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Teil zwei der Hafenstadttrilogie, erzählt eine Geschichte von zwei Männern, die erst ab der Hälfte des Filmes zueinanderfinden und in Interaktion treten werden. Khaled Ali (Sherwan Haji) kommt, versteckt in einem Kohlecontainer, am Hafen von Helsinki an. Er floh aus Aleppo, nachdem seine gesamte Familie durch den dort wütenden Krieg nahezu ausgelöscht wurde. Ihm bleibt nur noch seine Schwester, die er auf der Flucht nach Europa verloren hat. Auf der Suche nach ihr verschlägt es ihn eher unbeabsichtigt und zufällig nach Finnland. Nach seiner Ankunft dort beantragt er Asyl und muss darauf in einem Flüchtlingsquartier verweilen. Nachdem ihm sein Antrag auf Asyl, trotz triftiger Gründe, nicht zugesprochen wird, fühlt er sich gezwungen Reißaus zu nehmen und landet auf der Straße, wo er mehrmals mit einer gewalttätigen Bande von Skinheads konfrontiert wird.
Parallel dazu erzählt Die andere Seite der Hoffnung von Waldemar Wikström (Sakari Kuosmanen), der gerade seine alkoholabhängige Frau verlassen und seinen Job als Vertreter an den Nagel gehängt hat. Nach einem riskanten, aber letztlich erfolgreichen, Pokerturnier, das ihm mit dem nötigen Kapital ausstattet, macht er sich zum Eigentümer der heruntergekommenen Gaststätte "Zum goldenen Krug". Eines Tages begegnet er neben den Müllcontainern seines Ladens Khaled, der dort sein provisorisches Nachtlager aufgeschlagen hat. Nach einer kurzen handgreiflichen Auseinandersetzung bietet er Khaled einen Job bei sich als Hilfskraft und Obdach an.

Mit seinen typisch stoischen Figuren und entsprechend nüchternem Humor begegnet Aki Kaurismäki dem emotional aufgeladenen wie politisch aktuellen Thema Krieg, Flucht und Asyl. Wie auch schon im Vorgänger Le Havre (2011) erwehrt er sich den thematisch inhärenten Vorwürfen, die ihm Sozialromantik attestieren durch seine gewohnt unaufgeregte, weder analytisch dokumentarische noch manipulativ emotionalisierende, Inszenierung. Zwischen dem italienischen Neorealismus eines De Sica und einem frühen Fellini, staubtrockenem Humor, zitierwürdigen Dialogen, viel Liebe zur Musik, der auch hier wieder genügend Raum gegeben wird, und poetisch verspielten Geschichten, die von unterprivilegierten Menschen und bedingungsloser Hilfsbereitschaft handeln. Auch hier ist Kaurismäkis Bildersprache wieder unverkennbar: In zigarettenverhangenen Räumen, deren Einrichtungen aus der Zeit gefallen scheinen, schweigen sich die Protagonisten gegenseitig an und werfen sich vielsagende Blicke zu. Kleinste Handlungen, wie das Abnehmen eines Eheringes, werden durch die konzentrierte Inszenierung und den detaillierten Blick der Kamera zu ikonischen Stillleben, die ihre Nähe zum Film-Noir suchen. Mehr noch als in Le Havre wird viel Wert auf Humor gelegt, der für Kaurismäkis Verhältnisse bisweilen slapstickhafte Züge annimmt. Etwa wenn Neo-Gaststättenbetreiber Waldemar dem Massengeschmack seiner Kundschaft Rechnung tragen möchte und das Wirtshaus kurzerhand zu einem Sushirestaurant erklärt wird, obwohl weder er noch seine Angestellten den geringsten Schimmer von Zubereitung und Rezepten haben. So wird, nachdem der rohe Fisch ausgeht, schnell zu eingelegten Heringen zurückgegriffen und mit reichlich Wasabicreme, wenig einladend auf Reisbällchen drapiert.
Aki Kaurismäki hat empathisch ohne je rührselig zu werden, voller Humor doch ohne jeden Zynismus einen wundervoll kurzweiligen Film über Solidarität und Mitgefühl hervorgebracht. Man darf auf den Abschluss der Trilogie gespannt sein.

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