Seit dem Scheiden von King of Queens mit einer verkürzten und insgesamt wie auch die späteren Folgen sowieso schwächeren 9. Staffel hat sich einiges im Genre der Sitcom getan. Die anschließenden Erfolgsformate lagen bei wenigen, dafür umso ausgiebiger ausgereizten traditionellen Programmen wie Two and a half Man, How I Met Your Mother und dem allzeit laufenden The Big Bang Theory, das eventuell noch 2 Broke Girls als profitierenden Nachzügler und Schweif hintendran im Sendeablauf mit sich zog; anderweitige Verwendungen wie Modern Family und Community gehen einen anderen, einen zeitgemäßen oder dem vermeintlichen Zeitgeist angepassten Weg und sind nicht wirklich global erfolgreich, sondern wie die auch wesentlich innovativeren Kritikerliebkinge Arrested Development, The Office, Curb Your Enthusiasmus eher auf diese Nische begrenzt. Dass nun die Möglichkeit und Ankündigung einer neuen/alten Situationskomödie von Kevin James und der Fortgang wieder weg vom (durchaus erfolgreich bespielten) Kino zurück zur kleinen Mattscheibe, zu den Wurzeln verhältnismäßig Aufsehen erregt, verwundert dabei auf den ersten Blick – Tim Allens Last Man Standing als im Grunde Update vom Dauerbrenner Hör mal, wer da hämmert läuft seit 5 Jahren zwar sicher, aber auch unbemerkt vor sich hin – , lässt sich aber mit der Erinnerung an Früheres und damals Beliebtes und dem heimlichen Drang des Zuschauers doch auch nach Beständigkeit und Solidität und dem Einfachen und Zeitlosen erklären.
Nicht umsonst auch waren die Verantwortlichen um James, Bruce Helford, Rock Reuben und Regisseur Andy Fickman gleich zu Beginn der Proklamation bemüht, zwar auch Neuigkeiten im Ablauf der Geschichte und eben nicht die Fortführung des Gleichen und nicht den Abklatsch herauszustellen, aber sich dennoch konkret auf den Vorgänger im Geiste zu beziehen und das gleiche (zahlreiche) (Mittelschichts)Publikum von damals zu gewinnen und nicht etwa mit etwas gänzlich Anderem zu verprellen. “If there's no moving forwards, You'ne moving backwards. There's no neutral.“ heisst es dazu in der Serie, Folge 3.
Der Anhang von Damals ist heute entsprechend älter, ist Mitte bis Ende Dreißig, hat sein Langzeitstudium nunmehr hoffentlich mit Erfolg beendet, hat vielleicht schon Nachwuchs und muss Abends um 21.00h vor Erschöpfung vom Tagewerk und dem täglichen Stress mit Arbeit, Kind und Kegel schon zu Bett. Kevin Can Wait als Hupferl davor, als Abbild einer gewissen Erinnerung an Früher und einem zwanzigminütigen Blick in eine bessere Zeit und eine leichtere Welt. Darauf war erst die Hoffnung groß, und dann der Aufschrei der Empörung fast noch mehr, die Gesamtzahlen der Einschaltquoten mit stabil starken 8 Millionen Zuschauern, einem Marktanteil von ca. 7% und dem erfolgreichsten Comedystart des Jahres aber ein Ausgleich zur schlechten Kritik.
Der größte Erfolg der Serie ist dabei, dass man den Zuschauer wirklich von Beginn an an die Hand nimmt und ihn in das heißgeliebte Domizil des geruhsamen Entertainments zum Feierabend gleich mit. Die Sitcom als Erschaffung einer heilen Welt, die schon in den ersten Minuten seltsam und sattsam vertraut wirkt, wo man die Häuserfassade von außen schon Hundertfach gesehen hat und das Innere gleich mit. Das Jahr ist 2016, könnte aber auch spielend 1996 sein und von einer Aktualität bemerkt man nichts. Queens ist jetzt Long Island. Das Schlafzimmer ist minimal heller und geräumiger und hat den Fernseher nicht direkt vor dem Bett, sondern etwas in der Ecke versetzt zu stehen. Die Küche ist jetzt links statt rechts und auf dem großen Sofa im Wohnzimmer sitzen plötzlich andere Gestalten als Richie, Deacon, Spence, und Danny, sind aber (theoretisch) von dem gleichen Schlag und dem gleichen Gemüt. Die Namen fallen einem gar nicht mehr auf oder ein; Einer heißt Mott, einer ist groß und dick, einer klein und dick und schwarz, und einer sieht recht derb und wie ungewaschen aus und als ob er einen Rest vom Apoplex zu sitzen hät’. Danny existiert noch, hat aber Bart und heißt anders, vom Verhalten ist er noch aus der Vorgängerserie übrig. Eine eingeschworene Gemeinschaft, die eng zusammen hält, wenn man Folge 14 „Kevin Vs. The Dutch Elm“ betrachtet, in der gemeinsam, wenn auch heimlich, still und leise, der störende Baum des renitenten Nachbarn gefällt wird; und eine auch so eng aufeinander abgestimmte Truppe, bei der etwaige neue Freunde und Bekanntschaften immer wegen diverse Makel und mit fortgeschrittenen Alter nicht mehr möglich sind, wie es im Leben halt so ist.
