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Dünkirchen im Frühjahr 1940: Die deutschen Truppen haben Frankreich binnen weniger Wochen förmlich überrollt, auch das britische Expeditionskorps konnte die Panzer des NS-Staates nicht aufhalten. Am Strand von Dünkirchen warten hunderttausende an die Atlantikküste zurückgedrängter britischer Soldaten auf ihre Evakuierung in die Heimat, während die Franzosen die letzten Stellungen halten. Hitler hat seine Offensive zwar kurzzeitig unterbrochen und den Briten somit etwas Zeit verschafft, doch seine U-Boote torpedieren weiterhin die britischen Schiffe, während Bomben auf die am Strand auf Rettung wartenden Soldaten hageln. Mittendrin in diesem Chaos: Ein britischer Soldat, gespielt von Fionn Whitehead, der verzweifelt versucht, auf eines der anlegenden Boote zu gelangen, ein Pilot der Royal Air Force, gespielt von Tom Hardy, der die britischen Schiffe schützen soll sowie ein Hobbyschiffer, gespielt von Mark Rylance, der dem Ruf seiner Regierung folgt und mit seinem Segelboot Kurs auf Dünkirchen nimmt.

In der ersten Szene des Films ist eine Gruppe britischer Soldaten zu sehen, die durch das scheinbar menschenleere Dünkirchen irren. Vom Himmel regnet es Flugblätter der Deutschen. Darauf zu sehen: Eine Karte von Nordfrankreich, die das vom Feind umzingelte Dünkirchen zeigt, ähnlich wie die Karte des letzten gallischen Dorfs aus den Asterix-Heften, umgeben von den Lagern der Römer. Nur, dass es für Dünkirchen keine Hoffnung mehr gibt, die Deutschen werden auch diese Bastion der französischen Armee einnehmen, es ist nur eine Frage der Zeit. Das Flugblatt ist eine toternste Drohung – und dennoch das harmloseste, was im Verlauf des Films auf die britischen Soldaten regnen wird. Sie werden beschossen, bombardiert und torpediert, in der Schlacht von Dünkirchen geht es längst nicht mehr um Sieg oder Niederlage, um Ehre oder Orden, es geht ums nackte Überleben oder zumindest darum, nicht in Kriegsgefangenschaft zu geraten. „Dunkirk“ ist vor allem ein Film über eine qualvolle und langwierige Tortur, über das Ausharren auf dem Präsentierteller des Feindes. Trotzdem besteht Hoffnung für die eingekesselten Soldaten: Die britischen Schiffe, darunter auch Hobbyschiffer mit kleinen Segelbooten, und drei Flugzeuge der Royal Air Force nähern sich Dünkirchen.

Und Christopher Nolan wäre nicht Christopher Nolan, hätte er seine drei Handlungsstränge, über das Geschehen am Strand, auf See und in der Luft, nicht raffiniert verschachtelt und dazu drei verschiedene Zeitebenen gewählt. Erstrecken sich die Ereignisse an der Mole über einen Zeitraum von mehreren Tagen, dauert die Überfahrt des britischen Hobbyschiffers nur einen Tag und der Flug der Air-Force-Piloten eine Stunde. Wird die Zeit in Dünkirchen gerafft, so wird sie bei den Scharmützeln der Piloten regelrecht gedehnt. Und am Ende laufen die Fäden, wie bei so vielen Filmen des britischen Regisseurs, perfekt zusammen, die Handlungselemente greifen ineinander und ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Anders als bei „Memento“ oder „Inception“ ist es diesmal aber nicht allein die komplexe Narration, die Nolans Film zu einem Meisterwerk macht (zumal der Plot als solcher sehr überschaubar ist). „Dunkirk“ lebt, mehr noch als z.B. Darren Aronofskys Stimmungs-Drama „Requiem for a Dream“, von seinen gewaltigen Bildern und seinem dröhnenden Sound.

Schützenhilfe erhält Nolan dabei, mehr noch als bei seinen „Batman“-Filmen oder „Interstellar“, von seinem Komponisten Hans Zimmer, der sich gute Chancen auf einen zweiten Oscar-Gewinn ausrechnen kann. Ob das monotone, alles durchdringende Ticken einer Uhr oder der dröhnende, bassartige Sound, der den gesamten Kinosaal vibrieren lässt, Zimmer findet immer eine Möglichkeit, den Film stärker noch voranzupeitschen als der eigentliche Plot, den Nolan mehrmals auf der Stelle treten lässt. Wenn am Strand vor Dünkirchen über Stunden kaum etwas geschieht, weil alles weiter auf die Rettung wartet, ist es Zimmer, der die Spannung hochhält und den Film nicht zur Ruhe kommen lässt, wobei auch die tosenden Bombenhagel den Zuschauer förmlich physisch erzittern lassen.

Nolan liefert dazu perfekt durchkomponierte, etwas unterkühlte Bilder, die eindringlicher und gewaltiger kaum sein könnten. Er spart, anders als etwa Mel Gibson zuletzt in „Hacksaw Ridge“, explizite Darstellungen von Gewalt und Tod aus – aber es reicht ja zu wissen, dass aus dem wolkigen Himmel jederzeit ein deutscher Bomber auftauchen, dass die britischen Schiffe aus irgendeiner Richtung torpediert oder unter Beschuss genommen werden könnten. Optik, Sound und das Gefühl permanenter Bedrohung greifen perfekt ineinander: „Dunkirk“ ist nicht nur ein Kriegsfilm von erdrückender Gewalt, wie sie etwa „Apocalypse Now“ innehatte, sondern auch fast durchweg spannend, atmosphärisch und fesselnd – ob bei einem mit hektischer Unterwasserkamera gedrehten Schiffsuntergang oder beim spektakulär gefilmten Luftkampf.

Da Nolan die Zuschauer unmittelbar ins Geschehen katapultiert, vor allem Stimmungen mit Sound und Bildern transportiert, kommen die Charaktere etwas kurz. Nolan ist und bleibt ohnehin ein eher distanzierter Erzähler und Beobachter und so packt auch „Dunkirk“ eher wegen des treibenden Scores und der spannenden Erzählweise und weniger wegen der liebgewonnen Figuren. Dass Nolans Film derart fesselt, obwohl er emotional eher unzugänglich ist, spricht aber erneut für die großartigen handwerklichen und narrativen Fähigkeiten des Briten, der seinen nüchternen Ton besser konsequent bis zum Ende durchgehalten hätte, statt in den Schussminuten dann doch ein wenig Pathos aufkommen zu lassen. Dass die Charaktere zumindest etwas Profil gewinnen, ist den starken Darstellern geschuldet, wie dem eher unscheinbaren, aber in seiner Rolle sehr glaubhaften Fionn Whitehead, dessen Odyssee am Strand von Dünkirchen länger nachhallen wird. Daneben gibt es erprobte Charakterköpfe wie Mark Rylance oder Kenneth Branagh sowie die beiden Haus-und-Hof-Darsteller Nolans, Tom Hardy und Cillian Murphy zu sehen, die gewohnt charismatisch und präsent agieren.

Fazit:
„Dunkirk“ ist ein Film, der Eindruck hinterlässt. Das gilt für die kalten, perfekt durchkomponierten Bilder, für die wuchtige Soundkulisse, die treibende Erzählweise. Nolan schildert die Evakuation von Dünkirchen als eine Odyssee für die britischen Soldaten, die tagelang, vom Feind in die Enge getrieben, auf ihre Rettung warten müssen – inhaltlich sehr spartanisch, aber überwältigend und fesselnd.

91 %

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