Review

kurz angerissen*

Ein italienisches Landhaus auf einer Wiese im Nirgendwo. Unkontrolliert wachsendes Gras. Saftige Pfirsiche und Orangen, die direkt vom Baum gepflückt werden. Ein Fluss und die Spiegelung der Sonne auf der Wasseroberfläche. Das summende Geräusch von Mücken, die im Abendrot ihre kleinen Tänze aufführen. In Reichweite ein kleiner Ort, der fast nur aus Pflastersteinen, alten Gebäuden und Brunnen zu bestehen scheint.

Als breite man das perfekte Biotop aus, um die Liebe natürlich gedeihen zu lassen. Guadagninos „Call Me By Your Name“ macht ein klares Statement, denn wenn die Anziehungskraft zwischen zwei Menschen selbst in einem so friedlich gezeichneten Klima wie diesem italienischen Nirgendwo des Jahres 1983 so defensive Richtungen einschlägt, ist es um das Konzept vom „leben und leben lassen“ schlecht bestellt.

Es ist ein sinnlicher Film, der Momentaufnahmen durch die Augen der Figuren sehen und durch ihre Haut spüren lässt. Er erzeugt Sehnsüchte nach dem Verlorenen, das hätte möglich sein können; nicht nur auf die spezielle Geschichte bezogen, die nach Vorlage des Romans von André Aciman entstanden ist, sondern auch im Allgemeinen. Man möchte selbst vor Ort (und Zeit) sein und eigene Erfahrungen sammeln, die persönlichen Ausprägungen entsprechen, ganz egal, wie diese auch ausfallen mögen.

Dieses Verlangen kann der Film erzeugen, weil er die klassischen Wendungen „normaler“ Filme geschickt umgeht – von den Dialogen über den Schnitt bis ins Sounddesign hinein. Armie Hammer und Timothée Chalamet liefern eine unglaubliche Tiefe ab, während sie in der sommerlichen Aura baden, die sich um ihre bedeutungslos kleinen Gestalten erstreckt wie ein Meer, das Rhythmen aus wilden Wellengängen und sanfter See komponiert wie eine Sinfonie der Klassik.

So muss „Call Me By Your Name“ nicht einmal ausschließlich dem queeren Publikum gehören, trägt er doch Sehnsüchte in sich, die einem jeden Menschen gehören...

*weitere Informationen: siehe Profil

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