„Zwischengalopp zum Silbersee"
Mit der aufwändigen TV-Produktion „Winnetou - eine neue Welt" war den Machern um das Produzentenduo Christian Becker / Christoph Müller und Regisseur Philipp Stölzl das zuvor von vielen als Unmöglichkeit abgetane Kunststück gelungen, dem gleichermaßen angestaubten wie romantisch verklärten Stoff um Deutschlands berühmteste Männerfreundschaft einen modernen, zeitgemäßen Anstrich zu verpassen, ohne dabei die Essenz der Mayschen Vorlage zu verraten. Sicher, von der literarischen Vorlage waren lediglich Handlungsfragmente übrig geblieben, aber der naive Charme des Welten bummelnden Abenteurers, eine tiefe Sympathie für das Schicksal des roten Mannes sowie das Leitmotiv von Ehre und Freundschaft durchzogen auch die Neuauflage.
Für den zweiten Teil der neuen Winnetou-Trilogie entfernte man sich noch weiter vom Originalstoff. Ohnehin lässt der Titel „Winnetou - Das Geheimnis vom Silbersee" eher auf eine Neuinterpretation von Karl Mays bekanntesten Werk schließen, aber auch damit hat der Film nur wenig gemein. Immerhin gibt es auch hier eine Banditenbande, die von einem sagenumwobenen Goldschatz der Apachen gehört hat, der im oder am Silbersee zu finden sein soll. Allerdings bekommen es unsere Helden hier mit Mexikanern zu tun, was gar nicht mal so absurd ist, lebten die echten Apachen doch nahe der Grenze. Natürlich kommt dann schnell der Einwand, dass Winnetou und sein Stamm immer noch wie Prärieindianer aussehen und die kroatische Landschaft nicht gerade viel Ähnlichkeit mit Arizona und New Mexico hat. Seis drum, auch der Mittelteil der neuen Trilogie wirkt in Ausstattung, Aussehen und gezeigten Verhaltensweisen erheblich authentischer als die Filme der 1960er Jahre, teilt mit diesen aber die falsche Kontextualisierung all dieser Dinge. Ein Vorwurf, den man allerdings auch gleich an Karl May selbst richten könnte.
Letztlich sind dies aber nur Nebenkriegsschauplätze. Das Kernthema ist wiederum die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand, die sich durch ein zweites gemeinsames Abenteuer weiter verfestigt. Gleich zu Beginn gehen die beiden auf Pferdejagd und kommen so zu ihren berühmten Hengsten Iltschi und Hatatitla. Das weicht wieder stark von Mays Version ab - bei der Winnetou Old Shatterhand beschenkte -, funktioniert aber gerade für das Freundschaftsmotiv ausgezeichnet. Die Pferde stehen hier nicht nur symbolisch für die späteren Blutsbrüder, sondern sind auch ein wichtiger Schritt für Old Shatterhand hin zum Westmann mit Winnetou als seinem gewitzten Lehrer. Es ist schade, dass Stölzl nicht mehr solcher Szenen eingebaut hat, denn die Chemie zwischen den beiden Figuren und ihren Darstellern schreit förmlich danach. Zumindest gibt es noch eine Lagerfeuerszene, bei der Winnetou auf verschmitzte Art die unnötig komplizierte Liebesbeziehung zwischen Old Shatterhand und seiner Schwester Nscho-Tschi aufs Korn nimmt.
„Das Geheimins vom Silbersee" hat viele solcher gelungener Einzelszenen wie z.B. Shatterhands Besuch bei eine blasierte Abendgesellschaft sensationslüsterner Weißer, die auf Schauermärchen über die indianischen „Wilden" hoffen und von ihm auf entwaffnende Weise bloß gestellt werden. Ganz nebenbei gerät Shatterhand dabei an den berüchtigten Henrystutzen, ein weiteres Beispiel für die geschickte Neuinterpretation ikonischer May-Momente.
Die Haupthandlung um die Schatzsuche verläuft allerdings nach rasantem Beginn zunehmend zäher und höhepunktarm. Vor allem mit Erreichen des Silbersees scheint den Machern nicht mehr allzu viel eingefallen zu sein, weshalb sie die eigentliche Suche arg in die Länge ziehen. Auch der an sich originelle Plotstrang um die verlorene Liebe von Banditenboss El Mas Loco versinkt in redundanten Untiefen und trägt zur erzählerischen Verschlackung bei. Der eigentliche Actionhöhepunkt ist dann zu kurz geraten und auch nicht sonderlich spektakulär inszeniert. Das interessanteste Element ist dabei die Herkunftserklärung von Winnetous Silberbüchse.
Insgesamt ist der zweite Film damit etwas unrunder geraten, die sich bereits im ersten Teil andeutenden dramaturgischen und narrativen Schwächen treten nun deutlicher hervor. Das gilt aber auch für die Stärken. Die Beziehung zwischen Winnetou und Old Shatterhand erfährt eine weitere Vertiefung und die früher kaum über Statistenstatus hinaus gekommenen Sam Hawkins und Nscho-tschi sind hier vielschichtige und handlungsrelevante Charaktere. Die Darsteller agieren allesamt überzeugend, einzig Fahri Yardim als durchgeknallter Gangsterboss fällt ein wenig aus dem Realismus-Rahmen, schafft damit aber einen ebenso schillernden wie unberechenbaren Antagonisten.
Die mit „Eine neue Welt" eingeschlagene (Neuaus-)Richtung stimmt jedenfalls und wird auch in der Silbersee-Episode konsequent weiter verfolgt. Man darf also durchaus gespannt sein, wie man im dritten Teil an das diffizile Thema um Winnetous Tod heran gehen wird. Alle Zutaten für ein emotionales Finale liegen bereit. Vorhang auf.
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Teil1: Eine neue Welt (8/10)
Teil 2: Das Geheimnis vom SIlbersee (6/10)