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Irgendwo in den Staaten zu Weihnachten: Die Psychiaterin Dr. Jane Mathis (Vinessa Shaw) leidet unter den Flashbacks eines Vorfalls mit einer jungen Patientin: Die vielleicht 14-jährige Nora, damals bei ihr in Behandlung, kam mit einer Glasscherbe in der blutigen Hand zu ihr und griff die Ärztin an, als diese ihr das scharfe Teil abnehmen wollte - danach schlitzte sich das Kind selbst die Kehle auf. Dr. Mathis leidet seither unter posttraumatischen Belastungsstörungen und geht selbst zu einem Psychiater, welcher ihr dazu rät, beruflich nur mehr "leichte" Fälle anzunehmen. Neben diesen kommt eines Tages ein Mann mit einem vernarbten Gesicht zu ihr, welcher nach einem Autounfall selbst unter PTBS leidet. Obwohl sie instinktiv spürt, daß der Fall dieses Alex (Kevin Rahm) sie überfordert, schickt sie ihn nicht weg sondern versucht dem bemüht freundlich wirkenden Mann, der über sein Trauma nur nach und nach spricht, zu helfen. Dadurch jedoch verschlechtert sich ihre eigene Verfassung zusehends: Immer öfter hört die allein lebende Ärztin Geräusche im Garten oder sieht die junge Selbstmörderin in der Dunkelheit...

Mit der Slasher-Szene zu Beginn weckt die Netflix-Eigenproduktion Clinical Erwartungen an einen Horror-Thriller, verflacht dann aber zusehends und entwickelt sich zu einem drögen Drama um eine inkonsequent handelnde Psychiaterin, die ihr Leben nicht mehr in den Griff bekommt. Das größte Manko jedoch sind die beiden Hauptdarsteller, deren Schicksal einen zu keiner Zeit sonderlich bewegt und die spätestens ab Filmmitte schon dezente Langeweile aufkommen lassen: Weder tritt Dr. Mathis besonders hilfsbedürftig auf, noch kann man irgendeine Verbindung zu ihrem entstellten neuen Patienten aufbauen, der vom ersten Moment an mit seinem mitleidheischendem Um-den-heißen-Brei-herumreden schlicht unsympathisch rüberkommt.

Dazu gesellen sich einige Merkwürdigkeiten und irrationale Verhaltensweisen, wie beispielsweise jene, daß Dr. Mathis keinen Personenschutz beantragt, kaum Freunde hat und diese trotz genügend Platz auch selten zu sich einlädt (dabei ist sie seit wenigen Monaten mit einem Streifenpolizisten befreundet) oder in nächtlichen Bedrohungsszenarien die Tür offenläßt bzw. bei Fluchtszenen im Haus keine Türen hinter sich zuwirft und sich dahinter verschanzt. Überhaupt scheint es sehr fragwürdig, wie jemand mit einer akuten PTBS anderen Patienten überhaupt helfen kann - und diese dann auch noch bei sich zuhause empfängt - wtf?

Daß der Zuschauer im Lauf des Films nur scheibchenweise über die schicksalhaften Momente aus Dr. Mathis´, Noras und Alex´ Vorleben erfährt und sich nach einiger Zeit mittels eines Plot Twists ein wenig an der Nase herumgeführt sieht, geht dagegen in Ordnung und gehört dazu, und selbst wenn diese "Auflösung" schon im Vorhinein erahnbar ist: Immerhin gibt es eine - wenig spektakuläre - Erklärung für die scheinbar verwirrenden Flashbacks und Rückblenden. Auch die eher beiläufig eingestreuten Horror-Elemente (neben dem erwähnten Glasscherben-Kehlenschnitt gibt es noch einen Korkenzieher im Schädel bzw. ein heruntergefetztes Gesicht zu sehen) sind professionell gemacht, aber all dies nutzt recht wenig, wenn die handelnden Figuren so derart uninteressant sind.
Wer den Streifen einmal gesehen hat und den Plot kennt, wird ihn sich kein zweites Mal anschauen: 3,6 Punkte.

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