des deutschen Nachkriegskinos bis in die 1970er hinein ist Grafs und Sieverts Film mir aber etwas zu subjektiv geprägt; so hätte man den Filmwissenschaftler(inne)n gern mehr Raum für unaufgeregte, neutrale Reflektionen einräumen dürfen. Nichtsdestotrotz ist es ein Vergnügen, all die alten Haudegen noch einmal zu sehen und ihren Ausführungen zu lauschen.

Meinem persönlichen Empfinden nach geht die im Film verhandelte Problematik bereits auf die in ihm einleitend erwähnte, typisch deutsche Unterscheidung zwischen „ernsthafter“ und unterhaltender Kultur zurück, einem riesigen Irrtum, der aus inhaltlichem Anspruch und Unterhaltung einen Widerspruch macht, der eigentlich keiner sein sollte. Ideal wäre nämlich eine Mischung aus beidem, unterhaltsam aufbereitet lassen sich Inhalte nun einmal besser vermitteln. So ganz behagt mir dann auch das konsequente Abkanzeln des Neuen deutschen Films nicht, der zweifelsohne auch seine Perlen hervorgebracht hat und mit unterschiedlichsten Filmemacher(inne)n eine sehr heterogene Filmlandschaft geschaffen hat. An staatlicher Filmförderung kann ich auch nichts Verkehrtes finden, solange diese nicht mit Bevormundung und Zensur einhergeht. Auch dieser Dokumentarfilm wurde öffentlich gefördert, und zwar von der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen.

Angebracht wäre es indes – und darum dürfte es Graf & Co. in erster Linie gegangen sein –, dem deutschen Genrekino würde in einer ebensolchen Akzeptanz und mit einem ebensolchen Respekt begegnet wie dem Neuen deutschen Film oder anderen besser beleumundeten Nachkriegsentwicklungen innerhalb der deutschen Spielfilmlandschaft.

P.S.: Die Arte-Ausstrahlung wurde um rund eine halbe Stunde gekürzt, die WDR-Ausstrahlung war vollständig. Und ein Jahr später folgte mit „Offene Wunde deutscher Film“ eine Fortsetzung.

Details
Ähnliche Filme