Der kleine Unterschied zwischen Mann und Frau... spielt (k)eine Rolle
"Eine fantastische Frau" ist ein aufwühlendes Drama aus Chile, über eine Frau die mal ein Mann war und die nach dem Tod ihres einige Jahre älteren Freundes mit dessen (Ex-)Familie, der Gesellschaft allgemein und vor allem deren Hass gegen sie konfrontiert wird. Ein höchst spannendes, mitreißendes und zum Teil erschütterndes Thema, dass leider immer noch höchst aktuell & wichtig ist, nicht nur im streng gläubigen Chile. Getragen von einer aufopferungsvollen und bockstarken Leistung der Hauptdarstellerin, geht einem dieses Drama um Verlust, Hass, Vorurteile und innere Stärke mit meist leisen Tönen tief unter die Haut. Wie ein Mix aus Almodovar und Larrain, zaubert der chilenische Regisseur einen vielschichtigen und gefühlvollen Downer auf die Leinwand, in der nur die Protagonistin den einen, dafür umso leuchtenderen Silberstreifen am Horizont darstellt. In Ausnahmen extrovertiert & flashy. Zum Großteil Kino der inneren, ruhigeren Töne und des (hoffentlich nicht) ewigen Kampfes für die eigenen Rechte. Ganz selten etwas zu plakativ, platt metaphorisch und klischeebelastet. Katharsis ist auch eher mäßig gegeben. Wäre wohl auch gelogen. Obwohl man das im Kino auch mal darf.
So richtig viel Spektakuläres und Böses passiert der starken Frau gar nicht, bis auf einen verstörenden Übergriff. Doch die dauernden Blicke, die Verachtung, der blanke Hass und die Verwunderung und Verwirrung, mit der die stolze Frau hier regelmäßig zu kämpfen hat, lässt einen innerlich vor lauter Ungerechtigkeit zittern und schreien. Und das, obwohl sie eigentlich nur um ihren Geliebten trauert. Würde dieser mitkriegen, wie sich die Gesellschaft und seine Familie nach seinem Tod verhält, würde er wohl allein vor lauter Scham sterben wollen. "Una Mujer Fantastica" macht seinem Namen alle Ehre und ist sicher einer der wichtigeren Filme des Jahres zum Thema Freiheit, Feminismus und Gleichberechtigung. Wer bei dieser Frau nicht merkt, dass es sich wirklich um eine Frau handelt, die nur im falschen Körper geboren war, der lebt tatsächlich in der falschen Zeit und sollte seine Menschlichkeit nochmal prüfen.
Fazit: eine fantastische Frau, eine fantastische Performance und ein fantastischer Film. Emotional aufreibend, von teilweise hypnotischer Schönheit und mit einer der wichtigeren Aussagen des Filmjahres. Chiles Regisseure weiter auf dem künstlerischen Vormarsch!