Ansel Elgort spielt einen Fluchtwagenfahrer, der aufgrund seines jugendlichen Erscheinungsbildes Baby genannt wird – und natürlich auch deshalb, weil seine kriminelle Karriere bereits in jungen Jahren ihren Anfang nahm. Baby hatte als Jugendlicher einen Gangsterboss, gespielt von Kevin Spacey, bestohlen, bei dem er seitdem seine Schulden abbezahlt. Der talentierte Fahrer ist nun kurz davor diese zu begleichen und plant, anschließend seine kriminelle Karriere zu beenden und mit einer befreundeten Kellnerin, gespielt von Lily James, aus seinem alten Leben auszubrechen. Davor steht jedoch noch ein letzter, schwieriger Coup an.
Der titelgebende Baby Driver ist, anders als der kantige Jason Statham in „The Transporter“ oder der eiskalt-melancholische Ryan Gosling in „Drive“, nicht nur ein lässiger Fluchtwagenfahrer, sondern auch ein netter, fröhlicher junger Mann, der sehr gut Auto fährt – und meist mit einem Wagen voller gefährlicher Gangster samt Beute Reißaus vor der Polizei nimmt. In der ersten Sequenz, noch bevor der Vorspann über die Leinwand flimmert, parkt der lässige Fahrer vor einer Bank, bewaffnet mit Sonnenbrille und mp3-Player, und trommelt im Takt zum Bellbottoms-Song „Jon Spencer Blues Explosion“ in seinen Ohren auf seinem Armaturenbrett herum, während seine Mitfahrer das Geldhaus überfallen. Anschließend liefert er sich eine Verfolgungsjagd mit mehreren Polizeiwagen, ohne nervös zu werden, ohne seine Stöpsel aus dem Ohr zu ziehen, ohne, dass die Musik verstummt. Damit ist der Ton dieser Mischung aus Actionkomödie und romantischem Musical schon früh gesetzt: den Zuschauer erwartet ein unberechenbarer Film, der in keine Schublade passt, ein cineastisches Ü-Ei.
Das ist insofern nicht überraschend, als dass sich mit Edgar Wright ein unkonventioneller Kopf für Drehbuch und Regie verantwortlich zeigt, dessen kultverdächtige „Cornetto-Trilogie“ sich durch ihren mal britischen und mal anarchischen Humor auszeichnete, der als Drehbuchautor mit seinen schrägen Ideen auch den Comic-Kracher „Ant-Man“ bereicherte, wenngleich die Zusammenarbeit mit Marvel kein gutes Ende nahm. Nun also „Baby Driver“, der vor Ideen und inszenatorischen Kniffen nur so überschäumt, der sichtlich mit Lust an rasanter Action und hörbar mit Freude an fetziger Musik gedreht wurde, der aber auch alles auf einmal sein will und deshalb etwas fahrig und orientierungslos ausgefallen ist.
Vor allem in der ersten Filmhälfte wirkt „Baby Driver“ wie die Action-Version von „La La Land“. Baby, der aufgrund eines Tinnitus aus früher Kindheit permanent Musik hört, stimmt im Minutentakt neue Songs an, die mal lauter und mal leiser, mal im Vorder- und mal im Hintergrund auch im Kinosaal erklingen. Das Portfolio, von Queen bis Ennio Morricone, von R.E.M. bis Blur, ist breit. Genre-Fans werden dabei insbesondere zu schätzen wissen, dass die Musik auch inhaltlich immer wieder zum Thema gemacht wird, wenn sich Baby und die attraktive Kellnerin darüber unterhalten, wenn sich die Kriminellen darüber austauschen ob und wenn ja welche Musik sie bei ihren Überfällen abspielen. Und natürlich, weil Sound, Bild und Kamera oftmals organisch verbunden werden, wenn die Action-Szenen zum Takt der Musik ablaufen, wenn Baby zum Rhythmus durch die Straßen von Atlanta tänzelt und von einer dynamischen, ihn oft umkreisenden Kamera begleitet wird. Allerdings scheint Wright so sehr mit der Musik beschäftigt, dass er seine Handlung vernachlässigt. So kommt „Baby Driver“ bei aller audiovisuellen Brillanz nur schwer in Gang, zumal Wright gemessen an seinen bisherigen Filmen deutlich mit Gags geizt.
Zur zweiten Filmhälfte scheint Wright dann wieder einzufallen, dass sein Film eben auch ein Heist-Movie ist und er zieht zunehmend ernstere Seiten auf. Das geschieht nicht zuletzt in Person von Jamie Foxx, der seinen psychopathisch veranlagten Bankräuber als unberechenbares und regelrecht beängstigendes Pulverfass anlegt. Es ist aber auch die parallel erzählte, durchaus nette und sympathisch vorgetragene Liebesgeschichte, die den Film dramaturgisch an Fahrt gewinnen lässt, auf dass die Liaison mit der von einer bezaubernden Lily James verkörperten Kellnerin gut enden möge.
Dann kreiert Wright eine spannende Ausgangsposition für seinen Showdown, indem er seinen Protagonisten in eine scheinbar ausweglose Situation bringt. Baby, der schlussendlich einfach nur mit der Frau seiner Träume diesem Chaos entrinnen will, erinnert bei seiner verzweifelten Flucht an den alternden Gangster Carlito, der in Brian de Palmas Kultfilm von Al Pacino verkörpert wurde und seinen Häschern in der New Yorker Central Station zu entkommen versuchte. In einer solchen Situation wird selbst der bisher so beherrschte Baby hektisch und nervös. Bis dahin hat der brillante „Die Bestimmung“-Darsteller Ansel Elgort, von dem noch viel zu erwarten ist, seine Figur als stets coolen wie professionellen Fluchtwagenfahrer angelegt, aber auch als netten und charmanten jungen Mann mit viel Herz und Empathie.
Allerdings fällt es Wright, insbesondere beim Showdown, schwer, alle Facetten seines Films weiterhin unter einen Hut zu bringen. Die dynamischen und gemessen an den ins Cartooneske gesteigerten „Fast and Furious“-Filmen noch recht geerdeten Action-Sequenzen machen zwar weiterhin Spaß, die Musik überzeugt bis zuletzt, doch inhaltlich zerfasert der Film gegen Ende. Die Handlung schlägt einen wilden Haken nach dem anderen, was zunächst für ein paar nette Überraschungen sorgt, dann aber schnell ins Skurrile abdriftet. Manche Figuren vollziehen dabei unverhoffte und auch nicht immer glaubwürdige 180°-Wenden und Wright gelingt es auch nicht, die Liebesgeschichte stimmig abzuschließen. Dafür kann auch der am Ende regelrecht entfesselt aufspielende und schön gegen den Strich besetzte „Mad Men“-Darsteller Jon Hamm nicht entschädigen.
Fazit:
„Baby Driver“ ist ein Film, wie man ihn noch nicht gesehen hat, eine unkonventionelle Synthese aus Musical, Liebesfilm und Action-Komödie, bei der das Akustische und das Visuelle mitunter organisch ineinandergreifen. Trotz der beschwingten Inszenierung und des großartigen Darstellerensembles kommt der Film aber anfangs nur schwer in Gang und zerfasert schließlich beim Showdown, als wäre Regisseur Edgar Wright unter der Last seiner so vielfältigen Ansätze schlussendlich doch zusammengebrochen. Dennoch: Eine besondere Kinoerfahrung!
62 %