Review

kurz angerissen*

Scheinbar unaufgefordert gibt David Lynch die Anekdoten seines Lebens zum Besten. Mit völlig nüchternem Tonfall arbeitet er sich durch die einzelnen Stationen seines Daseins. Seine Interviewpartner finden sich dabei völlig aus der Tonspur entfernt, aus dem Bild ohnehin. Auch wenn man die Regie und den Schnitt hinter der sorgfältig aufgebauten Dokumentation spürt, so erweckt sie doch den Anschein, ihrem Protagonisten völlig die Kontrolle überlassen zu wollen. Lynchs Stimme transzendiert in einen nie versiegenden Off-Kommentar, der unabhängig von externen Vorgaben agiert. Das jedenfalls könnte man beinahe glauben, denn in der Kombination aus biografischen Details und obskuren Erlebnisberichten ist eindeutig etwas verborgen, das man heute als "lynchesk" bezeichnen würde. Derweil ist der Lynch vor der Kamera von seinem akustischen Pendant völlig separiert, denn er spricht niemals und ergibt somit nie eine Einheit mit dem Sprecher, so dass nicht nur die Dokumentarfilmer eine Distanz zur Biografie erzeugen, sondern interessanterweise auch der Gegenstand der Biografie selbst. Auch schaut er nicht in die Kamera, sondern geht einfach der Arbeit in seinem Atelier auf den Hollywood Hills nach. So wie er umgeben ist von Tischen, Leinwänden und Werkzeugkästen, während er zumeist im Profil von der Seite gefilmt wird, entfaltet sich eine Szenerie wie aus einem kubistischen Picasso-Gemälde. Eine Aneinanderreihung flacher Kastenformen in idyllischer Umgebung (Staubwolken, die im hellen Licht tanzen, Materialien, die überall griffbereit liegen, so als stünde der Künstler mitten in seinem eigenen Malkasten), die bald überspült wird mit den Alpträumen von Lynchs Leinwänden und seiner ähnlich alptraumhaften Musik (wie erschienen auf den Alben "Crazy Clown Time" und "The Big Dream").

Die Fotos aus seiner Zeit als Kind, Jugendlicher und heranwachsender Mann verbinden sich organisch mit den Werken aus Malerei, Musik und Film; wer die nach eigener Aussage schöne und behütete Kindheit des Erschaffers so verstörender Werke als Widerspruch begreift, wagt damit vielleicht nur einen oberflächlichen Blick auf die Umstände zu werfen. Die über mehrere Jahre hinweg gedrehte Dokumentation ist um die Erläuterung der Kontexte jedoch ebenso bemüht wie um Zurückhaltung, so dass man am Ende zu einem Verständnis der Person gelangt, das in etwa der Traumlogik seiner Werke entspricht. Die dabei eingesetzten Hilfsmittel sind subtil, aber wirkungsvoll. Man sieht in einer verwackelten 8mm-Aufnahme aus der Kindheit einen weißen Zaun und fühlt sich sogleich an "Blue Velvet" erinnert; dann hält die Kamera aus dem fahrenden Auto auf eine Straße und prompt ruft man im Kopf die Bilder aus der Eröffnungs- und Endsequenz aus "Lost Highway" ab.

"The Art Life" bleibt in letzter Konsequenz angemessen distanziert, um das Gesamtwerk nicht zu entmystifizieren, gräbt andererseits aber an den tiefsten Wurzeln, ohne dass man dies besonders merken würde. Der Blick auf David Lynch verändert sich nicht grundlegend, wenn man sich bereits anderweitig mit seinem Werk beschäftigt hat, aber vielleicht wird das Milchglas ein wenig transparenter. Ein Balanceakt, den diese Biografie gekonnt ausführt.

*weitere Informationen: siehe Profil

Details
Ähnliche Filme