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Sylvester Stallone ist Rambo. Arnold Schwarzenegger der Terminator. Denzel Washington der Equalizer - und Keanu Reeves ist John Wick. So ikonisch könnte es dereinst kommen, wenn der inzwischen auch schon zweiundfünfzigjährige Kanadier so weitermacht und sich auch in Zukunft seiner Talente besinnt. Die da wären - (jedenfalls ist er Schauspieler). Gewiss kein entfernt so guter wie Denzel Washington, doch würde ihm wohl niemand absprechen, dass er einigen der denkwürdigsten Genrefilme der letzten zwei Dekaden seinen Stempel aufzudrücken vermochte. So wird der Renner „Speed" auch in zwanzig Jahren noch schneidige Unterhaltung, das Science-Fiction Highlight „Matrix" auch noch im Jahr 2037 in Erinnerung sein als visueller Paradigmenwechsel, der das Actionkino für immer verändern sollte. Wenn auch nicht im Weg, so doch im Raum steht zwar weiterhin die Frage, ob nicht auch ein Anderer Reeves‘ Rollen hätte tragen können, doch will man das eigentlich gar nicht so genau wissen. Zu sympathisch die gelungene Rollenauswahl des Hobbymusikers - wenn wir den Supermurks „47 Ronin" mal kurz im Sondermüll lassen -, als dass man dem doch immer gleich monoton dreinblickenden Star Übles nachreden möchte. Immerhin spielte er mit der ihm eigenen maskenhaften Aufmerksamkeit einst Shakespeare. Und bühnenhaft ist sein Treiben manchmal noch heute.

Wenn John Wick durch die Katakomben Roms krabbelt, über das Forum Romanum schlendert, direkt gegenüber dem Denkmal Viktor Emanuels II. logiert oder in den Thermen des Caracalla Blei-Ping-Pong spielt, dann hat das durchaus etwas Theaterhaftes. Vor allem, wenn die Kulissen eigentlich nur deshalb hoch- und wieder heruntergezogen werden, um ein wenig Abwechslung zu bringen in den Hintergrund des vordergründigen Gemetzels, das die neue Action-Ikone zunächst in Rom und dann später in New York anrichtet. Hier wird ununterbrochen und geradezu grundsätzlich im Takt lässig-schmissiger Beats gestorben. Vollendet rhythmisierte Choreographien sind integraler Bestandteil einer wahren Zirkusvorstellung selbstzweckhafter Artistik, die mit so noch nie dagewesener Show eine Ein-Mann-Armee mit Kanonenfutter mästet.

Das klingt eintönig, wirkt aber mit Blick auf die hier über den Schirm schwappende Bilderflut aufputschend. Und das ist Kalkül. Denn Regisseur Chad Stahelski, der schon den ersten Teil in Szene setzte, weiß, was er tut, wenn er das nicht tut, was ein Großteil der Konkurrenz falsch macht. Inhaltsarme Geschichten, die ihre Energie aus knalligen Schauwerten ziehen, werden aufgebläht zu Dramen für Arme. Substanzlose Storys entwürdigt mit geschraubten Liebesgeschichten, die den lebensfrohen Krachfilmfreund zu Tode langweilen. Es ist nur folgerichtig und ein Zeichen von Aufmerksamkeit, wenn die Dramaturgie der Ereignisse nach der schon vor dem Beginn des ersten Teils aus dem Weg geräumten Ehefrau bis auf einen Hund der Hauptfigur keinen neuen Love Interest auf den Schoß setzt. Somit steht einer kontinuierlichen Dröhnung nämlich nichts im Weg, die, elegant inszeniert und stilecht ausgestattet, sogar leicht gehobenen Ansprüchen genügen sollte. Zumindest, wenn man gelungene Bilder nicht als Selbstläufer, makellose Stunts nicht als langweilig und mustergültige Haltungsnoten nicht als reines Handwerk verpönt. Was Stahelski hier an Akrobatik aufführt, ist keine Pose, es ist Kunst.

