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Der Erfolg von „Das Schweigen der Lämmer“ und „Sieben“ inspirierte in den 1990ern und frühen 2000ern nicht nur amerikanische Filmemacher zu Serienkillerthrillern, auch andere Länder versuchten sich an dem Genre, etwa Südkorea mit „Tell Me Something“.
Tatsächlich erinnert der Dauerregen stark an „Sieben“, die Funde von Leichenteilen in Müllsäcken an eine Szene aus „Jennifer 8“. Hier geht der Killer allerdings in Seoul um, der seine Opfer in Einzelteile zerlegt, aber neu zusammengestellt und mit teilweise fehlenden Parts in Müllsäcke bugsiert. Detective Cho (Han Seok-kyu) nimmt die Ermittlungen auf, hat aber selber Schwierigkeiten, da man ihm vorwirft von einem Gangster Geldgeschenke angenommen zu haben, damit er die Behandlung seiner kranken Mutter bezahlen kann. Dieser Aspekt wird später nicht wieder aufgenommen und aufgelöst, passt aber zu noirigen Ausrichtung des Films.
Ebenfalls ein klassischer Noir-Aspekt ist die schöne Verdächtige, in die sich der Ermittler verguckt. In diesem Falle handelt es sich um die Künstlerin Yeon Jae-soo (Shim Eun-ha), die mit den ermordeten Männern früher romantisch involviert war. Cho nimmt diese bei sich auf, da er sie nach jüngsten Ereignissen in Gefahr wähnt und droht dem Charme der Dame zu erliegen, was die Ermittlungen gefährden könnte.

Bald gibt es Verdächtige, etwa einen abgewiesenen Verehrer der Zeugin, doch Cho ermittelt in alle Richtungen. Dabei kommt er auf Spuren, die ihn in die Vergangenheit führen und erkennen lassen, dass der Fall komplexer ist als ursprünglich zu erkennen…
Mit fast zwei Stunden Laufzeit ist „Tell Me Something“ ein eher ruhiger, wenig gehetzter Vertreter des Serienkillerfilms geworden, der sich Zeit für die psychologische Ausarbeitung seiner Figuren nimmt und seine Plottwists langsam und sorgfältig vorbereitet. Allerdings ist der koreanische Thriller auch sehr kühl und distanziert, beobachtet und analysiert seine Figuren eher als wirklich Sympathien zu ihnen aufzubauen. Cho und Yeon Jae-soo sind zwei Entfremdete, die einander näher kommen, aber sie wissen nicht ob sie einander trauen können und der Zuschauer weiß nicht, ob er ihnen trauen kann. Das sorgt natürlich für diverse möglicherweise doppelte Böden, hält das Interesse an den Figuren und ihren Schicksalen aber eher klein.
So ist „Tell Me Something“ dann sehr auf Stimmung und Plot fixiert, wobei vor allem ersteres sehr gut funktioniert. Mit seinen verregneten Großstadtaufnahmen und den häufigen Nachtszenen erzeugt „Tell Me Something“ ein einnehmendes Neo-Noir-Flair, während der Serienkillerpart für gelegentliche Härten in Form von Leichenfunden oder Morden sorgt. Dabei kippt „Tell Me Something“ zwischendrin kurzfristig ins Spektakel, etwa wenn ein Müllsack voller Leichenteile eine Massenkarambolage verursacht, aber selbst solche Szenen filmt Regisseur Jang Yoon-hyeon so unterkühlt und unaufgeregt ab, dass sie nicht mit dem Restfilm brechen.

Der erweist sich als gediegenes Verwirrspiel, in dem man keiner Figur so richtig trauen will und das mit reichlich roten Heringen und falschen Fährten auf eine große Enthüllung hinausläuft, die ihre Vor- und Nachteile hat. Einerseits sorgt „Tell Me Something“ für den einen oder anderen Überraschungseffekt, buchstabiert nicht alles aus und punktet so als Thriller, der seine Zuschauer für voll nimmt. Andrerseits ist er dann in mancher Beziehung zu offen, bietet mögliche Interpretationsspielräume, wer wann welchen Mord oder welche Morde begangen haben könnte, was aber nicht unbedingt gewollt wirkt, als sei manche Leerstelle auf schluriges Schreiben und nicht auf gewollte Offenheit des Drehbuchs zurückzuführen. Hin und wieder gibt es sowieso die eine oder andere offene Logikfrage, z.B. warum die Polizei den Ort eines bestimmten Todesfalls erst tagelang ruhen lässt und dann später genauer untersucht.
Kurz nach „Scream“ nutzt auch „Tell Me Something“ Nick Caves „Red Right Hand“ für musikalische Untermalung, setzt es aber noch prägnanter als der Craven-Film ein, während auch Placebo und Enya zum westlich orientierten Klangteppich des Films beitragen, der durchaus auf den internationalen Markt schielt. Recht gelungen ist auch das Spiel der beiden Leads, das ähnlich unterkühlt wie die Inszenierung daherkommt und damit ganz im Sinne des Handlung steht: Beide Darsteller legen ihre jeweilige Figur als Enigma an, das man wahlweise als Täter, Opfer oder Retter sehen kann, ehe erst das Finale Klarheit verschafft.

„Tell Me Something“ hält auf seine Art Figuren wie Zuschauer auf Distanz und ist schreiberisch nicht immer stimmig, ist in seiner nüchternen Art aber durchaus faszinierend und bietet einen unterkühlten Mix aus Neo-Noir und Serienkillerthriller aus Südkoreal. Nicht fehlerfrei, aber durchaus mit Reiz.

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