The People v. OJ Simpson (S1) - 9/10
Staffel 1
The People v. OJ Simpson
Staatsfreund Nr. 1
Nachdem Ryan Murphy mit seinem „Team“ seriell das Horrorgenre eingefangen und massentauglich gemacht hat (und dies bei dem durchschlagenden Erfolg auch noch Jahre tun wird), widmet er sich nun „nebenbei“ auch noch echtem „Horror“ bzw. wahren Verbrechen. Und zwar den berühmtesten, polarisierendsten und weitreichendsten in der amerikanischen Geschichte. Und wo könnte man da besser abfangen, als beim staatlichen Prozess gegen OJ Simpson, der seine Exfrau und deren Geliebten brutal umgebracht haben soll. Ein Kriminalfall, der ein ganzes Land über Monate fasziniert, gespalten und aufgeregt hat, den jeder kennt und der hier dermaßen packend und unterhaltsam aufgerollt und mundgerecht serviert wird, dass man „The People v. OJ Simpson“ schlicht als Murphys bisherige Meisterleistung und Fernsehpflichtprogramm deklarieren muss. Was genau ich hier besonders abfeiere und was man vielleicht noch minimal besser hätte machen können...
SCHULDIG
+ einer der vielschichtigsten und zirkusartigsten Fälle, in der Geschichte der USA
+ imo durch die Bank hervorragende Darsteller (selbst polarisierendere Parts wie Schwimmer oder Travolta)
+ nicht nur die üblichen AHS-Alumni
+ Feeling der Zeit, der frühen 90er wird toll eingefangen, von der Mode bis zum gritty Look
+ klasse Soundtrack
+ Cuba Gooding Jr. sieht OJ zwar nicht wirklich ähnlich, spielt dessen mehrere Seiten aber hervorragend
+ Sarah Paulson in Höchstform stiehlt allen die Show
+ aktuelle Themen, von medialer Beeinflussung über Körpersprache, Vortragstaktiken bis hin zu Rassenhass und der Spaltung einer ganzen Nation
+ ein stark angekratzter, beschädigter und fehlerhafter Staat(sapparat) wird indirekt spektakulär seziert
+ das Gerichtsdrama ist zurück; ein viel zu selten aufgelegtes Subgenre
+ unter die Haut gehende Auflösung - selbst wenn man weiß, was kommt
+ sehr interessante (spekulative?) Details
+ immer einfallsreich und temporeich inszeniert
+ trotz all der Dunkelheit und Fakten noch durchaus mit Humor gesegnet
+ ganz starkes Finalbild (inkl. Song)
+ Aussehen aller damals Beteiligter sehr gut getroffen
+ die „Geburt“ der Kardashians als (auflockernder) Nebenstrang (nur zu Beginn zum Glück)
+ enorm bitterer, wahrer Beigeschmack
+ die Ambivalenz des Bösen; die Macht des Geldes
+ Realität trifft Unterhaltung
+ ein Fall, den man nicht besser und wahnsinniger hätte schreiben können
+ jede Folge ziemlich ideal Schwerpunkte gesetzt und Nuancen aufgedeckt; gleicht fast einem Schach- oder Memory-Spiel
+ Masterplan funktioniert
+ nicht nur für „True Crime“-Fans
+ leicht ins Surreale, Showartige gesteigert (passt)
+ Episoden haben meist ideale Länge
UNSCHULDIG
— über ein paar Schauspieler bzw. deren Auswahl, kann man sich streiten (Stuntcasting?)
— (natürlich) das Geschehen zum Wohle der Unterhaltung zurechtgerückt und getweakt
— manch eine Nebenhandlung verläuft im Sand bzw. wird nur angeschnitten
— könnte unbefriedigend und traurig wirken, erst recht für Leute, die den Ausgang nicht mehr im Kopf haben
— stellt sich deutlich auf eine Seite (wie und wieso auch nicht?!)
— vielleicht ein bis zwei Folgen zu viel
Fazit: besser und süchtig machender kann man einen solchen brisanten, vielseitigen Real Life-Kriminalfall nicht einfangen. Herausragend besetzt, fesselnd zusammengestellt, höllisch unterhaltsam inszeniert. Macht fragwürdig viel Spaß. Ryan Murphy und sein Team voll in ihrem Element - und besser, als sie es im Horrorfach je waren. Beeindruckend und noch immer enorm aktuell. Bingewatching-Vorzeigetitel. (9/10)