Review

Logan (2017, James Mangold)

Über fünfzehn Jahre hat Hugh Jackman das kanadische Biest James "Logan" Howlett in den X-Men-Filmen und deren Ablegern verkörpert, und damit für eine verlässliche Konstante innerhalb der zunehmend abstrusen Zeitlinie und der wechselhaften Qualität der Filme gesorgt. Sein Logan erschien nicht nur optisch wie eine verjüngte Neugeburt von Clint Eastwood, generell schien die grimmige Figur - abgesehen von Unverwundbarkeitskomplex und Stahlkrallen an den Händen - wie den Western von Leone entsprungen. Aber jetzt ist Schluss mit lustig und Jackman hat den Film Logan als sein letzten X-Men-Abenteuer angekündigt, eine Entscheidung, auf die Kollege Patrick Setwart gleich aufgesprungen ist. Und der Beschluss der beiden ist perfekt, denn einen so stimmigen und runden Abschied für Logan und Xavier gibt es nicht alle Tage.

Mit nunmehr drei verschiedenen Studios, die allesamt ihre ausgedehnten Filmuniversen etablieren wollen, kann sich der Kinogänger vor Superheldenstreifen fast nicht mehr retten, und schon gar nicht vor der zunehmenden Belanglosigkeit und Einheitlichkeit dieser kurzweiligen aber meistens völlig kantenlosen Blockbustern von der Stange. Logan ist anders. Das aufgebauschte Fantasy-Universum mit allerhand bunt gekleideter Helden, ein bisschen familienfreundlichem Humor und einem gesichtslosen ausserirdischen Bösewicht, der die Erde durch ein blau leuchtendes Dimensionsportal am Himmel zu zerstören versucht, all das sucht man hier glücklicherweise vergebens. In einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Abenteuer der X-Men als längst vergangene Mythen gelten, fristet eine Handvoll der letzten verbliebenen Mutanten ein klägliches Dasein. Logan ist nicht nur psychisch ein Wrack, seine sonst so verlässlichen Selbstheilungskräfte wirken nicht mehr optimal. Charles ist 90 Jahre alt und etwas senil. Viel mehr von ihrer Art scheint es nicht zu geben. Der Film ist nicht nur düster, sondern von einer melancholischen und mitunter fast schon depressiven Stimmung durchzogen, und dem Western dramaturgisch oft näher als dem typischen Superheldenfilm. Die Kulisse aus kargen Wald- und Wüstengegenden unterstützt dies zusätzlich, und Mangold sucht die Weite hinter den Darstellern, bebildert seine Zukunftsvision als Schritt in die Vergangenheit, wo meilenlange Güterzüge wild dampfend durch staubige Fels- und Kaktuslandschaften donnern. Wenn der Spätwestern laut Definition sowohl nach der eigentlichen Blütezeit des Westens spielt als auch die Motive des Genres demoralisiert, dann ist Logan in beiden Punkten der erste Spätsuperheldenfilm.

Nur wenig an Logan wirkt einem Fantasy-Kosmos entsprungen, wenn man sich daran gewöhnt hat, dass die zentralen Charaktere über übernatürliche - aber nach all den Jahren auch enorm instabile - Kräfte verfügen, bekommt man eine geerdete Symbiose geboten aus brutalem Spätwestern, (vermeintlich) destruktivem Charakterdrama und einem Roadmovie, dessen Charakterkonstellation an den Wenders-Klassiker Alice in den Städten oder dessen späteres Action-Pendant Léon erinnert. Logan und Charles müssen nämlich ein stummes kleines Mädchen mit geheimnisvoller Herkunft nicht nur beschützen, sondern auch möglichst unerkannt nach Norden bringen. Wer sich mit Grausen an all die schrecklichen Kinderrollen in Actionfilmen zurückerinnert kann beruhigt sein, die zwölfjährige Dafne Keen mag mitunter mimisch etwas dick auftragen, aber ihr Auftritt ist in Sachen Reife eher den erwähnten Vorläufern angemessen. Ein Film für Kinder ist das nämlich definitiv nicht. Die wenigen Actionszenen sind von Mangold als ultrabrutales, reisserisches und animalisches Mann-gegen-Mann-Gemetzel in Szenen gesetzt, man wird förmlich in den Sessel gedrückt ob der Heftigkeit und des Tempos der blutrünstigen Kämpfe.

Logan ist mühelos der beste Comichelden-Film seit dem unverschämt guten Superpeople-Agententhriller-Crossover X-Men First Class, und generell einer der besten der vielen, vielen Filme die das DC/Marvel-Material in den letzten Jahre hergegeben hat. James Mangold hat sich für seinen Protagonisten erneut einen eigenen passenden Ansatz überlegt, aber wo die Reise nach Japan im letzten Film teils noch etwas halbgar geblieben war zieht Logan seine Linie konsequent durch. Brutal, dramatisch und ohne den genretypischen Firlefanz aufs Wesentliche reduziert, liefert Logan nicht nur bärenstarke Abschiedsauftritte der X-Men-Veteranen Patrick Stewart und Hugh Jackman, nie zuvor wurden die Comicmythen so kompromisslos in etwas Neues transzendiert. Dass der Film viele lose Stränge aus all den Vorgängerfilmen zu schliessen scheint, ganz ohne Rückblenden, Cameos oder langes Gerede, macht ihn nur umso sympathischer.

Wertung: 9 / 10

Details
Ähnliche Filme