Wahrscheinlich war es eine Frage der Ehre, dass Polens erfolgreichste Regisseurin Agnieszka Holland den Bestsellerroman von Olga Tokarczuk unter ihre versierten Fittiche nehmen würde. Immerhin wurde der Streifen bereits mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, doch für den großen Coup langt es in mehreren Belangen nicht.
Die pensionierte Brückenbauerin und Englischlehrerin Janina (Agnieszka Mandat) lebt am Rande des Waldes im Südwesten Polens im Einklang mit der Natur. Als eines Tages ihre beiden Hunde verschwinden, wettert sie gegen die örtlichen Jäger, die auch außerhalb der Saison unterwegs sind. Doch offenbar scheint ihr die Natur entgegenzukommen, als schon bald ein Jäger auf mysteriöse Weise umkommt. Kurz darauf wird eine weitere Leiche gefunden…
Holland gelingt es innerhalb kurzer Zeit, Interesse für die Hauptfigur und deren Lebensumstände zu entwickeln. Janina Duszejko, die niemals mit Vornamen angesprochen werden will, ist bei den Kindern im Ort sehr beliebt, eckt bei den Männern jedoch fast durchgehend an, da nahezu alle auf die Jagd gehen. Zuweilen etwas zu unüberlegt versucht die entschlossene Dame an die Rechte der Tiere zu appellieren, wodurch sie bei der Polizei regelmäßig aneckt und sich auch vom Dorfpfarrer eine Abfuhr holt.
Ganz ohne Verbündete geht ihre gesellschaftliche Rebellion jedoch nicht vonstatten. Ein Nachbar ist mit ihr, zudem ein junger IT-Spezialist der Polizei, später auch ein Insektenforscher, mit dessen Zusammenspiel sich ein paar leichte Auflockerungen ergeben.
Und dann sind da noch die Bewohner des Waldes, welche regelmäßig und mannigfaltig, in allen Jahreszeiten eingeblendet werden. Bei den Mordopfern könnte die Rache der Natur beteiligt sein, in einer Tatortszene sind gar Rehe in der Nähe, während immer wieder Pfotenspuren an Tatorten gesichtet werden.
Leider fallen die Anteile des Krimis eher mager aus, es werden einerseits zu wenige Indizien ausgestreut, andererseits gibt es keine wirkliche Ermittlungsarbeit, zumal die Polizeiarbeit kaum Erwähnung findet. Vielmehr steht das Mystery-Drama mit deutlichem Fokus auf die Hauptfigur für das Anprangern festgefahrener Werte und Traditionen in Polen, es richtet sich genauso gegen uneinsichtige Jäger und Machos, gegen veraltete Lernsysteme, aber auch gegen nicht mehr zeitgemäße Bräuche in der Kirche.
Allerdings ist das alles ein wenig überladen, zumal sich noch eine Art Dreiecksgeschichte andeutet. Zuweilen schwelgt die Erzählung in bestimmten Stimmungen, nimmt sich damit jedoch immer wieder den Wind aus den Segeln, wodurch sich die 128 Minuten Laufzeit deutlich zu lang anfühlen. Zudem hätte die Auflösung einige Rückblenden nicht gebraucht, zumal jene alles andere als eine Überraschung liefert.
Auf der Habenseite sind klar die grundsoliden Darsteller zu verzeichnen, bei denen Agnieszka Mandat deutlich hervorsticht und ihre vielschichtige Figur glaubwürdig und ausdrucksstark in Szene setzt. Auch der Score ist positiv zu erwähnen, da dieser die vorherrschenden Stimmungen gekonnt untermalt. Ferner ziehen einem die tollen, teils urigen Sets in ihren Bann, wozu die starke Ausstattung und die versierte Kamera nicht unerheblich beitragen.
Vieles erinnert an die typischen Schwedenkrimis, manches wirkt unterkühlt, anderes ein wenig zu klischeebeladen. Aufgrund einer spannenden Hauptfigur bleibt es zumindest unterhaltsam, wenn auch nicht immer mitreißend. Gesellschaftskritische Ansätze finden sich zuhauf, allerdings wird vieles nur oberflächlich gestreift. Am Ende darf man sich auf eine atmosphärisch dicht inszenierte Mixtur einstellen, die trotz kleiner Längen solide unterhält, im Bereich des Thrills jedoch kaum über durchschnittliche TV-Kost hinauskommt.
6,5 von 10