Staffel 6 - 9,5/10
Staffel 6
Alles hat ein Ende nur die Weinwurst hat zwei
In der sechsten und letzten Staffel von „This Is Us“ lösen sich Konflikte, Handlungsbögen und verstopfte Tränenkanäle völlig und endgültig. Generationenübergreifend geht’s um den Wert der Zeit, der Gesundheit, der Familie, moderner sowie traditioneller Werte und des Lebens selbst. Und das wie immer mit genau dem richtigen Händchen und Gefühl für Kitsch, Realität, Ideal und Herz…
Da ich eher Film- als Serienkritiken schreibe, muss ich mich selbst immer wieder daran erinnern, dass es einige deutliche Unterschiede gibt. Erst recht wenn man durch Staffelbesprechungen mehrfach über ein und dieselbe Serie spricht, muss man nicht immer wieder dessen allgemeine Qualitäten betonen. Im Falle von „This Is Us“ muss ich nicht sechsfach Dinge wie „Lebensbaum“, „richtige Romantik“, „Hochglanzsoap“, „Melodrama vom Feinsten“ usw. ausführen und wiederholen. All solche Dinge treffen zwar auch wieder auf das letzte Jahr der Tänendrücksuperserie zu. Jedoch will und sollte ich nun eher auf einzelne Handlungsbögen und Figurenschicksale eingehen als auf allgemeine Eigenschaften und Merkmale. Also ran an den höchstemotionalen Speck und eine unvergessliche Reise.
Herausragend und somit das Beste, was die Serie und die TV-Landschaft allgemein dieses Jahr hervorgebracht hat, war für mich z.B. die Folge „Miguel“ und wie mit ihm als Charakter insgesamt (endlich) umgegangen, abgeschlossen und verfahren wurde. Das hat er verdient nach Jahren der Skepsis, des mangelnden Respekts und des teilweise Schattendaseins als „Jacks Nachfolger“. Außerdem ist es wunderbar, dass auch Kevins Entwicklung und Wandlung sinnvoll abgeschlossen und mit einer unfassbar (positiv-)kitschigen Geste vollendet wird. Von der Manny zum Mann. Und natürlich wird auch Rebeccas Werdegang und Krankheit als Abschluss und Kernpunkt sehr poetisch, sensibel und menschlich über die ganz große Bühne gebracht. Das sind nur ein paar der absoluten Highlights und finalen Punkte einiger Charaktere, die man kaum besser hätte ausführen können. Allgemein wirkt alles sehr rund, durchdacht und dass man die Serie lobenswert zum richtigen Zeitpunkt beendet, von Anfang an ein starkes Konzept hatte. Eine solche Zielstrebigkeit und Konsequenz ist nicht selbstverständlich in einer Serienlandschaft, wo Erfolgsprodukte oft gefühlt endlos und weit über ihren Zenit ausgepresst werden. Und selbst wenn der Abschied schwer fällt: es war eben an der Zeit!
Und selbst mit Entscheidungen wie „Katobys“ Scheidung kann ich mit etwas Abstand sehr gut leben. Das ist nur allzu realistisch, egal wie sehr es schmerzt, wie sehr man die beiden im Duo mochte und wie plötzlich es in letzter Konsequenz auch kam. Ein paar klitzekleine Wendungen und Abschlüsse wirken in dieser Weise etwas gehetzt (z.B. Dejas freudiges Schicksal). Doch das sind winzige Hubbel auf einer ansonsten exzellent konzipierten Straße voller Emotionen, voller Herz, voller Familie, voller sympathischer Menschen und Verbindungen - über Jahrzehnte, Generationen, Fixpunkte, Traditionen, Ecken und Kanten. Insgesamt halte ich „This Is Us“ für eine der durchdachtesten Serien der letzten 10 Jahre. Ohne einschweiße Flexibilität und einen Realitätsbezug (ich sage nur „Corona“) komplett aufzugeben. Und für die wahrscheinlich emotionalste Serie aller Zeiten. Jetzt, wo man selbst bald Vater wird, scheint das sogar klarer denn je. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ich nochmal in sechs Staffeln in meinem Leben mehr Taschentücher verbrauchen werde. Es sei denn, ich gucke mir die Serie in dreißig Jahren als angehender Opa nochmal an. Denn ich bin mir sicher: sie wird reifen wie ein guter Wein und umso größer die eigene Lebenserfahrung und Familie, desto wohliger, (positiv-)schmerzhafter und weiser wirkt das Ganze. Für mich steht „This Is Us“ wirklich auf einer Stufe mit unumstößlichen Titanen und legendären Serienfamilien a la „Sopranos“, „Six Feet Under“ oder dem Denver Clan. Für Leute, die nah am Wasser gebaut sind womöglich sogar die neue Nummer 1 - und das soll und darf nicht negativ ausgelegt werden. Denn egal wieviel Tränchen ihr verdrückt - danach geht’s euch besser. Versprochen. Gönnt euch diese Dammbrüche in Augennähe und in eurer Seele. Es klingt viel käsiger und kitschiger als es ist. Eine Kunst, diesen Balanceakt dermaßen zu perfektionieren. Diese 106 Folgen sind essentiell für jeden Serienjunkie und machen die Welt, jeden einzelnen Zuschauer, ein bisschen besser, angenehmer und wohliger. Selbst wenn man sich nur ein Ministück mitnimmt.
Fazit: da ist es, das Ende von „This Is Us“… Die Taschentücher sind alle, mein Herz ist leer und voll zugleich, die schön-traurigste Serie aller Zeiten - Familienmelodrama auf ein neues Level gehoben. Und auch sehr stark vollendet. Hut ab und danke! (9,5/10)