„Wind River“ ist nach „Sicario“ und „Hell or High Water“ der dritte Teil von Drehbuchautor Taylor Sheridans inhaltlich nicht verbundener Frontier-Trilogie. Wurden die ersten Filme noch von anderen Regisseuren umgesetzt, durfte Hollywoods neuer Drehbuchstar „Wind River“ selbst umsetzen, was bei Teilen der Presse auf derartige Begeisterung stieß, dass glatt auf die Marketingaussage hereinfiel, Sheridan habe hiermit sein elaboriertes Regiedebüt gegeben – und den Low-Budget-Horrorfilm „Vile“ von 2011 geflissentlich ignorierte, weil bäh und schmuddelig und schlecht bei der Legendenbildung.
Wie schon bei den vorigen Frontier-Filmen überträgt Sheridan auch in „Wind River“ Muster des klassischen Western auf die Gegenwart. Er erzählt von jenen ruralen Gegenden, in denen Menschen in Motivation, Mentalität und Handeln dem Wilden Westen noch näher sind. So ist auch Cory Lambert (Jeremy Renner) eine Art moderner Trapper, auch wenn er Wölfe im Auftrag des Fish and Wildlife Department nach strengen Regeln bejagt. Während er Wölfe bejagt, findet er die gefrorene Leiche einer jungen Frau. Die (schöne) Frauenleiche ist so ein Topos des Thrillergenres, egal ob urban oder nicht, aber schon deren Zustand macht die Westernbezüge klar: Die junge indianische Frau ist auf bloßen Füßen durch den Schnee geflohen, hat um ihr Leben gekämpft, ehe sie an Unterkühlung starb.
Lambert fordert Hilfe beim FBI an, das die junge Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) vorbeischickt. Die ist ein Rookie, kommt gerade von einem anderen Einsatz und ist daher gar nicht für Ermittlungen in der lebensfeindlichen Eiswildnis ausgerüstet. Damit beschreitet „Wind River“ einen ähnlichen Weg wie „Sieben“: Die Ausnutzung eines klassischen Buddy-Cop-Szenarios ohne die Komik, die seit „Nur 48 Stunden“ und „Lethal Weapon“ fast schon als Grundbaustein des Buddy Cop Movies fungiert. Doch zum Lachen ist hier nichts, der Gegensatz äußert sich eher im Unverständnis Lamberts für das FBI, das dem Fall offensichtlich wenig Priorität bemisst, bei gleichzeitigem Verständnis für Banner, die ja auch nur ein Opfer der Umstände ist und Anleitung braucht.
Gemeinsam ermitteln Lambert und Banner, wobei die FBI-Agentin auch die Besonderheiten der Gegend kennenlernt, in der die Ureinwohner oft verarmt sind und sich manchmal der Kriminalität zuneigen, in der Ölunternehmen der bestimmende Arbeitgeber für einige wenige sind…
„Wind River“ erinnert stark an die Indianerthriller (hier nur in der Schneevariante), die Anfang der 1990er im Windschatten von erfolgreichen Indianerwestern wie „Der mit dem Wolf tanzt“ kurz eine Marktlücke besetzten; „Halbblut“ war der wohl bekannteste Vertreter jenes Trends, vor weniger bekannten Werken wie „Canyon Cop“ oder „Sioux City“. Ähnlich wie jene Vorbilder schildert „Wind River“ durch kluge Nebenbeobachtungen das harte Leben der amerikanischen Ureinwohner, vor allem in Reservaten, ohne dass Sheridan das Ganze zum Social-Problem-Film macht, der wahlweise mit dem mahnenden Zeigefinger oder gleich dem Holzhammer daherkommt. Die Indianer wollen ihrem Way of Life als traditionsbewusste Volk treu bleiben, werden aber schon den Erscheinungen der Moderne an den Rand bzw. in die Reservate gedrängt. Das erzählt Sheridan nicht nur feinfühlih als Drehbuchautor, sondern bebildert es auch stark, womit ihm unheimlich dichte Atmosphäre gelingt.
Dabei kommt ihm der Mainplot fast etwas abhanden, dessen Lösung fast schon banal ausfällt, zumal die Ermittlungen eh nicht sehr üppig daherkommen. Es geht „Wind River“ mehr um ein Stimmungsbild, das sich auch bei den Figuren abzeichnet. Banner bleibt da eher die Reisende in eine ihr unbekannte Welt, während der Zuschauer immer mehr über Lambert erfahren. Der ist eine komplexe Figur, war selbst lange Zeit mit einer Indianerin verheiratet und hat selbst ein tragisches Erlebnis zu verarbeiten, das immer wieder auf den aktuellen Fall einwirkt. Sheridan macht Lambert zum einerseits tatkräftigen Helden, der andrerseits ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit mit sich herumträgt – die Hintergründe des Ereignisses von dereinst wurden nie aufgeklärt und bleiben dem Zuschauer ebenso wie Lambert in „Wind River“ verborgen, weshalb man höchstens spekulieren kann.
So laufen drei Dinge parallel: Lamberts Charakterentwicklung, der in seiner Hilfe für den Fall eine Art Wiedergutmachung für sein vermeintliches früheres Versagen sieht, der Einblick in die rurale Wirklichkeit und damit verbundene Missstände und schließlich der Krimiplot. An dessen Ende setzt Sheridan eine eingängige Rückblende und ein finales, extrem druckvolles Shoot-Out, dessen Inszenierung und Spannungsaufbau famos sind – *SPOILER* obwohl das Vorgehen der Behörden etwas blauäugig erscheint und sie sich etwas zu schlecht im Feuergefecht schlagen, nur damit Lambert den Tag retten kann. *SPOILER ENDE* Zum Actionfilm wird „Wind River“ trotzdem nicht, denn es bleibt bei diesem Finale und einem kurzen Feuergefecht in einem Haus.
Mit Graham Greene ist auch ein Schauspieler jener Indianerthrillerära in einer markanten Rolle an Bord, der ebenso wie Gil Birmingham, der schon in dem von Sheridan geschriebenen „Hell or High Water“ zu sehen war, markante Akzent setzt. Jeremy Renner ist famos in der komplexen männlichen Hauptrolle, Elizabeth Olsen fast ähnlich gut und die Nebenakteure durch die Bank weg überzeugend – darunter auch Jon Bernthal in einer sehr kleinen Rolle, dem man eine wirklich gute Projektwahl in den letzten Jahren attestieren muss.
„Wind River“ mag der schwächste Film der Sheridan-Trilogie sein, was angesichts der durchweg hohen Qualität aber nichts heißen muss. Ein sozialkritischer Neowestern in modernen Thrillergewand der durch seine Atmosphäre und seine starken Akteure in den Bann zieht, der ein Stimmungsbild vermittelt, seine Hauptfigur facettenreich entwickelt und mit einem starken Abgang punktet. Dafür muss man freilich verschmerzen, dass der Krimiplot etwas banal ist und Banner ein wesentlich dürftiger entwickelter Charakter als Lambert ist. 7,5 Punkte.