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Betty (Jessica Zwolak, Dry Bones) ist unzufrieden. Die Natur hat es nicht gut mit ihr gemeint in Bezug auf die weiblichen Rundungen im oberen Bereich des Körpers, und das bekommt die arme Frau tagtäglich zu spüren. Im Büro wird "Flatty" von ihren üppiger ausgestatteten Arbeitskolleginnen gehänselt - lediglich ihr heimlich in sie verliebter Kollege Tim (Paul McGinnis, Snow Shark: Ancient Snow Beast) steht zu ihr -, ihr Chef (Michael Thurber, Murder University) ignoriert sie fast völlig, auf der Straße erntet sie von herumlungernden Tunichtguts ständig spöttische Bemerkungen, und selbst ihr Freund Dutch (Sam Qualiana, Zombie Babies) läßt sie spüren, daß sie ihn eher ab- denn antörnt. Auf ihren Vorschlag hin, mal wieder eine flotte Nummer zu schieben, antwortet er nur trocken: "Sure, why the hell not? I'm drunk."

Sogar ihr Psychiater Dr. Foin (Troma-Zampano Lloyd Kaufman in einer größeren Nebenrolle) ekelt sich (in einem Traum) vor ihrer flachbrüstigen Erscheinung und läßt seinem Abscheu schon mal freien Lauf: "Get out of here, you breastless freak of nature!" Insofern ist es nur allzu verständlich, daß Betty nach allen Strohhalmen greift, die sich ihr bieten. Ihre letzte Hoffnung ist die dubiose Schönheitschirurgin Dr. Cate Thulu (Debbie Rochon, Terror Firmer), und nach einem besonders fiesen Alptraum (in Form einer geilen Musicalnummer zum genialen Song Funbags!) wagt sie tatsächlich den großen Schritt. Die delikate Brustverpflanzung scheint gelungen, und alles wendet sich zum Guten. Zumindest vorerst. Denn bald schon merkt Betty, daß ihre neuen Brüste ein unheimliches Eigenleben besitzen und noch dazu ausgesprochen hungrig sind.

Wenn Männer, die lüstern und glasigen Blickes potentiellen Paarungspartnern hinterherhecheln, schwanzgesteuert sind, dann ist die Heldin in dieser Geschichte zweifellos tittengesteuert. Mit dem kleinen Unterschied, daß Bettys Boobs keinen heißen Sex im Sinn haben, sondern daß die brandneuen Hupen nach saftigem Fleisch gieren. Wenn die Möpse übernehmen, hat Betty rein gar nichts mehr zu melden. Sie ist dann bloß noch ein (notwendiges?) Anhängsel, dem Willen ihrer aufmüpfigen Funbags mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. Zwar sind die meisten Filme des New Yorker Filmemachers Greg Lamberson (Slime City, Slime City Massacre, Dry Bones) mit schrägem und/oder groteskem Humor durchzogen, bei Killer Rack warf er nun aber alle Zurückhaltung über Bord und ging diesbezüglich aufs Ganze.

Und herausgekommen ist kein Zonk, sondern ein Volltreffer! Lamberson ist mit Killer Rack ein spritzig-derber Horrorspaß gelungen, der mit zum Besten zählt, was ich auf diesem Sektor seit langer Zeit gesehen habe. Am Ende fühlte ich mich glatt, als hätte ich soeben einen Clown verschlungen, mit Kichererbsen als Beilage, und einem Crazy Devil zum Runterspülen. Die Gründe, warum diese pfiffige Mischung aus Screwball Comedy und splattrig-trashigem Körperhorror so famos funktioniert, sind vielfältig. Zum Beispiel suhlen sich Drehbuchautor Paul McGinnis und Regisseur Greg Lamberson trotz der schlüpfrigen Thematik niemals in Geschmacklosigkeiten. Zwar fühlt man sich hin und wieder an kultige Troma-Streifen à la Tromeo and Juliet erinnert, die mit dieser Produktionsfirma verbundenen Untiefen werden jedoch konsequent vermieden.

Erste Sahne ist auch das gelungene Casting. Ein mikrobudgetierter Film dieser Art (wir reden von etwa US$ 45.000) steht und fällt auch mit seiner Besetzung, und zum Glück haben die Verantwortlichen in dieser Hinsicht ein feines Händchen bewiesen. Sämtliche Akteure und Aktricen hängen sich nicht nur mit viel Enthusiasmus rein, sie gehen in ihren Rollen regelrecht auf und erwecken sie so zum plastischen Leben. Gar nicht hoch genug einschätzen kann man die Leistung von Jessica Zwolak in der Hauptrolle, die nahezu omnipräsent ist und den Streifen quasi tragen muß. Und das tut sie mit Bravour. Zwolak ist keine strahlende Schönheit; sie ist eher der Nette-Kumpel-Typ von nebenan mit leichtem Mauerblümchenflair. Doch sie hat eine sehr angenehme, hinreißende Ausstrahlung, einen wunderbar trockenen Humor und darüber hinaus ein sehr gewinnendes, liebenswertes Wesen.

