kurz angerissen*
Wenn schon eine Fortsetzung von "Trainspotting", dann sicherlich mit ein paar Jahrzehnten Pause dazwischen. Das jedenfalls hat Danny Boyle richtig erkannt. Hätte man die Geschichte, mit Robert Carlyles Filmografie gesprochen, "28 Months Later" angesetzt, so wäre man bloß auf eine reine Fortführung des von Drogen benebelten Bewusstseinsstroms gestoßen; die Junkies immer noch dieselben, der Plot eine Variation des ersten Plots. Eine Zeitspanne vom Kaliber "28 Years Later" (tatsächlich sind's zumindest 22) passt da schon eher; auch wenn unvollendete Geschichten ihre Vorzüge haben und in vielen Fällen der Fortführung einer Erzählung vorzuziehen sind, so liegt doch ein gewisser Reiz darin, zu erfahren, was die Zukunft für die einst Zukunftslosen bereitgestellt hat, als sie langsam und unerbittlich zur Gegenwart wurde.
Dass sich sowohl Story als auch Charakterzeichnung trotzdem beinahe anfühlen wie bei einer direkten Fortsetzung, ist als Abgesang auf die Figuren zu verstehen, die in all der Zeit nichts aus dem Leben gelernt zu haben scheinen. Es wird immer noch bei jeder Gelegenheit geschnupft und gespritzt, und Franco (Carlyle) reagiert auf die Nachricht der Rückkehr von Rent Boy (Ewan McGregor) mit einem Zorn, so frisch, als sei er erst gestern um sein Geld betrogen worden.
Den völligen Stillstand bei der Entwicklung der Charaktere setzt Boyle auf geschickte Weise in einen Anachronismus zu den Bildern, die er erschafft. Anstatt mit Variationen von Toilettentauchgängen oder Babygekrabbel selbst auf der Stelle zu treten, macht er transparent, wie unbarmherzig die Zeit das Schotten-Quartett überholt hat. Auf die Evolution des Stadtbilds von Edinburgh legt er einen besonderen Wert; es ist nicht mehr der Ort aus den Mittneunzigern, sondern einer, der wie (fast) alles andere den Wolken gleich weitergezogen ist. Zeitweise aufblitzende Déjà-Vus (McGregor, wie er seine Hände auf die Motorhaube schlägt und den Fahrer angrinst) verstärken diesen Eindruck nur noch. Die Panoramen der schottischen Landschaft nehmen die Figuren in ihrer Verzweiflung kaum wahr; ihr Versuch, in Nostalgie einzutauchen, wird immer wieder von vordergründigen Konflikten verdrängt. Die Verdrecktheit des Originals ist einem Chaos aus Spiegeln gewichen - neue Oberflächenreize, alte Desorientierung.
Damit reproduziert man nicht die Intensität des Originals. Aber man ruft es wieder in Erinnerung, ohne es stupide zu kopieren, und erweitert sogar seinen Bedeutungsspielraum. "Trainspotting" mag ja eine undankbare Vorlage für ein Sequel sein, aber was "T2" daraus macht, reicht zur Legitimation seiner Existenz völlig aus.
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