Als eine Art Erweiterung zum Stockholm-Syndrom, bei dem Geiseln Sympathie für die Entführer entwickeln, ist vielleicht das Berlin Syndrom zu verstehen. Oder als Trauma für Leute, die in der DDR aufwuchsen und noch immer nicht mit der Wiedervereinigung klarkommen, wobei solche Tendenzen deutlich in Richtung Küchenpsychologie abdriften.
Fotografin und Rucksacktouristin Clare (Teresa Palmer) hat es von Brisbane nach Berlin verschlagen, wo sie eines Abends auf Lehrer Andi (Max Riemelt) trifft. Nach einem One-Night-Stand in seiner abgelegenen Wohnung findet sich Clare am nächsten Morgen eingesperrt wieder und denkt noch an ein Versehen, doch Andi hat nicht vor, die junge Australierin gehen zu lassen…
Regisseurin Cate Shortland liefert eine etwas merkwürdige Mischung ab, da sich der Stoff nur schwer für eine Marschrichtung zwischen Drama und Thriller entscheiden mag. In vielen Momenten, in der die Gefangene eigentlich völlig verzweifelt sein sollte, verfällt sie Tagträumen, freut sich über die ersten Schneeflocken und lackiert sich die Fingernägel, obgleich man den lieben langen Tag mit sinnvollen Beschäftigungen nutzen könnte, wie etwa Pläne für eine eventuelle Flucht oder Gegenwehr.
Clares Mischung aus Abscheu und erotischer Anziehung gegenüber Andi ist nur bedingt nachvollziehbar, etwa, als der Entführer selbst einen Schicksalsschlag erleiden muss. Andi ist indes kein blindwütiger Psychopath, denn er geht seinen täglichen Pflichten nach und scheint einen Knacks aus der DDR-Zeit erlitten zu haben, während die schlechte Einstellung Frauen gegenüber von seiner Mutter herrührt, die ihn und Vater (Matthias Habich) zurückließ.
Ein paar Seelenklischees weniger hätten es auch getan.
Obgleich die Erzählung über weite Strecken unterhält, Palmer und Riemelt stark performen und die Kamera ein paar grandiose Einstellungen liefert, zieht sich das Geschehen ab Mittelteil merklich und am Ende fühlen sich die 116 Minuten deutlich zu lang an, was nicht zuletzt an einigen unnötigen Zeitlupen liegt.
Demgegenüber mangelt es an spannenden Einlagen, denn ein Abstecher im Wald und ein Wettlauf gegen die Zeit an Sylvester offenbaren, was alles möglich gewesen wäre.
Der Showdown verläuft derweil reichlich vorhersehbar und schafft es nicht, die dramaturgische Punkte zu intensivieren. Zudem finden sich hier erneut ein paar Logiklöcher, welche bereits zuvor die Glaubwürdigkeit in Frage stellen. Immerhin zündet das Ambiente des Altbaus im Stil der 50er und auch der ruhige, oftmals fast verträumt klingende Score weiß Akzente zu setzen.
Für Freunde mitreißender Entführungs-Thriller deutlich zu ruhig, für ein ausgewogenes Drama mangelt es an Tiefgang, so dass letztlich ein mittelmäßiger Streifen bleibt, der aufgrund seiner recht präsenten Darsteller am ehesten zu punkten weiß.
5,5 von 10