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Das Publikum will Blut, das Publikum bekommt Blut. Nur weil es einen Wolverine mit R-Rating gibt, wird er plötzlich glorios abgefeiert, als hätte James Mangold das Comic-Genre neu erfunden. Dabei habe ich fast das Gefühl, dass die eigentliche Story den Leuten am Arsch vorbei geht. Doch eines nach dem anderen.

Als X-Men Origins in die Kinos kam, machte sich überall Entsetzen breit ob der blutleeren und angeblich teilweise hart an den Haaren gezogenen Inszenierung. Der Film wurde so dermassen schlecht geredet, dass man teilweise nur noch den Titel erwähnen muss und die Fanwelt rümpft angeekelt die Nase. Dabei war Origins zu großen Teilen eine gut durchdachte und gut gedrehte Bruder-Geschichte, in der Liev Schreiber Hugh Jackman fast die Show stiehlt, mit einem wunderbar offenene Ende für beide Charaktere. Sicher, es gab deutliche Kritikpunkte (inklusive der Verhunzung von Deadpool!!!), aber der Film machte Laune und verlief im Groben schon in Bahnen, die ein Wolverine Origins Film verlaufen kann.

Der Zweite Teil, der dann den ersten komplett ignorierte, orientierte sich stark an der legendären Japan-Story, doch ein unnötig bombastischer Showdown gepaart mit dem offensichtlichen Problem zweier konkurrierender Regie-Visonen (Mangold vs Arronofsky) gepaart mit ein paar Ideen, die die Japan-Story unnötig verkomplizierten und ihrer Bedeutung beraubten - zerstörten den Film komplett und schufen einen der schlechtesten X-Men Filme überhaupt. Für viele deutlich Origins überlegen, war für mich dieser zweite Film einfach ein Offenbarungseid statt einer Offenbarung. Doch Mangold sollte seine zweite Chance bekommen.

Und es sollte Jackmans Schwanengesang werden. Wieder einmal haben wir einen komplett unabhängigen Film in dieser Reihe, wir befinden uns in einer nicht näher bezifferten Zukunft, wo ein mysteriöses Ereignis den Großteil der Mutanten auf der Welt dahingerafft hat und ein sichtlich gealterter Logan versucht irgendwie über die Runden zu kommen. Da wird ihm ein Mädchen vor die Nase gesetzt, dass er beschützen muss, da sie mehr mit ihm gemein hat, als es anfangs scheint.

Mangold ist ein großer Western-Fan, seine besten Werke sind im Grunde genommen Western: Copland und Todeszug nach Yuma. Dass er sich bei Logans letzter Story bei einem großen Western der Zunft bedient (Mein großer Freund Shane), ist völlig ok. Dass die Story auch wirklich recht vage auf der Prämisse von Old Man Logan (einer aus mir nicht wirklich ersichtlichen Gründen extrem erfolgreichen Alternativzukunftszenario-Comicreihe) basiert, schadet auch erst mal nicht. Und wenn es dann heisst, dass sowohl Jackman als auch Stewart ihre Abschiedsvorstellungen ihrer ikonischen Rollen geben, dann ist auch schon mehr als die Hälfte der Miete gesichert.

Doch dann kommen wir zum Film selbst: Was Anfangs recht vielversprechend losgeht, verliert mit zunehmender Dauer an Zugkraft, es wird ein aus Endzeitszenarien bekanntes Klischee an das andere gereiht, dann werden die üblichen Superkinderexperimente mit einbezogen und eine Wendung eingebunden, die man irgendwie auch schon von früher kennt, und peppt dies am Ende mit dem obligatorischen selbstlosen Opfer des Helden auf und fertig ist das Meisterwerk in den Augen des Publikums. Von Mad Max, über Agent 47, dem Omega Man bis zur Schlacht von Marathon - ja sogar Roots (!!!) - haben wir neben Shane alles, was Rang und Namen in Literatur- und Filmhistorie hat, wo abgekupfert wird. Allerdings fehlt es an allen Ecken und Kanten an Spannung und Dramaturgie, dies wird mit extrem grafischer Gewalt kaschiert.

Ich bin ein Wolverine Fan der ersten Stunde, aber ich bin auch der Meinung, dass für einen guten Film nicht Gewalt die wichtigste Zutat ist, sondern eine von vorne bis hinten überzeugende gute Story, nicht nur eine Idee einer Richtung.

Als unabhängige Western-Hommage vielleicht ganz brauchbar, aber sobald es darum geht, im X-Men Universum zu funktionieren, verliert der Film sobald es an diese Themen geht. da ist es für mich auch ironischerweise bereits auch vielsagend, dass ausgerechnet, wenn der interessanteste Aspekt des Films angesprochen wird (wie es zu dieser Welt so kommen konnte), dies im Keim erstickt wird, nur um seine ach so konsequente Geschichte bis zum ach so bitteren Ende zu erzählen.

Wobei ja selbst das nur relativ ist, da wir uns in diesem Film in einem Paralleluniversum befinden (wie eigentlich gefühlt in jedem Wolverine Film), der mit der eigentlichen Wolverine Kontinuität nichts aber wirklich gar nichts zu tun hat.

Wenn man sich die Rangfolge anschaut, ist daher für mich immer noch der erste der beste Wolverine Film - ich weiss, ich stehe alleine da. Aber weder der zweite Teil, noch dieser sogenannte Schwanengesang Jackmans überzeugen mich von der Story irgendwie.

Das liegt aber, und das muss man fairerweise auch sagen, kein bißchen an Jackman selbst, denn der Mann hat seit jeher sehr professionel sein Ding als Wolverine durchgezogen und niemals etwas anderweitiges gesagt.

5 Punkte

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