Review

Die Dreharbeiten in der ersten Augustwoche 1978 begonnen, oftmals in der Stadt New York selber, zuweilen auch in Englewood, New Jersey; wobei Allen hier bereits und vor den vielen weiteren Werken als 'New Yorks loyalster New Yorker' bezeichnet wurde, und die Premiere selber mit einer "imageaufhellenden und moralstärkenden Werbekampagne“ unterstützt werden sollte, tatsächlich fand die Uraufführung im Ziegfeld Theatre in New York City als Benefizveranstaltung für die Film- und Videoabteilung des Whitney Museum of American Art statt. Der Film wurde allgemein gelobt, mit Chaplins Lichter der Großstadt (1931) verglichen, Allen mit Preston Sturges in einem Atemzug genannt, eine Mischung aus bereits den Kritikerlieblingen Der Stadtneurotiker (1977) und Innenleben (1978), hier noch einmal die Steigerung, der Film als lebendes, beeinflussendes, auch das Publikum erreichendes Wesen:

Isaac Davis [ Woody Allen ] ist ein zweimal geschiedener 42-jähriger Comedy-Autor fürs Fernsehen, der seinen langweiligen Job kündigt. Er ist mit Tracy [ Mariel Hemingway ] zusammen, einer 17-jährigen, die eine private, koedukative College-Vorbereitungsschule in New York City besucht. Sein bester Freund, der Collegeprofessor Yale Pollack [ Michael Murphy ], der mit Emily [ Anne Byrne ] verheiratet ist, hat eine Affäre mit Mary Wilkie [ Diane Keaton ], die zuvor mit Jeremiah [ Wallace Shawn ] verbandelt war. Währenddessen will Isaacs Ex-Frau Jill [ Meryl Streep ] ein Beichtbuch über ihre Ehe schreiben, mit Unterstützung ihrer neuen Liebe Connie [ Karen Ludwig ].

Lose Blattsammlung, ein paar Gedanken, Wortfetzen, Schlagwörter, Kommunikation und/oder Interaktion, Sprechen mit sich selber und mit den Wänden. Eine Liebeserklärung an die Stadt oder doch nur den Stadtteil, ein Schweifen in der Vergangenheit oder doch in der Moderne, Vergötterung und Idealisierung, romantische Ansichten, Kitsch oder Tiefschürfung, Predigt oder Zerfall. Erstes Kapitel: Bilder für die Ewigkeit. Wahrheit oder Träumerei. Ankedotisch und neurotisch.

Gleich von vorne möchte man noch einmal anfangen, am Anfang schon. Kunst, Talent, Leben und Mut, Aufarbeitung, Kardinalfragen, Schicksäle, Er ist 42 und Sie ist 17, er raucht nicht und er trinkt nicht, Eigenheiten und Schwächen, einhundert Jahre entfernt in Gedanken, private Gespräche, flüchtige Bekanntschaften und Deutlichkeiten. Übersensbilität und Ernsthaftigkeiten, Lieben und Einsamkeiten, Beziehungen zu Frauen, Schreiben von Büchern, Niederlegen von Gedanken, Lebensuntüchtigkeiten. Starbesetzung und Intimitäten, alles auf einmal, alles in einem. In kreativen Prozessen sind die Leute hier gefangen und tauschen sich wiederum darüber aus und hinaus. Eine Verarbeitung in Texten, länger oder kürzer, Glauben und Irrglauben, Menschen in Kleinigkeiten gefangen, ganz außen am Rande, kaum zu sehen, durch eine kleine Schreibtischlampe erleuchtet, Veronika Lake wird hier gesehen und Rita Hayworth, die Details sind wichtig, die Nebensächlichkeiten, die Wichtigkeiten, um Geschmäcker wird sich ausgetauscht und Integration, alle hier am Schreiben, Referenzen werden eingeworfen, eine "Akademie der Überschätzten". Allen ist oft der Kleinste im Bilde, psychologische und sexuelle Komplexe, eine Frau aus Philadelphia getroffen, "existenzialistische Realitäten", allegorisch und didaktisch, Zwischengenerationen in Augenschein genommen, ein zwischen allen Stühlen sitzen.

Unzufrieden ist man jetzt, im Hier und Heute, es wird sich betäubt, mit den gleichen Leuten getroffen und gesprochen, eine Selbsterfahrung gemacht, etwas Politik eingewoben, beißende Satiren und Gewalten, degoutant und deskribierend und distrahierend und diskriminierend, "Selbst mein schlechtester (Orgasmus) traf genau ins Schwarze"; jüdischer Humor, oft exakt in der Mitte, trotz Umwegen und Ablenkungen, trotz Abkürzungen und Ablenkungen, durch Demoralisierungen und Demütigungen und Determinierungen und Degenerierungen und Dämonisierungen und Mechanisierungen, sexuell recht offensiv, in den Bildern eine ungewohnte Romantik, "unbeschreiblich schön" (wie die Aufnahmen der Queensboro Bridge), in den Texten eher nieder.

Vor einem Problem steht man bald, vor mehreren gleich, eine Wohnungssuche, dem Kaputtmachen einer Ehe, dem Kaputtmachen einer Affäre, körperliche Manifestationen und geistige Seelenverbindungen, zum Mann wird Allen ausgerechnet in Beziehung zu seinem Kind, nicht vorher, nicht nachher, nicht im Wochenendfeuilleton, erst als Vater. Im Weltraum spaziert man später herum, vorher war man noch in New York, Schattenspiele vor dem Saturn, Diane Keaton übernimmt die weibliche Hauptrolle, andere wie Streep oder Hemingway werden recht an die Seite gedrückt, spielen keine Rolle mehr, machen zwischenzeitlich einen abwesenden Eindruck, sie werden verdrängt und abgespeist, vertröstet, analytisch begutachtet, mit zweiten und dritten Rollen verflucht. Hervorscheinen tun dafür der gravierende Altersunterschied, die allgemeine Bigamie, der Running Gag mit Philadelphia, die Angst des Mannes vor der Peinlichkeit und der Entfaltung der Frau, auch vor zuviel Verantwortung, nach Suchen nur nach kurzer Befriedigung, und abgesehen davon: die erhöhten Mieten in der Stadt, in den Wohnungen, der Wandel der Metropole, in dem Wandel der Menschen, jetzt schon, ein Vorgeschmack auf später, es wird nicht ruhiger, es wird nicht preiswerter oder gar billiger. Allen bzw. Gordon Willis bewegt die Kamera zuweilen gar nicht, er hält sich ruhig, lässt die Menschen sich bewegen, der Großtstadtrummel, das unruhige Innenleben, die interstellare Perversion, die verschiedenen Beziehungen, Anfänge und Blendungen und Beendungen; Fehler, die man vorher macht und hinterherbereut, wie üblich.






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