Im Rausch der homoerotischen Sinne
Die 1980er. Der Siebzehnjährige Elio Perlman (Timothée Chalamet) führt ein paradiesisches Leben in Norditalien. Im Landhaus seiner Eltern transkribiert er Musik, abends zieht er durch das Städtchen in der Nähe und flirtet mit seiner Freundin Marzia (Esther Garrel). Sein Vater (Michael Stuhlbarg), ein jüdischer Professor für Archäologie, nimmt einen Schützling bei sich auf: Der junge Amerikaner Oliver (Armie Hammer) soll ihm bei seinen Forschungen unterstützen. Der nonchalante Oliver lässt es sich gut gehen und gewinnt bald das Herz der Einheimischen Chiara (Victoire Du Bois). Elio kann Oliver zunächst nicht riechen. Aber es dauert nicht lange, da entsteht ein Band zwischen ihnen, das mehr als nur freundschaftlich ist.
Call Me By Your Name (2017) ist wie ein sachter Sommertraum. Unaufgeregt erzählt der Regisseur Luca Guadagnino (I am Love) eine schwule Liebesgeschichte, die sich zwischen zwei ungleichen Männern abspielt. Der Film schreibt Stimmung gross. Leichtfüssig erweckt er einen italienischen Sommer zum Leben, farbenprächtig und reich an Texturen. Es scheint, als könne man das Gras riechen und die Sonne auf der Haut fühlen. Die erste Hälfte legt ein gemächliches Tempo vor. Wir lernen den angenehmen Alltag der intellektuellen Familie Perlman kennen. Wir verfolgen Elio und Oliver bei ihren heterosexuellen Flirts. Und schauen gebannt zu, wie sich ihre Aufmerksamkeit zaghaft auf den jeweils Anderen richtet.
Auffällig ist Guadagninos Verzicht auf grosse Gesten. Einige symbolische Einstellungen gibt es hier und da, aber oft ist das Gezeigte genau das: das Gezeigte. Call Me By Your Name ist ein sinnlicher Film im besten Sinne des Wortes: Er bedient nicht nur den Seh- und Hörsinn, sondern versucht mit allen Mitteln, das Taktile, die Gerüche und auch die Geschmäcke zum Leben zu erwecken. Genussvoll schwelgt Guadagnino im Erlebnischarakter des Filmes und beschwört ein südländisches Paradies, das so manchen nostalgisch an die Ferien der Kindheit zurückdenken lassen wird. In der Darstellung der Sexualität verfährt Guadagnino ebenso hedonistisch, lässt aber erotische Zurückhaltung walten. Den Geschlechtsakt selbst bekommen wir nie direkt zu Gesicht. Der unbeholfene Tanz zwischen Lust und Scham ist gleichwohl zentral.
Das Drehbuch stammt vom altgedienten Regisseur James Ivory (The Remains of the Day), der den gleichnamigen Roman von André Aciman adaptierte und dabei äusserst sorgfältig zu Werke ging. Die Dialoge sind authentisch und intelligent. Die erzählte Geschichte ist klassisch: Es geht um unterdrückte Sehnsüchte, um Liebe und natürlich um Liebeskummer. Dabei wird die Homosexualität niemals voyeuristisch behandelt. Elio und Oliver treten uns in erster Linie als Menschen entgegen, nicht als Männer. Dieselbe wohltuende Zurückhaltung übte schon Todd Haynes 2015 in seiner zartgliederigen Highsmith-Verfilmung Carol.
Die Beziehung zwischen Elio und Oliver ist bereits dem Untergang geweiht, bevor sie überhaupt beginnt. Darin liegt die bittersüsse Sehnsucht des Filmes, die zuweilen die Grenze zum Kitsch überschreitet. Timothée Chalamet (Lady Bird) ist charmant als blasierter Musiker Elio, und Armie Hammers (The Social Network) Oliver strahlt von Beginn an eine lockere Sexyness aus, die in den Bann schlägt. Neben all dem Liebeskummer – den Guadagnino gegen Ende allzu offensichtlich ausschlachtet – berühren vor allem jene Szenen, die das Gute im Menschen betonen. Bezaubernd etwa die Umarmung zwischen Elio und Marzia, nachdem sie sich versprechen, ewig Freunde zu bleiben. Den grossen Tränen-Moment liefert Herr Perlman, der seinem Sohn rät, die Qualen der Liebe nicht abzutöten. »We rip out so much of ourselves to be cured of things faster than we should that we go bankrupt by the age of thirty and have less to offer each time we start with someone new.« Weise und warme Worte, wunderbar vorgetragen von Michael Stuhlbarg (A Serious Man).
Call Me By Your Name ist ein berauschendes Kinoerlebnis, sentimental und menschlich. Wer in Nostalgie und Sehnsucht schwelgen will, ist hier definitiv an der richtigen Adresse. Hier zischelt’s und knistert’s und spritzt’s.
8/10