Review

Nichts ist interessanter als die Wirklichkeit, da kann das ausgedachte Drehbuch noch so gut sein. Diesem Schema folgt „Cidade de Deus“, der auf wahren Begebenheiten in den brasilianischen Favelas beruht.


Buscape lebt in der Cidade de Deus, die Stadt der Götter. Der Name ist eigentlich alles andere als richtig, denn in diesem Ort möchte niemand freiwillig wohnen. Raub und Mord sind an der Tagesordnung, auch Buscapes Bruder gehört zu einer kleinen Gang, die gerne mal einen Deal durchzieht, aber eigentlich niemanden töten möchte. Gewisse Grenzen hat jeder, fast jeder.
Buscape möchte alles andere als ein Gangster werden, viel lieber wäre er ein Reporter oder Journalist. Viel hätte er zu erzählen, besonders über Li’l Zé, der später zu Zé Pequeno werden soll. Schon als Kind hat er Lust zu töten und je älter Zé wird, desto größer und mächtiger wird er, besonders als er in den Drogenhandel einsteigt. Unbarmherzig regiert Zé die Cidade de Deus, nur gebremst von seinen Freund Bené, der eigentlich viel zu anständig ist. Als Bené erschossen wird, beginnt ein Bandenkrieg, wie ihn die Cidade de Deus noch nicht gesehen hat. Und Buscape ist mittendrin...


Brasilien ist ein schönes Land, hat gute Fußballer. Doch Brasilien hat auch eine andere Seite, die spielt sich in den Favelas ab, Vororte, in denen die Ärmsten der Armen leben und in denen die Gewalt regiert. Zwar konnte Regisseur Fernando Meirelles nicht in der wirklichen Cidade de Deus drehen (er ist ja nicht lebensmüde), doch sonst gelingt es ihm perfekt, das Flair einzufangen.
Der Film bezieht seine Intensität schon daraus, dass Regisseur Meirelles fast nur Laiendarsteller engagiert hat, die wirklich in solchen Favelas leben. Hauptdarsteller Alexandre Rodriguez stammt aus der wirklichen Cidade de Deus. So sind viele Dialoge einfach improvisiert, was den Film authentischer macht.

Gewalt und Mord gibt es viel in den Favelas, und auch davon hat „Cidade de Deus“ mehr als genug. Dabei sind wieder alle Persönlichkeiten vertreten. Buscape ist mehr der kluge, besonne, der eigentlich raus müsste und woanders die Chance hätte, einen guten Job zu erringen. Das genau Gegenteil ist Zé Pequeno, hauptberuflich Gangster, Drogenhändler und ein Psychopath vor dem Herrn. Eigentlich braucht man ihn nur angucken und hat schon ein Problem, meistens ist man tot. Denn Zé fackelt nicht lange, jeder der ihm nur ein wenig in die Quere kommen könnte, muss sterben. So erzählt Buscape den Aufstieg eines kleinen Kindes, welches schon früh die Lust am töten entdeckte, und später zum Herrscher der Cidade de Deus wird.

Der Film wird von Buscape, dessen deutsche Stimme mit Xavier Naidoo meiner Meinung nach alles andere als treffend besetzt wurde, nicht in chronologischer Reigenfolge erzählt. Der Film springt in verschiedenen Zeiten und Szenen, er beginnt fast mit dem Ende und zum wirklichen Ende kehrt man auch dahin wieder zurück. Zwischendurch erleben wir Buscapes Kindheit, man lernt den kleinen Zé kennen (schon zu der Zeit ziemlich verrückt) und schon in dieser Zeit stirbt der eine oder andere. Ein Großteil spielt sich aber in den Gegenwart ab.
Gewalttätig geht es natürlich auch zu. „Cidade de Deus“ verkommt dadurch nicht zum Splatterfilm, die Gewalt wird immer genau dort eingesetzt, wo man erwarten würde und wirkt nicht selbstzweckhaft. Und wer würde es den Darstellern denn bitte abnehmen, wenn man hier alles mit Worten lösen würde, wie man es so immer gerne hört. Gewalt ist keine Lösung, in der Cidade de Deus ist es die einzige Lösung, die die Beteiligten dort kennen.

Trotz einer relativ langen Lauflänge von 120 Minuten wird „Cidade de Deus“ nie langweilig, ganz im Gegenteil, je länger der Film läuft, desto besser wird er und steuert auf ein Finale zu, in dem sich alle bekriegen und nicht viele übrig bleiben. Dennoch zeigt sich in der Cidade de Deus, der Nachwuchs steht immer bereit und ist vielleicht noch schlimmer als die Vorherigen.


Fazit: „Cidade de Deus“ ist ein hervorragender Film, der fast dokumentarisch über das Leben in den brasilianischen Favelas berichtet. Auch dank der Schauspieler, wenn man die Laiendarsteller denn so bezeichnen möchte, wird der Film eigentlich noch realistischer, als das es professionelle Darsteller je darbieten könnten, wer weiß denn besser als diese Personen, wie es in den Favelas wirklich abgeht. „Cidade de Deus“ ist ein verstörender und knallharter Film, vielleicht auch deswegen umso sehenswerter. Jedenfalls kann ich dem Film nur allen empfehlen, ein kleines Meisterwerk aus Brasilien.

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