Review

Eine wirklich flotte Idee – aber an der Umsetzung müssen wir noch arbeiten!

Sicher, etwas im richtigen Format für die Snapchat-Generation zu produzieren, ist wirklich ein harten Keks, der zu krümeln ist. Die Aufmerksamkeitsspanne eines Eichhörnchens auf Speed oder das generelle Begreifen der Existenz im Game-On-Chill-Modus, das sind die Pole, zwischen denen man sein Produkt platzieren muss.
Also haben sich die Macher bei „Wishlist“ so ihre Gedanken gemacht: kleines Budget, kurze Episoden, schön aufgetakelt mit Must-See-Faktor durch Gaststars.
10 Folgen zu jeweils einem Viertelstündchen Folge, in denen eine Gruppe von Jugendlichen in Kontakt mit einer Smart-App kommt, die dem User jeden Wunsch erfüllt – natürlich nur gegen entsprechende Erledigung einer Aufgabe von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad, die speziell auf die jeweiligen Bedürfnisse berechnet wird.
Wer Weltfrieden möchte, müsste so in etwa zum Mond fliegen in einer selbstgebauten Rakete; wer einen neuen Lippenstift will und keine Kohle hat, muss eben im Supermarkt ein Glas mit irgendwas im Gang auskippen.
Das ist genau von der latent begehrten Subversivität, von der man weiß, dass sie den Karren in ein ganz übles Eckchen fahren wird.

Also wird aus Spaß Ernst – und Ernst ist jetzt auf Instagramm!

Ein wenig Anbiederung muss auch sein, also ist Hauptfigur Mira ein wortkarger Web-Nerd (allerdings sieht man nicht viel davon), die am liebsten nur virtuell kommuniziert, weil sie in der Realität eine Mimik zur Schau trägt (24 h täglich), die zum In-die-Fresse-Hauen anregt. Papa ist ständig unterwegs und hat dazu noch ein viel zu junges Blond-Brötchen als neue Freundin und die Realität ist sowieso…naja, unspektakulär.

Auch ihre „Freunde“, die sie als App-User „gewinnt“ sind nicht eben dauerhaft realitätskompatibel: Schnuckel „Casper“ (der mit den Tattoos!) trägt immer die Hacker-Hoodie-Gedächtnis-Plünne; sein Asia-Kumpel Kim denkt hauptsächlich mit seinem Penis, der ewig lächelnde Loser Dustin mit den reichen Eltern (ein Elternteil suizidgefährdet und im Knast) ist eine wandelnde Zeitbombe und Nele Schepe ist das definitive „Ich-hab-nen-eigenen-YouTube-Schminktipp-Channel“-Bitchchen mit Polen-Potential und rosa Lipgloss.

Garniert wird das alles noch mit zahlreichen YouTube-Stars (allen voran „Dagi Bee“), die in Klein- und Kleinstrollen mal im Bild auftauchen.

Doch das Pfund zum Wuchern wäre hier eigentlich der Plot, der wirklich interessante Möglichkeiten bietet, aber eben an dem enorm begrenzten Budget scheitert. Alles in Wuppertal und Umgebung zu drehen, das funktioniert noch tadellos, aber weder Format noch Lauflänge genügen den Ansprüchen der Abgründigkeit der Serienprämisse.

Wenn in Folge 2 die Betreffenden einen „richtig fetten Abend“ herbei wünschen, dann ist der Hit des Abends, dass sie ohne Wartezeit am Türsteher vorbei in den nächsten (halbleeren) Club kommen und dort jeder ein Bier trinken und ein paar Tanzschritte machen, ohne jeden Exzess und ohne auch nur den Anschein zu erwecken, sie würden sich wirklich amüsieren. Morgens beobachten sie dann gemeinsam den Sonnenaufgang und sehen aus, als hätten sie die Welt abgebrannt. „Breakfast Club“ it ain’t!
Da sich die Figuren eigentlich gar nicht ausstehen können, ist das alles nie so ganz überzeugend, wenn es über die Zweckgemeinschaft hinaus geht und die wahren Abgründe, nämlich was von der wahrgenommenen Realität eigentlich noch Zufall ist und was von der App beeinflusst wurde, kann kaum angerührt werden.
Stattdessen erweisen die Figuren sich als modern-selbstverliebt-begriffsstutzig oder enorm introvertiert und wirken so steif und unpassend positioniert.

Aber das passt leider zu dem holprigen Formatplot, der schon sehr früh klar macht, dass hinter „Wishlist“ die große, böse, mörderische Organisation steckt, die minimum das weltweite Chaos oder die globale Dominanz will. Zu mehr als virtueller Omnipräsenz und ein paar rudimentären Ansätzen reicht es aber nicht für die sehr bemüht ermittelnden Teenager (was ist bloß aus den „Drei Fragezeichen“ oder der Agilität von TKKG geworden?) in der knappen Spielzeit.

Letztere wird dann auch noch durch eine ziemlich am Zeitgeschmack vorbei agierende Regie sträflich in die Länge gezogen, denn entweder reichen die Drehbücher nicht mal für die typischen 15 Minuten aus oder Regisseur Mark Schießer ist noch lange nicht am Ende seiner Ausbildung angekommen. Endlose Zeitlupeneinschübe, kein Tempo oder eben unpassendes Tempo zur entsprechenden Situation; scheinbar minutenlanges Starren der Protagonisten, budgetbedingtes Strecken ohne wirklichen Sinn und Verstand (Schießer vergeigt so nicht nur – zu langsam – eine eskalierende Entführungssequenz, sondern – zu schnell, zu viele Wiederholungen – auch eine Attacke per Auto.), das alles macht den frischen Eindruck der Prämisse fast komplett wieder zunichte.

Und ein bißchen mehr Innovation hätte es auch sein dürfen: Vita Tepels Mira gebricht es dem vollkommenen Fehlen von (Selbst-)Ironie bei ihrem offensichtlich anders wo abgeschauten Piss-Off-Kommentar, Michael Glantschnig sollte wohl nur „brooding“ sein und gibt sich ganz dem Mystery-Type hin, den er spielt und Yung Ngo, wirklich nicht der unerfahrenste Darsteller, ist meistens nicht zu verstehen, weil er offenbar vor lauter bemühter Brachialcoolness eine Tüte Murmeln in den Mund genommen hat.
Aber das macht eben nichts in einer Serie, die immer genau dann wegschneidet, wenn es mehr als angesagt wäre, mal eine entscheidende, Informationen liefernde Frage zu stellen, die Figuren und Zuschauer mal weiterbringen würde. Allein die Hintergründe des Entführungsfalls und die Motivation der Entführerin hätte einige Details extra gebraucht, in der vorliegenden Form scheint die Szenenfolge merkwürdig deformiert.

Immerhin: nach dem finalen Knalleffekt, der angesichts der Startsequenz in Folge 1 auch nicht eben befriedigend an allen Fronten ausfällt, gibt es noch eine Staffel 2, die dringend ein paar mehr Antworten bieten sollte, denn noch viel länger reicht die Geduld mit diesen fünf Hormonbündeln, die man meistens dauerhaft ohrfeigen möchte, auch nicht aus.
Für ein wenig Rauschen im Webwald wird es sicherlich reichen, aber gut gemeint und gut gemacht sind eben zwei verschiedene Dinge und da gibt es dann auch nur eine Durchschnittswertung mit Welpenschutz! (5/10)

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