Gal Gadot spielt die Amazone Diana, die auf einer abgelegenen Insel fernab der Menschen mit ihrem Volk ein friedliches Dasein fristet. Jedenfalls bis der Spion Steve Trevor, gespielt von Chris Pine, mit einem Flugzeug in den nahe gelegenen Ozean stürzt. Der Brite hat im zerfallenden Osmanischen Reich das Notizbuch einer deutschen Chemikerin entwendet und damit den Schlüssel zu einer verheerenden Massenvernichtungswaffe, mit der das siechende Kaiserreich den 1. Weltkrieg doch noch zu seinen Gunsten entscheiden will. General Erich Ludendorff, gespielt von Danny Huston, hat jedenfalls keinerlei Skrupel, die Chemikalie auch gegen Zivilisten einzusetzen. Diana, die mächtigste Kriegerin ihres Volkes, entscheidet gegen den Willen der Mutter und Königin, mit dem Briten in den Kampf zu ziehen. Sie will damit den göttlichen Auftrag der Amazonen erfüllen, für Frieden unter den Menschen zu sorgen und den Kriegsgott Ares, den wahren Urheber des Weltenbrandes, zu vernichten.
Nach dem überzeugenden Auftakt zum DC Extended Universe mit „Man of Steel“ kam der vermutlich vom Konkurrenten Marvel inspirierte Aufbau der neuen Franchise mit dem desaströsen „Batman v Superman: Dawn of Justice“ schon mit dem zweiten Film gewaltig ins Straucheln und das gerade mal eineinhalb Jahre vor dem angekündigten Zusammentreffen der „Justice League“. Einziger Lichtblick zwischen zwei grimmigen Superhelden und einem hyperaktiven Lex Luthor war die mysteriöse Fremde mit ihrem leuchtenden Lasso und dem goldenen Stirnreif: Diana Prince alias Wonder Woman. In den wenigen Szenen, in denen sie zu sehen war, deutete die israelische Darstellerin Gal Gadot in der Rolle der Amazonenprinzessin bereits an, dass im DC-Universum künftig mit ihr zu rechnen sein würde. Mit der Regie ihres Solo-Films war zu diesem Zeitpunkt bereits „Monster“-Regisseurin Patty Jenkins betraut worden. Und die beiden Damen halten, was der starke erste Auftritt von Wonder Woman versprach.
Waren die letzten DC-Filme noch allzu krampfhaft auf düster und dreckig getrimmt, findet Jenkins in „Wonder Woman“ eine treffendere Mischung aus Action, Spannung, Emotion und Humor. Anders als bei der sehr kurz geratenen Einführung des Affleck-Batmans in „Batman v Superman“ lässt sich Jenkins genug Zeit, um die titelgebende Amazone und ihr Volk vorzustellen und in die etwas krude Mischung aus Versatzstücken der griechischen Mythologie und der Menschheitsgeschichte einzuführen, die der Figur zu Grunde liegt. Das ist zwar erst mal etwas verwirrend, klärt das Wichtigste aber gelungen vorab.
Nach diesem Auftakt findet der Film dann schnell Struktur, wenn Diana in die Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs katapultiert wird, wobei sie als eine starke und tapfere Kriegerin erscheint, die in der Welt der Menschen jedoch auf leichtes Befremden stößt, weil sie mit deren Konventionen nicht vertraut ist. Gerade in diesen Szenen, in denen sich die Frau in das von Männern beherrschte Londoner Unterhaus verirrt oder mit ihrem knappen Outfit, mit Schwert und Schild, durch das London des frühen 20. Jahrhunderts marschiert, wird der insgesamt ernste Ton des Films ein wenig aufgelockert, ohne das im Vorfeld vieldiskutierte Thema der weiblichen Superheldin zu sehr zu strapazieren. Die weitgehend vorhersehbare Liebesgeschichte zwischen der Amazone und dem britischen Spion funktioniert indes wegen der beiden sympathischen und perfekt harmonierenden Hauptdarsteller und sorgt schlussendlich für einen durchaus emotionalen Abgang.