Der Aufhänger für diesen Irrwitz an Action ist, was die Attrappe einer plausiblen Begründung angeht, ein Mordauftrag. Den kann John Wick nicht ablehnen, obwohl es sich offenbar um seine Ex-Freundin handelt. Zwar weigert er sich zunächst, den Job anzunehmen, doch nachdem sein Haus bös zerballert wird, ist er überzeugt, doch seiner alten Flamme das Licht ausknipsen zu müssen. Dass sich der Auftraggeber als Dankeschön für das Entgegenkommen an dem Killer seiner Schwester (!) rächen möchte, bringt Wick dazu, wie einst im ersten Teil, Jagd auf alles und jeden zu machen, der sich nicht freiwillig selbst umbringt. Dieser Ulk an Begründung für das inhaltliche Geschehen wird zwar ein wenig garniert mit Blutschuld und Ganovenehre, kann aber null darüber hinwegtäuschen, dass die Story selbst völlig egal ist. Durchaus übrigens im Gegensatz zur aktuellen Konkurrenz. Denzel Washingtons „Equalizer", der ebenfalls mit einer Fortsetzung belohnt wird, verfügt über charakterliche Tiefe und einen stichhaltigen Beweggrund. Beides hat Keanu Reeves nicht und beides braucht er nicht. Denn der Weg ist das Ziel und der wuselt nur so von menschlichen Lemmingen, die sich in bizarrer Todessehnsucht auf den schon längst im Blut badenden John Wick stürzen. Der trägt diesmal übrigens einen maßgeschneiderten, kugelsicheren Spezialanzug, was ihn in auffälliger Analogie zu einschlägigen Computerspielen sozusagen upgradet. Und tatsächlich wirkt „John Wick: Chapter 2" wie ein zweistündiger Shooter. Wie ein Killig Spree an der Konsole. Malerische Landschaften, geformt aus Bergen von Toten.

Keanu Reeves füllt einmal mehr eine Rolle, die ihm nichts abverlangt und deshalb nicht weh tut. Zu verschmerzen ist das aber auch deshalb so völlig ohne Elend, weil sich bei „John Wick 2" gern gesehene Genregäste die Klinke in die Hand geben. Der beharrlich geistesgestörte Peter Stormare übergibt das Staffeleisen an den coolen Franco Nero, und der reicht es weiter an den meist sonderbar fürstlich wirkenden Laurence Fishburne. Der für das Casting verantwortliche Mensch hat seine Hausaufgaben jedenfalls gemacht, denn Blaukraut bleibt Brautkleid und Zielgruppenanalyse lohnenswerte Vorarbeit. So spaziert Keanu Reeves mit einem Gesichtsausdruck, der, schwer zu entziffern, entweder wütend oder gelangweilt sein soll, über den Washington Square, führt seinen Hund Gassi auf der Brooklyn Bridge und gibt ihn schließlich in die Obhut des freundlichen schwarzen Rezeptionisten des Continental Hotels. Die Szene blendet aus, als sich Hund und Hotelangestellter gegenüber stehen und hilflos begutachten. So kalkuliert witzig sich das anhört, irgendwie ist es auch drollig. Und darf es ruhig sein. Denn mit seinem Gespür für Situationskomik trifft Chad Stahelski bei seiner Action-Oper wiederholt einen harmonischen Ton.

Am Ende liefert sich der Titelheld einen Showdown im Spiegelkabinett, das sich in allen Farben des Spektrums bricht. Wie im ersten Teil wird Wert gelegt auf fein justierten Stil, der nicht überdreht und konzeptionell nicht übersteuert gelingt. Zu poppig-alternativen Klängen werden Heerscharen an gesichtslosen Gegnern mit Kopfschüssen versorgt und der mimisch eingefrorene Keanu Reeves durch die Räume geschoben. Wüsste man es nicht besser, John Wick könnte einem Comicheft entsprungen sein. Auch sein mehrfacher Aufenthalt im kultig erdachten Auszeitraum der globalen Gangsterfamilie, dem „Continental"-Hotel, wirkt mit seiner amüsanten Parallelwelt mit den ihr eigenen Regeln beinahe etabliert. Nur ist es das nicht. Genauso wenig wie die Hauptfigur. Das könnte und das sollte sich ändern. Denn Ehrlichkeit ist auch was wert und „John Wick: Chapter 2" ist wahrhaftig ein mindestens visueller Augenschmaus für heitere Gemüter. Hier gibt es keinen Weltschmerz, der in die Tiefe zieht. Nur herrlich unbedarfte Unterhaltung.

Bis zum nächsten Mal, sagt John Wick, der, als er von der Bühne geht, die passenden Worte findet: „Sollen sie nur alle kommen. Egal wo, egal wie viele. Ich werde sie alle töten." Das klingt ja furchtbar. Furchtbar kurzweilig.

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