Ein Mann sieht rosa
Das ist wohl der weirdeste Shit, den man im Programm von Netflix finden kann: Gleich zu Filmbeginn präsentiert eine nackte ältere Dame einem konservativ ausschauenden Herrn Fotoalben mit Kinderbildern – offenbar zum Zweck der Prostitution. Das Statement der Frau: „The world is horrible, but we can’t run away from it.“ Seine Wahl fällt schießlich auf die elfjährige Laura – ein blindes Mädchen, der er mit zwei geschenkten Diamanten „Augen“ verschafft. Die Welt um sie herum ist bonbonrosa – die Farbe Eduardo Casanovas.
Der Autor und Regisseur zelebriert in seinen Kurzfilmen, Werbespots und Musikvideos bevorzugt Inzest, Selbstmord, Nacktheit, körperliche Versehrtheit, Religiosität und diverse Spielarten der Sexualität. Meist in einer farblich perfekt abgestimmten Welt, durchdesignt und hochartifiziell. In seinem episodischen Debut wechseln sich rosarote und mauvefarbene Szenarien ab, was bei Casanova bedeutet, dass vom Auto bis zur Suppe alles entsprechend durchgefärbt ist. Figuren, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, jedoch alle höchst spezielle Einzelschicksale haben, werden Stück für Stück in einen Zusammenhang gerückt.
Da ist die Kinderprostituierte vom Anfang, die inzwischen zur jungen Frau herangewachsen ist, da ist der junge Mann mit Body Integrity Identity Disorder, der seine Beine nicht mehr haben will, die Frau, bei der Mund und After vertauscht sind (Casanovas Kurzfilm EAT MY SHIT wird hier in die Handlung eingeflochten), der Mann, der nur auf entstellte Frauen steht und die zwergenhafte Schauspielerin, die sich zwischen Geld und Integrität entscheiden muss.
Es ist also einiges los in diesen knapp 77 Minuten, die wirken, als hätten Pedro Almodóvar, Yorgos Lanthimos, John Waters und Pierre et Gilles einen gemeinsamen Film gedreht. Ein echtes Erlebnis, wenn man es erträgt.