„Wir sind die gleichen Menschen, nur auf mehr Planeten“ – das ist der Kern von Joss Whedons Science-Fiction-Versuch „Firefly“, einer Serie, die nicht über 14 Folgen (inklusive Pilotfilm) hinauskam. Dabei ist die Serie keineswegs schlecht.
Der Ausgangspunkt der Serie ist einer altbewährter: Verschiedenste Charaktere reisen mit einem Raumschiff durchs weite All und erleben Abenteuer um Abenteuer. In diesem Fall mit einem privaten Schiff namens „Serenity“, angeführt von einem ehemaligen Soldaten als Captain, der im zurückliegenden Bürgerkrieg für die Unabhängigkeit einiger Planeten von der sogenannten Allianz gekämpft und verloren hat. Dazu acht weitere Menschen, die mehr oder weniger zufällig im Laufe der Zeit dazugestoßen sind und beinahe alle ebenso ihre Probleme mit der Allianz haben. Die Anzahl von insgesamt neun machte es möglich, fast jedes Alter und Persönlichkeitsbild abzudecken, so dass eine interessante Mischung gefunden wurde, in der jeder Zuschauer schnell einen oder mehrere Lieblinge aussuchen kann. Außerdem mögen sich untereinander nicht unbedingt alle und es gibt drei jeweils auf ihre eigene Art komplizierte Mann-Frau-Beziehungen. Die Darsteller sind passend ausgewählt und spielen auch das Hintergründige ihrer Charaktere mehr als ordentlich aus.
Im Gegensatz zu praktisch allen anderen SF-Serien gibt es bei „Firefly“ keine Außerirdischen. Whedon wollte keine Space-Oper mit interstellaren Machtspielen zwischen verschiedenen Reichen und Rassen, mit Botschafterintrigen und pompösen Schlachtengemälden, sondern eine bodenständige Serie, die die alltäglichen Probleme der Helden zeigt: Wie finden sie den nächsten Job, wie gehen sie Ärger aus dem Weg? Der Vorteil daran liegt auf der Hand: Die Identifikation kann so dem in seinem eigenen Leben mit ähnlichen Problemen konfrontierten Zuschauer leichter fallen. Es sind Menschen wie du und ich – nur in Raumschiffen und weit von der Erde entfernt. Außerdem benötigt man so weniger kreative Maskenbildner und geht Hohn und Spott ob optisch misslungener Aliens aus dem Weg. Die einzigen, die keine Menschen (mehr) zu sein scheinen, sind die „Reaver“, kannibalische, furchteinflößende Wesen, die Trips in bestimmte Regionen des Alls, in denen sie hausen, so gut wie unmöglich machen.
Es ist eine bekannte und doch zugleich innovative Ausgangslage, die in einer Zukunft spielen soll, die Whedon vom Grundsatz her glaubwürdig ausmalt: In rund 500 Jahren sind die USA und China die beiden Weltmächte, für die die Erde zu klein geworden ist. Daher erobern sie als Alliierte den Weltraum. Bemerkbar ist das an den dem Englischen mehr als gleichberechtigt eingesetzten chinesischen Schriftzeichen auf Schildern, Displays oder Geräten. Als Running Gag schimpfen die Leute stets auf Chinesisch. Eine weltpolitische Situation, die im Vergleich zu denjenigen SF-Serien wesentlich näher liegt, in denen Jahrhunderte oder gar Jahrtausende in der Zukunft wie selbstverständlich Englisch die Welt(all)sprache und die USA das politische Vorbild sind.
Stimmige Ausgangslage, glaubwürdige Charaktere, viel Dialogwitz, politische Unkorrektheit (aber nur scheinbare Unmoral), dazu ein antreibender trommelnder Score, ordentliche Spezialeffekte sowie moderne Kamera-Arbeit mit der heutzutage üblichen Wackelei, Zoomerei und alternativen Winkeln – da konnte doch eigentlich nichts schief gehen. Aber warum fanden sich dann nicht genug Zuschauer, während miesere SF-Serien wie „Andromeda“ doch fünf lange Staffeln durchhielten?
Das lag wohl an einer zu simplen Rechnung, die nicht aufgehen konnte: Vergangenheit plus Zukunft sollte quasi Gegenwart ergeben, mit der sich der Zuschauer angeblich am leichtesten identifizieren könnte. Whedon liebt es, von Genre zu Genre zu springen. An sich ist das eine gute Eigenschaft, denn so kann Innovatives bis zu einem völlig neuen Genre entstehen. Sein größter Erfolg war eine Mischung aus Teenager-Drama und Vampir-Horror: „Buffy“.
In „Firefly“ mischt Whedon allerdings zwei Genres, die (zu) konträr gegenüberliegen: Western und Science Fiction. Fünf Jahrhunderte in der Zukunft existieren zum einen die „zentralen Planeten“ – fortschrittlich, zivilisiert, sauber, ordentlich. Die „äußeren Planeten“ dagegen sind rückständig, roh, staubig, unübersichtlich – wie der Wilde Westen. Hätte Whedon hier so konsequent in die Zukunft gedacht wie bei seiner weltpolitischen Grundkonstellation, die Lage im Wilden Westen also verallgemeinert und auf einen erdachten technischen Stand gebracht, der glaubhaft in 500 Jahren existieren könnte – das wäre großartige Science Fiction geworden! Eine raue, gefährliche Situation wie damals in Wildwest zwar, jedoch mit den futuristischen Spielereien und Ideen, die Science Fiction vom Wortsinn her schon ausmachen. Ansatzweise sieht man das in der Folge mit dem Kopfgeldjäger. Stattdessen jedoch sehen die äußeren Planeten tatsächlich genauso aus wie eben der Wilde Westen: die Landschaft, die Orte, die Menschen. Es ist aber absolut unglaubwürdig und platt dargestellt, dass zu jener Zeit Menschen so aussehen, reiten, schießen, reden und handeln sollen wie Cowboys im 19. Jahrhundert.
Und vor allem langweilig. Wenn der Zuschauer eine moderne Westernserie gucken will, schaut er vielleicht „Deadwood“. Westernplots im Westerndesign, in denen wie zufällig ein Raumschiff herumsteht, erscheinen absurd und gehen in einer ernst angelegten SF-Serie einfach nicht! Auch kein countryesker Titelsong. Und so sind bei „Firefly“ diejenigen Folgen am besten, die abseits solcher Wildwest-Stätten spielen und eine glaubhafte Zukunftswelt ausmalen, zum Beispiel die Episode, in der unsere Desperados in ein Krankenhaus auf einem zentralen Planeten eindringen, um Medikamente zu stehlen. Wie Science Fiction beim Western durchaus gelungen Anleihen hinsichtlich Konstellationen und Geschichten machen kann, diese abstrahieren und in eine erdachte Zukunft transferieren kann, zeigt dagegen „Star Trek“.
Welches Potenzial in der Serie lag, konnte Joss Whedon erst im drei Jahre später folgenden Kinofilm „Serenity“ auf hervorragende Art und Weise zeigen: kein Wilder Westen mehr, dafür viele technische Spielereien, eine bös-utopische Story mit den Machenschaften der Allianz im Mittelpunkt. Das war konzentrierte Science Fiction pur – schade, dass Whedon nicht von Anfang an auch in dieser Art „Firefly“ präsentiert hat.
Fast 6,5 von 10 Punkten.