An einem belebten Platz irgendwo in Madrid treffen sich morgens in einem heruntergekommenen Bistro diverse Leute, um hastig einen Kaffee zu trinken, ein Sandwich zu verdrücken oder auch nur um in Ruhe am Laptop surfen zu können. Kaum tritt der erste Gast hinaus durch die Tür, wird er aus dem Hinterhalt niedergestreckt. Einem weiteren Gast, der ihm helfen will, widerfährt dasselbe - und der eben noch belebte Platz draußen ist vollkommen leer - bis auf die beiden Leichen wenige Meter vor der Glasfront. Ein Sniper? Terroristen? Eine Polizeiaktion? Niemand traut sich mehr aus dem Bistro heraus, die wildesten Spekulationen kursieren unter den Anwesenden, deren Nervosität mit jeder Sekunde steigt...
Spätestens seit seiner glänzenden Komödie La comunidad ist der geschätzte Regisseur Álex de la Iglesia für die Darstellung alltagstauglicher schräger Charaktere bekannt, und so versammelt er auch im vorliegenden Film eine Reihe Allerweltstypen, die ein jeder von uns kennt (oder zu kennen glaubt) und mit denen man sich partiell sogar identifizieren kann: Da ist die resolute Kneipen-Mama Amparo (Terele Pávez) und ihr etwas einfältiger Mitarbeiter Sátur (Secun de la Rosa), die hübsche Elena (Blanca Suárez), die sich auf ein Date vorbereitet, der durchgeknallte Penner Israel (Jaime Ordóñez), die vom Leben enttäuschte Trini (Carmen Machi) und der undurchsichtige Werbefachmann Nacho (Mario Casas) - dazu gesellen sich ein wegen Trunkenheit entlassener Cop und ein Damenunterwäsche-Fetischist mittleren Alters. Sie alle werden Zeuge von zwei Morden und reagieren komplett unterschiedlich auf die Situation - hier hat El Bar auch seine stärksten Momente, da der Nebenplot des Verschwindens der Leichen eine gewisse Spannung erzeugt. Was hinter den merkwürdigen Geschehnissen steckt, wird dem geneigten Zuseher allerdings sehr schnell, für meinen Geschmack viel zu schnell klar, sodaß sich El Bar fortan nur noch mit der Interaktion der verbliebenen Protagonisten beschäftigt. Und hier schwächelt der Film dann zunehmend, denn die Flucht durch den Keller und die Kanalisation ist streckenweise haarsträubend unlogisch, und die verbliebenen Bar-Besucher müssen unter teilweise starkem Streß die Nerven bewahren - wobei sie manchmal auch ihre andere, die dunkle, egoistische Seite präsentieren.
Wie Leute unter Anspannung reagieren, gehört zu den Momenten, die man immer wieder in Iglesias´ Filmen studieren kann - leider ist die Auswahl der Seelen-Strip-Protagonisten meiner Ansicht nach nicht gelungen, da der Unsympathischste von allen, der obdachlose Bibelzitat-Schleuderer, sich mit zunehmender Dauer immer mehr in den Vordergrund spielt. Obgleich Jaime Ordóñez diese seine Rolle tadellos und überzeugend rüberbringt (was übrigens auch für alle anderen Darsteller gilt), ging mir dieses affektierte Geschrei schon nach kurzer Zeit schwer auf die Nerven - den Gefallen, diesen hysterischen Vogel schnell abzuservieren, tut einem Iglesias leider nicht.
Gut gewählt dagegen die Thematik mit der Infektionsgeschichte, die natürlich bewußt auch wieder gewisse Verschwörungstheorien bedient, mit einigen Übertreibungen aber auch stets dafür sorgt, daß man den Plot nicht allzu ernst nimmt (beispielsweise die Szenen mit dem froschäugigen Militär-Angehörigen). Eher weniger überzeugend dagegen der erzwungene Fluchtweg, nämlich sich durch ein enges Loch im Boden zu quetschen: als ob dies gelingen könnte, wenn nur die Taille durchpasst - an das zwangsläufige Auskugeln der Schultergelenke hat das Drehbuch nicht gedacht... Auch der vermeintliche Gag mit dem Obdachlosen, der sich entkleidet und dabei merklich Gestank verbreitet, sodaß Elena ihn nicht berühren mag, hat wenige Szenen später, als er und sie aus derselben Flasche trinken, schon keine Gültigkeit mehr. Hier wäre - genauso wie bei den an der heißen Kellerluke verbrannten Fingern von Trini, die kurz später verheilt scheinen - etwas mehr Sorgfalt angebracht. Trotz einiger netter Kameraeinstellungen in der Kanalisation scheint diese doch weitgehend rattenfrei und eben nur dunkel zu sein, der übliche Ekel- und Gruselfaktor stellt sich bei diesen Szenen gar nicht ein.
Dennoch bleibt El Bar - Frühstück mit Leiche eine unterhaltsame Komödie, die stark beginnt und dann leider abbaut, was übrigens auch den unspektakulären Schluß betrifft. 6 Punkte.