Anders und neu in der Konstellation dabei ist aber eigentlich nur tatsächlich, dass nun eben kein alter, griesgrämiger und schrulliger Schwiegervater im Keller haust, sondern auf einmal Kinder zwischen den Beinen herumtoben, so dass man nun als Art Fuller House als zuvor auch noch enger als früher in den Kreis der Familien-Sitcom gehört und das Ensemble der (männlichen) Freunde und Arbeitskollegen dafür etwas herunter fährt und als Gimmick für zwischenzeitliche Gags meist abseits der Hauptlinie der Geschichte positioniert. Angefangen wird hier wie dort mit einem neuen Lebensabschnitt, bzw. einem Einschnitt in die bisherige Existenz, der hier eher noch gravierender ist.
In der Eröffnung, dem simplen betitelten bzw. nicht extra betitelten „Pilot“ wird der Titelheld der Serie mit der ersten Szene, dem Eintritt in die Küche und dem Antreffen der dort anwesenden Familienangehörigen, der Ehefrau und erstmal zwei der insgesamt drei Kinder vorgestellt. „Hey, there you are“ lauten die ersten Worte, die dann folgend gleich die Szenerie umschreiben und vor allem die Prämisse, die Synopsis der Serie insgesamt einführen; eine trotz all der vielen Worte dennoch unglaubwürdige und deswegen etwas unglückliche Grundidee, die auch etwas unnötig gewählt ist. Die Hauptfigur ist nicht mehr in der Maloche, nicht mehr im Tagewerk der Mittelschicht, sondern genießt ab sofort bereits den Ruhestand, was gefühlt 20 Jahre zu früh kommt und auch sämtlichst seine (gleichsam fitten) (Ex)Kollegen mit einschließt. [Ausgerechnet der später noch anwesende und sich um einen Schlafplatz bewerbende aktive Polizist ist im Vergleich zu den 'Faulpelzen' auf dem Sofa und ihrem Verlangen nach bereits vormittäglicher Pizza und Bier eher älteren Jahrgangs und sichtlich ausgebrannt wirkend und nicht mehr topfit.]
Und obwohl die Glaubwürdigkeit einer derartigen Ausgangslage tatsächlich vorhanden, in den Bestimmungen der hiesigen NYPD die Möglichkeit des Ausscheidens nach knapp zwei Jahrzehnten Dienst zur maximalen Pension so reglementiert und unabhängig davon eigentlich überhaupt nicht das Problem sein sollte, – gibt es ja auch (teils erfolgreiche) Sitcoms mit sprechenden Pferden, einer in Gestalt eines Autos wiedergeborenen Mutter, die in Gestalt des Autos mit dem Sohnemann spricht, mit nach einem Schiffbruch auf einer Insel Gestrandeten, mit der letzten Handvoll Überlebenden einer nuklearen Apokalypse, über ein Gefangenenlager in der Nazizeit, über ein Sklavenhaushalt während des Amerikanischen Bürgerkriegs usw. usf. – ist dies in diesem einen Fall eben doch ein Problem. Der Tagelöhner mit eventuell noch einem Zusatzjob und Stütze vom Staat, um geradezu über die Runden zu kommen, fühlt sich angegriffen, und der Neid und die Missgunst sprießt.
