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Das kann man Pech nennen, Schicksal, Zufall, dass Park Jeong-woos Pandora nur wenig später als Train to Busan erschien, in Masse und Aufwand wohl auch gleichberechtigt, wenn nicht übermächtig und von der Anlage eines Ökothrillers auch aktueller ist, aber im Schatten dessen Aufmerksamkeit verschwand und mit einem soliden Einspiel, aber dennoch nur ein drittel Zuschauer vom Box Office Sieger 2016 doch abgeschlagen unterging. Das Subgenre des reinen (Groß)Katastophenfilmes in der Gunst der Stunde und im Auge des gesuchten und gewollten Betrachters dem derzeit äußerst populären Horrorthrillers sichtlich unterlegen; zumal man sich hier auch in den Bildern und Situationen zuvorigen einheimischen und ausländischen Werken sowieso gleicht, was zuwenig Reiz des Ungewohnten und 'nur' die technische ausgereifte Pflicht und die Mahnung an das Umweltbewusstsein und nicht die Kür wie bei Yeon Sang-hos Live-action Debüt bringt:

Der bessere Tagedieb Jae-hyeok [ Kim Nam-gil ] wohnt noch bei seiner Mutter [ Kim Young-ae ] und läßt sich von dieser auch mehr oder minder durchfüttern, was auch noch die Schwägerin Jeong-hye [ Moon Jeong-hee ] und den kleinen Neffen miteinschliesst. Zwar hat er hochtrabende Pläne, die er vor allem seiner Freundin Yeon-joo [ Kim Joo-hyun ], ist dabei bisher aber noch nichts geworden und sieht die Zukunft in diesem kleinen Küstenstädtchen auch alles andere als rosig aus. Als der einzige Arbeitgeber vor Ort, das lokale Atomkraftwerk von einem Erdbeben schwer beschädigt wird und Leck läuft,  steht der gesamten Nation ein nukleares Disaster bevor, was prompt eine berechtigte Massenpanik und eine ziemliche Hilflosigkeit und Vertuschungsaktion der Regierung auslöst.

Pandora spult dabei sein 136min Programm überaus routiniert, mit vergleichsweise schnellen Start der Katastrophe schon frühzeitig in der ersten halben Stunde und davor viel Warnung und Verneinung und danach allgegenwärtigen Chaos ab. Die Klischees des Desaster Movies von weiland Irwin Allen und Co., bei dessen Bedienung sich nach Tidal Wave, The Tower, The Flu und Parks eigenen Deranged sich nunmehr auch das koreanische Kino längst auskennt und es fest in den dramaturgischen und inszenatorischen Händen ist, werden hier in rascher, aber leider auch gleichzeitig ausdauernder Form präsentiert. Anders als gerade in Deranged, der mit leisen, wenn auch drohenden Aufbau voranging und dann Situationen und Szenerien schaffte, die auch den Weg in den Horror nicht mieden, wird hier eher die Aktion selber, und die emotional aufgeladene Anspannung aller mittelbar und unmittelbar Beteiligten und dies mit allen handwerklichen Mitteln, die zur Verfügung stehen bedient.

Wo dort noch Anspannung und Entspannung im Wechsel herrschte, ist hier der Fuß strikt auf dem Gaspedal, der Pegel immer am Anschlag, so dass auch bald allein das ewige Angeschreie und die Gereiztheit aller Umherstehenden anstrengend für den Zuschauer und ein kleiner Moment der Stille fast am liebsten ist. Eine unsichtbare Gefahr, die plötzlich mehr als sichtbar wird, Lämpchen blinken, Alarme tröten, das erste kleine Erdbeben, bei dem das Fischerdörfchen hier schon fast das Schlachtfeld und bereit zum großen Frühjahrsputz ist, nur als Vorgeschmack, der das Folgende dann immer größer, immer lärmender und ebenfalls schier zu Platzen drohend werden lässt. Aufregend dabei durchaus der Blick auf das Parallele der Katastrophe, in der der Wechsel der Perspektiven vom Parlament hin zu den Arbeitern vor Ort und der unterschiedliche Stand von Wissen, Wollen und Glauben schon die einfachen Gefühle von Empathie und Sympathie anspricht und so in seiner Anti-AKW-Initiative und den Anleihen bei Tschernobyl, Fukushima und Co. involviert. Ärgerlicher wird die Betrachtung der drei Frauen, in der die Ehefrau, die Schwägerin und die Mutter irgendwo allesamt die Pappkameraden weiblicher Art sind, auch wenn die Männer sicherlich nicht mehr Leben in sich über haben und auch nur für die Funktion anwesend sind.

Obwohl die ersten Minuten der noch scheinbaren Beschaulichkeit schon keine wirkliche Idylle versprechen – ein Fischerdorf, dass keines mehr ist, mit einem großen "Reiskocher" vor dem Sichtfeld, was so anheimelig nun auch nicht ist, und mit einer zerstrittenen Bevölkerung aus Arbeitern auf der einen Seite und den ökologischen Warner direkt gegenüber im skandierenden Feld – , so bleiben diese fast noch am Eindrücklichsten zurück. Leere Straßen, kein Tourismus, so dass eigentlich und ständig immer nur die gleichen Leute, die Kollegen halt vor Ort sind und die wenigen Minuten der Abwechslung schon die Fahrt mit den Firmenbussen zum Schichtwechsel und zurück sind. Betrachtet wird dieser Zwiespalt in der Kürze der Vorbereitung nur vorübergehend und lässt das Publikum mit eigener Interpretation des Ganzen zurück; später, als das Unglück seinen Lauf nimmt und sich das Geschehen mit jedem denkbaren Störfall Bahn in die größeren Metropolen bricht, wird nur noch die ewige und unappetitliche Zerstörung der nuklearen Glut, die imposante Choreographie der Massenszenen, die Tadellosigkeit der Produktion dort und schon saubere Arbeitsweise auch des Effekteteams bemerkt. Decken fallen auf die Leute herab, Rohre brechen, zersprengtes Geröll wird in die umher befindlichen Gebäude gedrückt, während die Menschen rennen und stolpern und stürzen,  ersticken, verbrennen und vergiftet werden und mal schneller und mal länger dem Tod ins Auge sehen. Ein Leiden mit ehrenwerten Ansinnen, dem Warnen und dem Abschrecken einer Nation, die als eine der wenigen noch ganz eifrig hinter dem Ausbau von Atomkraft steht; ein Leiden aber auch, dass vor lauter Deutlichkeit und Ausdauer fast wie zum Selbstzweck wird.

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