Staffel 4 der deutschen SitCom „jerks.“, bei der mit Christian Ulmen einer der Hauptdarsteller Regie führte und die Drehbücher zusammen mit diversen Koautoren verfasste, startete kurz vor Weihnachten 2020 beim Video-on-Demand-Anbieter Joyn Plus+. Die Ausstrahlung im frei empfangbaren Privatsender Pro7 erfolgte zu Beginn des Jahres 2022, wobei die diese Staffel initiierende Doppelfolge ausgespart wurde. Insgesamt umfasst diese vierte Staffel zwölf Episoden à rund 25 Minuten.
Aufgrund der irritierenden Pro7-Ausstrahlungspolitik war es mir leider nicht möglich, den Staffelauftakt zu sehen, sodass ich zu Beginn der TV-Ausstrahlung zunächst nur Bahnhof verstand: Offenbar ist Pheline von Fahri (Fahri Yardim) schwanger, der jedoch einen Vaterschaftstest fälscht, damit das Kind scheinbar von Christian stammt. Das erklärt die Ehekrise, die Pheline und Fahri im weiteren Verlauf durchmachen. Die Paartherapie, die bizarrerweise zusammen mit Emily und Christian stattfindet, gerät zur Farce, wenn Fahri sich derart in ein Lügenkonstrukt verstrickt, dass er sogar seine eigene Mutter „opfert“. Immerhin erfährt er dadurch von einem Halbbruder, der sich als der Hip-Hopper „Das Bo“ entpuppt. Es kommt zu einem Kennenlernen, doch leider sind sich Fahri und Das Bo nicht sonderlich grün, was sogar in einem überraschenden Vorfall körperlicher Gewalt mündet – der Pheline jedoch nicht daran hindert, freundschaftliche Bande zu Das Bo zu knüpfen.
Das Drehbuch wirkt an diesen Stellen seltsam unmotiviert, die Nachvollziehbarkeit dieser eigenartigen Konstellation bleibt auf der Strecke. Schon runder wird es, wenn Fahri einen Schwarzen, der ihm einen Gefallen tut, zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt, da in diesem Zuge Vorurteile und -verurteilungen auf sehr anschauliche Weise thematisiert werden. Schauspieler Patrick Bach spielt sich in diesem Handlungsstrang in einer Nebenrolle selbst, wie alle anderen in einer unvorteilhaften Alter-Ego-Version. Nicht nur aufgrund seiner notorischen Fremdgeherei ist Fahri in dieser Staffel eindeutig das größte Arschloch; entsprechend fixiert ist die Handlung auf ihn, während Christian deutlich besser wegkommt. Dies hängt auch mit einem Trauerfall zusammen, denn auf äußerst und überraschend radikale Weise verlässt Emily die Serie – womit diese leider ein großes Stück ärmer wird.
In seinem Egoismus fällt Fahri sogar auf einem Friedhof negativ auf und verwickelt seinen besten Freund Christian in unangenehme Situationen, wenn er nicht gerade Obdachlose für ein DJ-Projekt ausnutzt. Einen interessanten Verlauf nimmt die Handlung, als Christian und seine Ex-Frau Collien sich wieder näherkommen. In diesem Kontext wird das Thema Ableismus auf- oder zumindest kurz angerissen. Ein Staffelhöhepunkt ist das Aufeinandertreffen von Christian, Collien, Fahri, Pheline und als Gaststars Emilia Schüle und Simon Verhoeven in einem Waldhotel, bei dem Emilia sich als Nymphomanin gebart und es fast wie in einem Krimi zu einem Todesfall kommt, der aufgeklärt werden muss. Annemarie Carpendale macht das Gastensemble dieser Episode komplett.
Dass Fahri plötzlich unter die Schriftsteller geht und annimmt, die Öffentlichkeit würde sich für seine Autobiografie interessieren, ist seiner permanenten Selbstüberschätzung geschuldet, führt während seiner ersten Lesung aber auch dazu, dass ihn das schlechte Gewissen packt – denn nun ist auch für all seine Affären nachlesbar, dass er sie offenbar Pheline gegenüber verheimlicht. Belastungsbedingt bricht er in vorauseilendem Gehorsam mit einer Lebenslüge, was seine Beziehung zu Pheline nicht verkraftet. Ein wahres Kabinettstückchen ist, wie es innerhalb dieses bedrückenden Sujets gelingt, echte Lacher zu provozieren, wenn Fahri sich seine schauspielerischen Fähigkeiten plötzlich selbst in Abrede stellt und in wenigen Sätzen die Schauspielzunft komplett entzaubert. Ein weiterer humoristischer Höhepunkt findet sich in den Szenen, in denen Collien eine ihrer vermieteten Wohnungen ihren indischen Eltern zur Verfügung stellen möchte, das in ihr seit Jahrzehnten lebende Rentnerpaar von der gemeinsamen Besichtigung jedoch überrumpelt wird.
Ansonsten gibt es in dieser Staffel weit weniger zu lachen als in den vorausgegangenen, in denen aufgrund des auf maximale Fremdscham ausgerichteten, von den Serien „Curb Your Enthusiasm“ und „Klovn“ adaptierten und mit viel schwarzem und bitterem Humor angereicherten Konzepts einem das Lachen schon ohnehin oftmals im Halse steckenblieb. Die häufig sexualisierte Handlung tendiert diesmal noch stärker zur Tragik und die peinlichen Situationen rufen mehr Kopfschütteln hervor als das Zwerchfell zu kitzeln. Die Entwicklungen in Bezug auf die Partnerschaften Christians und Fahris würden einen guten Abschluss der Serie bilden, wenngleich das Staffelfinale, in dem Fahri einer bestens aufgelegten Ulmen-Tochter Kala (Cloé Heinrich, „Lotta & der dicke Brocken“) auf für Christian und Collien sehr irritierende Weise näherkommt, jedoch auch Anknüpfmöglichkeiten für eine weitere Staffel bietet. Insbesondere dieses Finale stimmt in seiner beschwingt jugendlichen Machart, seiner leisen Melancholie und den zahlreichen Indizien dafür, dass sich Fahri geistig auf dem Stand eines Heranwachsenden befindet, dann auch versöhnlich.