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Es genügt ein Blick in die Filmographie von Paul Naschy, um zu erkennen, daß Spanien in den 70ern eine der letzten Bastionen des Gothik-Horrors geworden war. Naschy, der in Die Stunde der grausamen Leichen auch am Drehbuch beteiligt war, begann Ende der 60er eine Karriere als Darsteller in Filmen, welche immer wieder zentrale Ikonographien des Horror-Genres verarbeiten. Paul Naschy fällt dabei durch den immer wiederkehrenden Rollennamen Waldemar Daninsky auf, unter dem er seine Spezialität – den Werwolf – verkörpert.
Nicht so in El jorobado de la Morgue, wie Die Stunde der grausamen Leichen (was immer den deutschen Verleih hier wieder geritten hat), im Original benannt wurde. Während manche Werke wie Blutmesse für den Teufel oder Blutrausch der Zombies die Zuschauer zu drastischen Liebes- aber auch reichlich Haßreaktionen bewegen, so ist in diesem Fall für die meisten etwas dabei.

Begründet wird dies durch die Auswahl an Einflüssen, die sich auf dieses Genrepotpurri ausgewirkt haben. Paul Naschy selbst bekleidet die tragische Rolle des buckligen Pathologie-Assistenten Gotho, immer der Schmäh konfrontiert und andererseits durch eine grundlegende Naivität anfällig. Der Zufall will es, daß er im Städtchen Feldkirch auf ein Photo von Ilsa (María Elena Arpón) stößt. Kränkelnd ans Bett gefesselt sieht Ilsa ihren Kavalier Gotho nicht als Aussätzigen. Fragmentarisch stößt man dabei auf Motive aus Der Glöckner von Notre Dame und Die Schöne und das Biest.
Die zweite wichtige Komponente für Die Stunde der grausamen Leichen fußt auf dem Frankenstein-Mythos. So landet der trauernde Gotho in den Fängen des Wissenschaftlers Dr. Orla (Alberto Dalbés), welcher ihm im Wiederbelebungswahn Hoffnung stiftet, aber ihn im Endeffekt nur mißbraucht, um neues Menschenmaterial heranzuschaffen.

Nebst den graphischen, effekttechnisch funktionalen Wutausbrüchen Gothos sind es fortan die Experimente Dr. Orlas, bei denen ein Schleimklump zum Leben erwacht, vor allem aber reichlich Leichenteile fliegen und im Säurebad entsorgt werden, was Die Stunde der grausamen Leichen den Flair eines auf spekulative Szenen angewiesenen Schmierentheaters anheftet. Derart aggressive Ratten kennt man zum Beispiel ansonsten nur aus italienischen Endzeitfilmen.
Hierin für das Sujet auffällig aber doch im Geiste der Zeit suchte man offenbar Anreize, die ansprechenden Kulissen und Standards der Marke Wirtshausbesäufnis nicht nur Fans früher Hammer Filme schmackhaft zu machen. Hauptsächlich Paul Naschys Figur des Buckligen ist es geschuldet, daß bei exzellentem Spiel ein ausreichendes Gegengewicht erzeugt werden kann – wofür er mit dem Prix George Meliès ausgezeichnet wurde.

Durchaus kurios in seiner Zusammensetzung gehört Die Stunde der grausamen Leichen so zu den besseren Naschys, in dessen Filmographie man bevorzugt mit einem Streifen wie diesem einsteigen sollte. An der knappen Spielzeit sollte man sich dabei nicht stören. Mehr hätte den porösen Dichtungsring der Atmosphäre gesprengt. Nach gut 78 Minuten ist dann alles gesagt. Mit einer guten Synchronisation unter Verwendung vieler bekannter Sprecher ist die deutsche Fassung empfehlenswert.
Einfach zum einstmals vom Jugendschutz beanstandeten Video greifen sollte man indes nicht, da dort vornehmlich Handlungsraffungen das Fehlen von knapp drei Minuten bedingen. Wörtlich warm anziehen mußte man sich aber auch in Spanien. Züchtig bekleidet wurden ein paar Einstellung für die lokalisierte Version gedreht, während man international etwas mehr nackte Haut zu sehen bekommt. Diese wenigen Sekunden werden jedoch kaum Grund für die Superlative sein, mit denen der katholische Filmdienst strikt von Die Stunde der grausamen Leichen abrät.

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