kurz angerissen*
Einen kühlen Architekten nannte man Christopher Nolan schon lange vor "Dunkirk", insofern sollte seine unkonventionelle Herangehensweise an das schwierige Thema Krieg kaum noch überraschen. Herkömmliche Filme des Genres fokussieren sich je nach Ausrichtung auf die Erzeugung von Empathie gegenüber den Soldaten auf dem Schlachtfeld oder auch auf Kriegsstrategien im Sinne einer Geschichtsanalyse. Selten jedoch lösen sie das bebilderte Ereignis komplett von politischen und emotionalen Kontexten und gestalten es als geometrisches Kunstwerk. In diesem Zusammenhang verbietet es wohl in Teilen die Ethik, die Beteiligten des Krieges zu rein funktionalen Aktionsobjekten zu reduzieren. Denn genau das macht Nolan: Er gibt vor, seinen Protagonisten am Land, zu Wasser und in der Luft beizustehen und untermauert dies mit Plansequenzen, in denen er ihnen minutenlang nicht von der Seite weicht. Über ihren Ausstoß von impulsgetriebener Energie erzeugt er aber in Wahrheit lediglich ein abstraktes Triptychon der Elemente, verknüpft durch die besonders abstrakte Dimension der Zeit. Die Einzelschicksale sind weniger relevant als das große Ganze - ein diametral umgekehrter Ansatz zum Gros aller selbsterklärten Antikriegsfilme, die meist das Individuum herausstellen. "Der Soldat James Ryan" bildet hier immer noch die Referenz.
Uhrenticken begleitet fast den gesamten Film und erzeugt oberflächlich Spannung, weil man intuitiv versteht, dass jede Bewegung nun in einem zeitlich abgesteckten Rahmen stattfindet und ihre Ausführung über Leben und Tod entscheiden kann. Die Geschehnisse von Dünkirchen werden zum Ballett der Zufälle, und wenn dem Film vorgeworfen wird, dass er keine historisch korrekte Abbildung liefere, so mag das auch an der Dramaturgie liegen, die höhere Priorität genießt als Authentizität. Splatter und Gore spielen dabei im Gegensatz zu Gibsons "Hacksaw Ridge" ebenfalls keine Rolle, es geht vielmehr um Perspektive, Schnitt und Sounddesign.
Verstehen kann man das nur, wenn man bereit ist, sich von dem Gedanken zu lösen, dass Antikriegsfilme etwas Humanitäres ausstrahlen müssen, um eine wertvolle Aussage treffen zu können. Dabei funktioniert der Blick auf das Nolan'sche Glaskugel-Konstrukt wie expressionistische Kunst, nicht wie ultrarealistische: Man muss das Abstrakte zuerst sortieren, bevor man es interpretieren kann. Das muss man nicht mögen, aber "Dunkirk" bildet dadurch einen sehr wichtigen Beitrag, indem er das Genre des (Anti-) Kriegsfilms um viele Facetten erweitert; auch wenn man das von diesem speziellen Genre vielleicht gar nicht erwartet.
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