Überhaupt sind die Darsteller das vielleicht größte Plus des Films. Gemeinsam mit der neuen „Star Wars“-Heldin Daisy Ridley und vielleicht noch Scarlett Johansson im MCU gehört Gal Gardot definitiv zu den stärksten weiblichen Helden des zeitgenössischen Blockbusterkinos. Die israelische Schönheit, meist knapp bekleidet, aber in keiner Szene voyeuristisch ins Bild gesetzt, zeigt sich gleichermaßen taff, schlagfertig, charismatisch und dabei doch feminin. Wenn sie meint, den Ersten Weltkrieg beenden zu können, indem sie den Kriegsgott Ares bzw. General Ludendorff tötet, hat das etwas Naives, aber auch etwas entwaffnend Sympathisches. Die Szene, in der sie sich in Zeitlupe aus dem Schützengraben erhebt, eine junge, attraktive Frau mitten auf den Schlachtfeldern der von Dreck und Leichen überzogenen Westfront, und sich allein dem Feind entgegenstellt, sorgt regelrecht für Gänsehaut.
Chris Pine, der es als Captain Kirk mittlerweile gewohnt sein dürfte, im Mittelpunkt zu stehen, nimmt sich neben der starken Heldin etwas zurück, bildet mit ihr in den gemeinsamen Szenen aber ein gleichermaßen sympathisches wie schlagfertiges Gespann, das sich einige amüsante wie charmante Diskussionen liefert. Etwas schade ist, dass man zu wenig vom restlichen Team, von „Trainspotting“-Darsteller Ewen Bremner und den anderen britischen Soldaten sieht. Zumindest eine starke Szene hätten auch die übrigen Mitglieder der bunten Truppe jedenfalls verdient gehabt. Auf der Gegenseite legt „American Horror Story“-Fiesling Danny Huston seinen General Ludendorff als sadistischen Massenmörder an, ein Zerrbild, das selbst der echte Erich Ludendorff nicht verdient haben dürfte. Ohnehin ergreift der Film zu einseitig Partei für die britisch-französische Seite. Wenn es schon die bösen Deutschen sein müssen, dann hätte der Zweite Weltkrieg als historische Kulisse besser getaugt.
Waren die letzten Zerstörungsorgien aus dem DC-Universum noch heillos mit gewaltigen CGI-Gewittern überfrachtet, sind die Action-Szenen bei „Wonder Woman“ stärker geerdet, etwas spärlicher dosiert, aber dennoch nicht minder überzeugend. Im Stile eines Kriegsfilms sind die Erstürmungen der gegnerischen Schützengräben und Stellungen sehr bleihaltig und physisch geworden. In Anlehnung an den unverkennbaren Stil von „Man of Steel“- und „Batman v Superman“-Regisseur Zack Snyder (hier u.a. als Produzent beteiligt) setzt auch Jenkins dabei auf diverse Slow-Motion-Szenen und perfekt durchkomponierte Einzelbilder, was visuell und insbesondere in 3D sehr eindrucksvoll geworden ist, aber aufgrund der etwas inflationären Verwendung des Stilmittels auch die Dynamik aus den Kampf-Szenen nimmt. Wenn der krachende „Wonder Woman“-Sound eingespielt wird und Gadot richtig aufdreht, reißen die Action-Sequenzen aber dennoch mit. Zudem überzeugt „Wonder Woman“ mit den prächtigen Schauplätzen der Amazoneninsel und der historisch authentischen Ausstattung auch ansonsten visuell auf ganzer Linie. Einzig beim enttäuschenden Finale, dem auch inhaltlich größten Wehrmutstropfen, übertreibt es Jenkins mit der abschließenden CGI-Orgie.
Fazit:
„Wonder Woman“ ist der beste Film nach einem DC-Comic seit sich Christopher Nolan vom Regiestuhl zurückgezogen hat. Regisseurin Patty Jenkins etabliert mit Diana Prince alias Wonder Woman die bisher vielversprechendste Heldin im neuen DC-Universum, nimmt sich Zeit für die Einführung ihrer Figur und erzählt ihren ersten Solo-Film mit einer perfekten Mischung aus Emotion, Action und Humor. Mit der großartigen Gal Gadot, einigen wenigen aber sehr überzeugenden Action-Szenen, einem durchweg hohen Unterhaltungswert macht der Film nach dem „Batman v Superman“-Debakel wieder Vorfreude auf die „Justice League“.
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