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Es ist ein Morgen wie jeder andere im finnischen Helsinki, als ein Kohlefrachter seine Ladung löscht. Business as usual und daher bemerkt auch niemand, wie sich aus dem schwarzen Schüttgut im Laderaum ein Schatten löst und an Land geht: Khaled (Sherwan Haji), so heißt der junge Mann, ist ein syrischer Flüchtling, und er hat anscheinend einen Plan. Zielstrebig macht er sich auf den Weg zu einer öffentlichen Dusche, um sich den Staub vom Leib zu waschen, dann zieht er mitgebrachte saubere Klamotten an und meldet sich am nächsten Polizeirevier - er möchte Asyl beantragen. Nach einigem Warten beim Asylamt werden seine Personalien aufgenommen und er erhält einen Schlafplatz in einem größeren Saal. Parallel zu Khaleds Ankunft lernt der Zuschauer den Textilien-Außenhandelsvertreter Waldemar (Sakari Kuosmanen) kennen, einen vierschrötigen, eher steifen Gesellen alten Schlags mit einem Quadrat-Schädel: der Endvierziger muß sich beruflich verändern und trennt sich gerade ohne großes Theater von seiner alkoholkranken Frau. Dann fährt er mit seinem uralten Schlitten aus den Fünfzigern zu einer illegalen Pokerrunde, wo er groß abräumt. Mit dem Kies kauft er ohne weitere Erkundungen bei einem Makler eine heruntergekommene Kneipe inklusive deren drei Mitarbeitern. Khaled lernt zur selben Zeit die finnische Bürokratie kennen, doch stets geduldig wartet er, bis er dran ist - er möchte nämlich seine Schwester finden, die er bei der gemeinsamen Flucht aus Aleppo verloren hat...

Es dauert eine ganze Weile, bis in Die andere Seite der Hoffnung (dem zweiten Film aus Aki Kaurismäkis Flüchtlingstrilogie) die Protagonisten zueinander finden, denn es bedarf erst einiger komischer Szenen im Restaurant auf der einen, sowie der geglückten Flucht Khaleds (dessen Asylantrag abgelehnt wurde) auf der anderen Seite, bis sich ein minimaler Konsens ergibt: Khaled arbeitet fortan in Waldemars Kneipe und erhält dafür neben Lohn auch Obdach.

Der ganze Film ist gespickt mit Szenen, wie sie sich wohl nur ein Kaurismäki ausdenken kann: Angefangen von häufigen Musikeinspielungen über ein Setting, das großteils aus den Fünfzigern stammen könnte bis hin zu den wenigen, meist mit das Gesagte kaum unterstützender Mimik vorgetragenen Dialogen, dazu ab und zu eine Portion staubtrockener Humor - wüßte man es nicht schon vorher, würde man zielsicher auf ein weiteres Werk des finnischen Regisseurs schließen. Da haben wir eine konzeptionell irgendwo in den Siebzigern hängengebliebene Kneipe mit einer winzigen Bar für ein halbes Dutzend Tische, mit Hendrix-Plakat und Jukebox, die sich genau eine Bedienung und einen Koch (stets mit Zigarette im Mund) leistet, dafür aber einen Portier in rotem Frack aufbietet, der den (wenigen) Gästen die Garderobe abnimmt. Es scheint dort nur ein Gericht zu geben, nämlich Dosenfisch mit Kartoffeln - als der stoische Waldemar dies ändern möchte, verfällt er auf die Idee, die Spelunke inkl. Mannschaft japanisch zu dekorieren; leider hat der bis zur Karikatur faule Koch nur ein halbes Kilo Fisch gekauft, das für die dank der Werbung daraufhin tatsächlich angelockten asiatischen Gäste natürlich bei weitem nicht ausreicht, woraufhin erneut Dosenfisch (aus dem preisgünstigen 5-Kilo-Eimer) mit einem riesigen Batzen Wasabi serviert wird. Da sich natürlich auch diese Geschäftsidee nicht durchsetzt, kehrt man wieder zum Alltag zurück - Khaled spielt bei alledem brav mit, und da er noch keinen gültigen Pass hat (und sich bei einer Kontrolle schonmal stundenlang auf dem Damenklo verstecken muß), spendiert ihm Waldemar denselben, indem er einen jungen Burschen engagiert, der dies mit Laptop und Laminiergerät direkt vor Ort erledigt...

Die andere Seite der Hoffnung
bietet einen höchst ungewöhnlichen, zumindest aber ungewohnten Zugang zur Flüchtlingsthematik, denn Khaled ist erstaunlicherweise emotional genauso zurückhaltend wie seine finnischen Mitmenschen, denen im ganzen Film kein Wort zuviel, vor allem aber kein einziger Lacher auskommt. Relativ gleichmütig erträgt er den Kneipenalltag, hat kaum soziale Kontakte (er trifft sich manchmal mit einem irakischen Freund, sucht sich aber z.B. keine Freundin) und die als Motiv genannte Suche nach der Schwester gerät mit der Zeit zur Nebensache, auch wenn sie - viel zu kurz abgehandelt - am Ende dank Waldemars Intervention doch noch glücklich verläuft. Kaurismäki, dem es nach eigener Bekundung um die Darstellung herzloser Behörden im Umgang mit Flüchtlingen ging, porträtiert hier vor allem seine Landsleute mit Licht und Schatten: Die indifferenten Polizisten, eine hilfsbereite Asylbetreuerin, die Khaled die Fluchttür öffnet, unbeteiligte Obdachlose, die Khaled zur Seite stehen, ein gleichmütiges Kneipen-Ensemble, das den neuen Mitarbeiter klaglos akzeptiert sowie den pragmatischen Waldemar, der in seinem grauen Anzug oftmals wortlos genau das Richtige tut; daneben aber auch eine Bande von Rassisten, die zweimal auf Khaled treffen, wobei er beim zweiten Mal ernsthaft verletzt wird, was storytechnisch viel zu wenig beleuchtet wird, aber immerhin glimpflich zu enden scheint.
Seinen Unterhaltungswert bezieht der Film jedoch nicht aus der (eher untergeordneten) Asylthematik an sich, sondern fast ausschließlich aus den farbenfroh-schrägen Auftritten seiner schrulligen finnischen Protagonisten. Vielleicht ist dies aber genau der richtige Weg, dem skandinavischen Zielpublikum einen Zugang zur Flüchtlingsthematik zu verschaffen.
Schon aufgrund des herrlich anachronistischen Settings und erst recht der skurrilen Figuren wegen sehenswert: 6,51 Punkte

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