Zwolak kommt ungemein sympathisch rüber, und zwar sowohl bevor als auch nachdem sie ihre monströsen Mördertitten spazieren führt. Ergo ist dem Publikum ihr bizarres Schicksal nicht egal, und da auch die zart aufkeimende Liebesgeschichte recht gut funktioniert, drückt man Betty unwillkürlich beide Daumen und hofft, daß das absurde Szenario zum Schluß hin doch noch in ein Happy End mündet, obwohl die Chancen dafür nicht gerade die allerbesten sind (garstige Kreaturen aus dem Lovecraft-Universum sind halt keine süßen Kuscheldinger). Denn in den letzten zwanzig Minuten legen ihre gefräßigen, von Brooke Lewis (Slime City Massacre) gesprochenen Killer-Möpse erst so richtig los. Da mahlen die Kiefer, da spritzt das Blut, da peitschen die Tentakel, da sprudelt die Milch, da schreien die Opfer, da hopst der Jesus (ein köstlicher Gag!), da bleibt kein Auge trocken.

Falls jetzt jemand verständnislos mit den Augen rollt, verächtlich aufstöhnt und sich kopfschüttelnd fragt, wie man solch einen haarsträubenden Blödsinn nur so abfeiern kann, dann kann ich nur folgendes entgegnen. Killer Rack quillt über vor Leidenschaft und Kreativität und ist vollgestopft mit aberwitzigen Ideen, herrlich blöden Gags und launigen, zitierfähigen Dialogen, daß man aus dem Staunen kaum herauskommt. Der riesige Spaß, den offensichtlich alle am Projekt Beteiligte hatten, überträgt sich eins zu eins aufs Publikum, es hagelt jede Menge popkulturelle Anspielungen, und alles an dem Film, wirklich alles (Cast, Dialoge, Soundtrack, Songs, Regie, Spezialeffekte), verströmt einen dermaßen herzlichen, erfrischenden, unwiderstehlichen Charme, daß ich mich frage: Wenn man so etwas Tolles nicht abfeiern kann, was dann? Was, bei Cthulhu, denn bitteschön dann?

Ja, Killer Rack ist leidenschaftlich-ambitioniertes Low-Budget-Filmmaking at its very best. Die Originalität mag sich mitunter in Grenzen halten (Filme wie Le sexe qui parle (Pussy Talk), Teeth, One-Eyed Monster und Bad Biology beackern, zumindest teilweise, eine ähnliche Thematik), aber die gekonnte Art und Weise, wie das alles hier präsentiert und in den abgefahrenen Plot integriert wurde, fühlt sich einfach neu, frisch und wunderbar unverbraucht an. Hervorheben möchte ich noch Debbie Rochon als irre, die alten Lovecraft'schen Götter verehrende Wissenschaftlerin, die alle Register aus dem Handbuch für fortgeschrittene Mad Scientists zieht und eine zum Schreien komische Performance abliefert, sowie den großartigen Soundtrack von Armand Petri und Joe Rozler mit Songs wie Killer Rack, Dark Side of Love und natürlich dem Mega-Ohrwurm Funbags.

Daß Killer Rack einen nicht unbedeutenden (und leider nur allzu wahren) Subtext hat (Frauen werden auf ihr Äußeres reduziert, die Gesellschaft ist von oberflächlichen Schönheitsidealen geradezu besessen), der mit Genuß auf die (satirische) Spitze getrieben wird - ohne dabei die Zurschaustellung von Brüsten überzustrapazieren -, ist der Qualität des Streifens ebenso wenig abträglich wie die Entscheidung, auf seelenlose Computer Generated Images gänzlich zu verzichten. Arick Szymeckis Spezialeffekte, allen voran die prosthetischen Brüste, sind ausnahmslos praktischer Natur, und für die zwei Tentakelszenen zeichnet Stop-Motion-Maestro Brett Piper (ArachniaTriclops) verantwortlich. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, daß Killer Rack in möglichst viele Länder verkauft wird, dann sollte einer Adelung mit Kultstatus nichts im Wege stehen. Es wäre jedenfalls so was von verdient.

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