Zugegebenermaßen hat man durch dieses (erstmal absurd wirkende) Konstrukt, dass
a) auch von den Machern erkannt wird („What are you, 38?" wird Kevin in Episode 3 von einem Unwissenden gefragt, einem bestellten Handlanger, der als „Chore Weasel“ die Tätigkeiten im und ums Haus für Kevin macht, während dieser trotz Rente keine Lust auf Hausarbeit und lieber für Football hat.), die Möglichkeit,
b) einerseits mehr und auch Kleinigkeiten zu erzählen
– in Episode 2 „Sleeping Disorder“ dreht sich alles darum, dass Kevin, der nun wohl wirklich zu viel Zeit hat, diverse Unstimmigkeiten und scheinbare Benachteiligungen seinerseits im Haus auffallen (er muss mehr Schritte vom Bett zum Bad hinlegen als seine Frau, und der Kaffeebecher steht weiter weg von der Maschine usw.) und er nun um die Rückgewinnung seiner Deutungshoheit kämpft. In Folge 4 „Kevin and Donna's Book Club“ wird sich in den eigentlich für Männer unzugänglichen Freizeitbereich seiner Frau eingemischt und eingenistet.
Und c) kommt er auch öfter und weiter herum als mit einem vollen Berufsleben (in Folge 10 „The Fantastic Pho“, die von der Idee ein wenig an die Auftaktsfolge der Neunten Staffel von KoQ erinnert, wird erwähnt, dass er die letzten zwei Monate insgesamt fünf Aushilfsjobs geschmissen hat, wobei kurz Security in einem Altenheim bzw. einem Supermarkt erwähnt und in Folge 9 „The Power of Positive Drinking“ eine Stellvertretung als Barkeeper und “Lebensberater“ in der örtlichen Stammpizzeria/-kneipe gezeigt wurde), was der Serie auch Außenaufnahmen und teils gar Aktions- und Stuntszenen, wie ein privates Footballspiel gegen eine deutlich besser in Kondition befindliche Mannschaft, eine Art Go-Cart-Paintball und selbst Zu-Fuss-Verfolgungsjagden, alles unnötige und recht störende 'Attraktionen' übrigens ermöglicht.
Je nach Gusto positiv, negativ oder zumindest zwiespältig ist so der Weckfall eines zweiten festen Standbeins, dem der Office- oder Workplace-Sitcom, dem Gerangel und Gerufe mit Vorgesetzten, Kollegen, Kunden usw., dass nun anderweitig gefüllt werden muss. Auffällig dabei ist, dass die einzelnen Episoden oft nur eine Haupthandlung haben, und keinen zweiten Subplot, was zu Längen und Dehnungen führen kann; und während man sich in der Vorgängerserie ausdrücklich an The Honeymooners orientierte, ist man jetzt quasi von sich selber und dem, was mal funktioniert hat gebrieft. Das Resultat dessen ist gerade zu Beginn eine vermehrt loses Aneinanderreihen von eher Serienspecials, geht bspw. Folge 6 „Beat the Parents“ mit einem Gastauftritt von Ray Romano und Folge 8 „Who's Better than Us?“ mit dem nächsten prominenten Schwergewicht Adam Sandler schon beizeiten ins Quotenrennen und wird mittig davon mit Folge 7 „Hallow-We-Ain't-Home“ eine Feiertagsepisode und im baldigen Anschluss schon mit Folge 12 das Weihnachtsspecial „I'll Be Home for Christmas...Maybe“ platziert.
Die Aufgabe des versuchten Zusammenhangs erfüllt dann meist der Hauptdarsteller, der Titelheld, der im Grunde sich selber zu spielen scheint und auch die Figuren und Leben aus bspw. den The Grown-ups Zweiteiler hier reanimiert. Das Kind im Manne, der zu groß (und zu breit) gewordene Junge, der jetzt seine Kindheit wiederholen und seine Freiheit und Freizeit leben will, aber immer wieder an die Grenzen des Erwachsenseins stößt. Die Partnerin an der Seite hält gleichzeitig den Rücken frei, kommt aber logischerweise auch mit Ansprüchen und Anforderungen und ist trotz jüngeren Jahren die Klügere und Bestimmende in der Beziehung; eine Geschichte, die sich in der Paarung zwischen der ältesten Tochter und ihrem auszuhaltenden Quasi-Verlobten und gelungenen Sidekick wiederholt. Die beiden Jüngsten im Bunde sind übrigens so gut wie nicht zu sehen, ausführlicher vielleicht noch in Episode 11 „Kevin's Bringing Supper Back“ über ein eifrig initialisiert Familienritual, worüber bestimmt kein Zuschauer allzu traurig ist.