kurz angerissen*
Wohl nur ein Alex de la Iglesia traut sich eine derart tollkühne Genre-Mischung zu. "El Bar" ist ein soziales Experiment nach Art von Buñuels "Der Würgeengel" oder Hitchcocks "Das Rettungsboot", angesiedelt in einem Madrider Café, umgeben vom Nebel der Mystery und infiltriert vom Horror des Feindes aus der Mitte. Der Glaube an das Gute im Menschen wird überlagert von seiner Unberechenbarkeit; gerade Jaime Ordóñez spielt eine tickende Zeitbombe, die auch einem "Witching & Bitching" als Halloween-Dekoration gut gestanden hätte.
Und irgendwie hält der Kleber bei diesem Mix aus Mystery-Thriller, Komödie, Bürger-Scharade, Terror- und Invasionsfilm tatsächlich alles beisammen. Um sich nicht in Sackgassen zu manövrieren, erfindet das Drehbuch ständig neue Wege, um die Situation noch weiter eskalieren zu lassen. Das mag nicht immer mit Logik gesegnet sein, was aber von den Ereignissen außerhalb des Cafés abgedämpft wird, denn die wirken ohnehin völlig surreal. Horror-Elemente schmuggeln sich durch verzerrte Fratzen und plötzliche Wendungen ein, werden aber stets mit einem ordentlichen Schuss Humor versehen, so dass keine Gefahr besteht, dass die Handlung sich zu ernst nimmt (nicht, dass diese Gefahr bei einem solchen Regisseur jemals bestanden hätte).
Einigen Exemplaren aus dem Ensemble möchte man links und rechts eine scheuern, weil sie wahlweise so dämlich, selbstmitleidig, egoistisch oder rücksichtslos agieren. Wenn man sich die letzten Minuten des Films ansieht, dann trifft das wohl ebenso auf die Menschen außerhalb des Cafés zu - einmal mehr kein positives Fazit, sondern eine betont schwarzhumorige Sicht der Dinge bahnt sich ihren Weg. Die mikroskopischen Aufnahmen von Bakterien und Viren aus dem Vorspann beziehen sich eben nicht nur auf die thematisierte Angst vor Ansteckungsgefahr, die mit einer Hatz durch die Kanalisation noch potenziert wird, sondern auch auf die um sich schlagende Selbstbezogenheit städtischer Mitbürger. Auch wenn sich de la Iglesia vielleicht ein wenig zu wiederholen beginnt - an emotionaler Wirkung lassen es seine Filme weiterhin nicht mangeln.
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