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„Wir sind ja nicht die NSA!“

Fall 29 für Borowski (Axel Milberg), Fall zwölf für Brandt (Sibel Kekilli): Regisseur und Co-Autor David Wnendt („Er ist wieder da“) schickt in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Thomas Wendrich das Kieler Ermittlungsduo in die Untiefen des Darknets und erklärt dem Publikum, was das eigentlich ist und wie die Polizei es zu bekämpfen versucht. Wnendts erste TV-Arbeit wurde am 19. März 2017 erstausgestrahlt.

In einem Kieler Fitnessstudio werden Jürgen Sternow (Pjotr Olev, „Krüger aus Almanya“), Leiter der Cybercrime-Abteilung des LKA, und der Betreiber des Studios von einem maskierten Killer (Maximilian Brauer, „Wir waren Könige“) ermordet. LKA-Leiter Wolfgang Eisenberg (Michael Rastl, „Kleine Fische“) und Staatsanwalt Tom Austerlitz (Jochen Hägele, „Virtual Revolution“) betrauen die Kieler Hauptkommissare Borowski und Brandt mit dem Fall. Die Spur führt ins Darknet, mit dem sich die jungen Ermittler Cao (Yung Ngo, „Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel“) und Dennis (Mirco Kreibich, „Das Romeo-Prinzip“) auskennen, die Teil des Überwachungssystems „Schakal“ für digitale Medien sind. Dort wurde ein Auftragsmörder angeheuert, dessen Auftraggeber nun Beweise sehen will. Der Mörder ist in einem Hostel untergetaucht, in dem die Rezeptionistin Rosi (Svenja Hermuth, „Sex & Crime“) sexuelles Interesse an ihm hegt. Je näher die Polizei dem Täter kommt, desto nervöser wird dieser und begeht Fehler – doch wer war der Auftraggeber und was war sein Motiv?

Die dem Fall zugrunde liegenden brutalen Morde werden in Ego-Shooter-Videospiel-Ästhetik aus der Point-of-View-Perspektive visualisiert und bilden damit einen fulminanten Auftakt, zumal sich eines der Opfer als äußerst wehrhaft erweist. Sie sollen nicht die einzigen stilistischen Besonderheiten dieses „Tatorts“ bleiben: Das „Schakal“-System wird in einem Zeichentrick-Werbespot erläutert, Deep- und Darknet mittels digitaler Animation erklärt – durchaus so, dass ein durchschnittliches „Tatort“-Publikum es versteht. Auch das Bitcoin-Kryptowährungsprinzip versucht man den Zuschauerinnen und Zuschauern näherzubringen und gewährt Einblicke in die digitale polizeiliche Ermittlungsarbeit, macht (zweifelhafte) Werbung für Cyber-Schnüffeleien, erwähnt aber auch die positiven Aspekte des Darknets – staatlicher Bildungsauftrag erfüllt.

Dieser wird durchaus komödiantisch transportiert, allein schon durch die arg klischeehafte Zeichnung der IT-Nerds, von denen einer leicht stottert, der andere ein T-Shirt mit „πMP“-Aufdruck trägt und die per Buzzer automatisiert Pizza bestellen. Das Whydunit? gerät da lange Zeit ins Hintertreffen, wird aber in der zweiten Hälfte verstärkt aufgegriffen. Wie so oft spielt eine Kinderzeichnung eine Rolle, die sich jedoch erst gegen Ende erschließt. Bis es soweit ist, säbelt sich der Täter versehentlich einen kleinen Finger ab, wird von Rosi umsorgt, die sich oben ohne zeigt und sterben muss, weil sie von vergifteten Pralinen nascht, und wird’s ziemlich unappetitlich, wenn die Ermittlungen einen mumifizierten Leichnam zutage fördern, während die Nerds über Mitarbeitermangel und Überarbeitung klagen. Eine Verfolgungsjagd durch Kiel will einem weismachen, man könne mir nichts, dir nichts während einer laufenden Handballpartie ins oder vielmehr durchs Stadion rennen. Und weshalb sich in der Umkleide nackte Spielerinnen tummeln, während ein Spiel der Herren läuft, wissen wohl auch nur die „Tatort“-Macher allein.

Bei seiner Vernehmung spricht der Täter in Rätseln, verletzt sich selbst und ist nach zwei Dritteln des Falls tot. Die Polizei will dem Auftraggeber eine Falle stellen, ein Vertreter des Mordopfers kommt ins Spiel und wer dem Fall nicht mehr so ganz folgen kann, ist damit sicherlich nicht allein. Nachdem zum Finale mit Rückblenden gearbeitet wurde und sich Brandt in die Höhle des Löwen und damit in akute Lebensgefahr begeben hat, endet der „Tatort“ jedoch ultrabrutal und beantwortet die meisten Fragen. Rosis Geschichte hingegen wird nicht zu Ende erzählt, ihre Rolle bleibt trotz ihres üppigen Körperbaus flach.

Wnendts Mischung aus Action, Spannung, Härte und Humor ist gewagt und geht nicht immer ganz auf, den eigentlichen Fall droht man mitunter aus den Augen zu verlieren und die eine oder andere Unstimmigkeit stört. Auch mit den Klischees wird’s übertrieben, vor allem, wenn das Darknet-Portal mit verzerrter Stimme zum Anwender spricht – dezent geht anders. Apropos: Borowski bekommt einen Sprachassistenten, den Filmkenner als eine Art Nachkommen des HAL 9000 aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ erkennen werden – ein gelungener, durchaus etwas hintergründiger Gag und Hommage zugleich. Auch die musikalische Untermalung, u.a. mit einer einnehmenden wiederkehrenden Klaviermelodie, überzeugt. Fazit: Mordfall in der knallharten Realität, Ermittlungen im Cyberspace – kann man so machen, wenn es in dieser Melange aus Bildungs-TV und stilistisch abwechslungsreichem Krimi auch vielleicht etwas zu viel auf einmal ist. Da ist noch Luft nach oben, so unterhaltsam „Borowski und das dunkle Netz“ auch sein mag.

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