Gleichzeitig mit der Fleißigste, der Vielseitigste und der Unauffälligste unter den Namhafteren der HKer Filmindustrie zu sein ist schon eine reife Leistung, die Filmemacher Herman Yau da seit Jahren auch schon an den Tag legt. Genres wie die Liebeskomödie, das Sozialdrama, der Martial Arts Film oder ausnahmsweise der Action-Blockbuster (mit dem aktuellen Bombenthriller Shock Wave) werden scheinbar problem-, aber auch ziellos, wie beliebig gewechselt und flugs hintereinander und oft heimlich (er)scheinend alle Sorten Gattungen, ohne erkennbar (biographischen bzw. filmographischen roten Faden) bedient, wobei die Werke zumeist oberer Standard und so jederzeit verlässlich und dabei auch sicherlich persönlich wirkend, und auch keine Auftragsarbeiten, aber dennoch nie sich in den Vordergrund stellend und laut nach Aufmerksamkeit rufend sind. Nur Anfang und Mitte der Neunziger gab es mit The Untold Story (1993) und Ebola Syndrome (1996) zwei Ausnahmen, zwei sogenannte Category III Arbeiten mit physisch offensiver Gewalt und psychisch lautmalerischer Gestalt, die auch prompt den Ruf des Regisseurs in scheinbar genau diese Richtung zementierten, obwohl zuvor und danach jederzeit die Abkehr davon bestand, fast die Verneinung dessen und der Mann von der Persönlichkeit und der Ausstrahlung her auch überhaupt nicht diesem Naturell entsprach.
Nessun Dorma hat auch diese ehedem vielgerühmte, berühmt-berüchtigte Altersfreigabe, dass ungefähr dem amerikanischen R-Rated oder dem deutschen "Keine Jugendfreigabe" entspricht, ist vom Marketing her aber vergleichsweise viel kleiner und stiller angelegt und ging in der Rezeption großteils ebenso unter wie es auch nur für eine kleine Publikumsschar gedacht ist. Mit Versatzstücken des Psychothrillers, des Horrorthrillers und der bösen bzw. verruchten Erotik spielend, bzw. dies an- und letztlich vortäuschend, einer kleinen Riege eher Nebendarsteller besetzt, wenig Öffentlichkeitsarbeit versehen und seltsam an allen derzeitigen Zuschauerbedürfnissen, also der Kommerzialität (vor allem der zensurscheuen Volksrepublik China) entsprechend vorbeiproduziert, wird hier ein Reigen des Untergründigen und Abgründigen eröffnet, der von der Anlage her schon vielversprechend ist und von der Umsetzung eventuell gleich mit:
Die junge Jasmine Tsang [ Janice Man ] steht kurz vor der Heirat mit dem schwerreichen Vincent Lee [ Gordon Lam ], der ihr, sehr zu Freude vor allem ihrer Mutter [ Candice Yu ] finanzielle Sicherheit und gönnerhafte Geschenke bringt, aber menschlich gesehen so gar keine gute Partie ist. Als Lee sich wieder einmal von seinem Chauffeur Cheung [ Phat Chan ] durch die Weltgeschichte und in die Arme fremder Frauen kutschieren lässt, besucht Jasmine ihre zwischenzeitliche Affäre Fong Mo-chit [ Andy Hui ], der ihr bezüglich der Hochzeit noch mal ins Gewissen reden tut, aber sonst eher Zeichen der Ablehnung gibt. Auf der Rückfahrt in der Nacht im strömenden Regen wird Jasmine überfallen und wacht nackt und ans Bett gefesselt gegenüber einem komplett maskierten Mann auf, der bevorzugt ihre kurz zuvor besuchte Arie “Nessun Dorma“ in voller Lautstärke spielt.
Yau, der sich seit 2009 seine Filme vermehrt von der Autorin Erica Li schreiben lässt, greift auch hier auf deren Hilfe bzw. gleich eine Vorlage der auch schriftstellerisch Tätigen zurück, was hier wie auch zuvor die feminine Seite bzw. die verstärkte Betrachtung der Frauenrolle statt deren der Männer erklärt. So ist die Person der Jasmine nicht nur gleichzeitig das 'Opfer', sondern auch die mit der meisten Aufmerksamkeit in der Handlung, anders als ursprünglich gedacht etwa die titelgebende Arie oder Giacomo Puccinis Oper "Turandot" selber) der Fixstern quasi, um die sich die Geschichte und die gesamte Beziehungen drehen. Spekulatives oder gar Exploitatives, was angesichts der Prämisse bzw. des Aufhängers und im Storyverlauf durchaus möglich wäre, wird dabei grundsätzlich zugunsten einer Ernsthaftigkeit und eines Dramas vermieden, vielmehr wird die Leere im Leben gezeigt, die vielleicht und allerhöchstens noch durch die Beschäftigung auf einer Art Gnadenhof und Auffangstation für verlassene Hunde ausgefüllt wird, durch die Menschen in ihrer 'Nähe' allerdings nicht.
Denn eine Nähe entsteht nicht, wird deren Gelingen zwar hier und da kurz angedeutet, aber nie im Vollzug gezeichnet, und es nimmt kein Wunder, dass Jasmine bei ihrer Gefangennahme angesichts des stummen und maskierten Mannes vor ihr gleich an (räumlich) Nahestehende aus ihrem Leben, so speziell die kurze Affäre mit Fo und den sie nur beruflich begleitenden Chauffeur Cheung als den Gegenüber denkt. Die bevorstehende Heirat mit Vincent als schon beizeiten als im Scheitern zu drohen zu beobachten, da jegliche Basis der Verbundenheit, der Wärme, der Vertraulichkeit zueinander fehlt; was auch immer sie überhaupt zu einer Partnerschaft mit dem Mann motiviert hat, im Film selber wird dies anders als bspw. die Liebschaft mit Fo nicht erklärt.
Abseits einiger kleinerer inszenatorisch gesetzter Schrecksekunden, die mal tatsächliche Gefahr äußern und diese auch manchmal nur andeuten und alsbald in Wohlgefallen, als Irrtum auflösen, ist der Film wie gewohnt für seinen Regisseur vermehrt ruhig, nicht spannungsarm, aber nüchtern, gleichzeitig sorgfältig und unpersönlich scheinend, fast ein wenig zu unauffällig, zu handzahm auch, wie ein Fernsehfilm dirigiert. Die Darsteller Hui und Lam auch etwas luftleer als jeweilige 'Gegenspieler' in der Gunst der Frau und auf zwei grundsätzlich verschiedenen Seiten stehend arrangiert, während Janice Man in der Hauptrolle tatsächlich zerbrechlich und beschützenswert, angesichts ihrer überaus dominanten und aufdringlichen Filmmutter auch bemitleidenswert, aber dennoch stark im Umgang mit den Ereignissen wirkt und so bedingungslos überzeugt.