Review

„Lass nie deine Deckung fallen!“

Was sich in „Suicide Squad“ mit der Figur Harley Quinn bereits angedeutet hatte, wurde mit „Wonder Woman“ Kino-Realität: Erstmals stand in einem Film des DC Extended Universe ein weiblicher Charakter im Mittelpunkt. Und konsequenterweise führte nun auch eine Frau Regie: US-Regisseurin Patty Jenkins („Monster“) inszenierte den US-amerikanisch-chinesisch koproduzierten, im Mai 2017 veröffentlichten und rund 140-minütigen Film über die DC-Amazone, die in Comicform erstmals im Jahre 1941 in die Augen und Seelen ihrer jungen Leserinnen und Leser zurückschaute. Nach einem TV-Film und einer Fernsehserie aus den 1970ern (und ihrem Auftritt in „Batman v Superman: Dawn of Justice“) war es tatsächlich die erste Wonder-Woman-Kino-Verfilmung. Und eine überaus erfolgreiche dazu.

„Ein Kampf wird niemals gerecht sein!“

Das Volk der Amazonen lebt unter Königin Hippolytas (Connie Nielsen, „Nymphomaniac“) und deren Schwester Antiopes (Robin Wright, „Verblendung“) Herrschaft auf einer paradiesischen Insel und trainiert für den Kampf gegen ihren Erzfeind Kriegsgott Ares. Als während des Ersten Weltkriegs der britische Kampfpilot Steve Trevor (Chris Pine, „Star Trek: Beyond“) auf der Insel bruchlandet, berichtet er den Amazonen vom Krieg. Hippolytas Tochter Diana (Gal Gadot, „Das Jerico Projekt“) hält daraufhin Ares für verantwortlich und beginnt ihre Suche nach ihm in London. Mit der Zeit muss sie lernen, dass möglicherweise weniger Kriegsgott Ares als vielmehr Menschen wie General Ludendorff (Danny Huston, „Aviator“) und Wissenschaftlerin Isabel „Dr. Poison“ Maru (Elena Anaya, „Fragile – A Ghost Story“) an diesem bestialischen Krieg interessiert sind…

„Würdest du sagen, dass du ein typisches Exemplar deines Geschlechts bist?“

Zu Beginn erklärt sich Diana aus dem Off. Sie sieht ein altes Schwarzweißfoto und erinnert sich, was eine ausgedehnte Rückblende einleitet. Diese beginnt in ihrer Kindheit. Sie will unbedingt zur Kämpferin ausgebildet werden, aber ihre Mutter ist dagegen. In leicht animierten Gemälden wird ein Märchen von der Schöpfung und von der Geschichte der Amazonen visualisiert, das ihre Mutter ihr vorliest. Als Jugendliche sehen wir Diana trainieren und bald ist sie eine junge Erwachsene. Auf diese Weise steht ihre Origin-Story ganz klassisch am Anfang des Films. Mit der Rettung des Bruchpiloten Steve beginnt jene Zeitebene der Handlung, die den Großteil des Films ausmacht.

„Dieser Krieg ist ein riesengroßer Mist!“

Die erste Schlacht lässt dann auch nicht lange auf sich warten: Amazonen versus Deutsche mit Gewehren. Das ist sehr unblutig, Actionkino-typisch durchchoreographiert und mit die Athletik betonenden Zeitlupen überästhetisiert – familientauglich eben. Dianas Ausflug nach London ist (nicht nur) durch Culture-Clash-Humor relativ stark komödiantisch geprägt. In der zweiten Hälfte entwickelt sich eine Romanze zwischen Diana und Steve und der Film wird wesentlich ruhiger. „Wonder Woman“ folgt also ganz der aktuellen Blockbuster-Formel, indem er ästhetisierte Action mit Humor und Romantik mischt. Und aufgrund des Superheldinnen-Sujets kommt eben ein Fantasy-Anteil hinzu. Man könnte gut und gern behaupten, der Film sei eine Mischung aus One-Man-Army-US-Action-Quatsch, DC-Fantasy-Trubel, Komödie, Liebes- und Historienfilm sowie griechischer Mythologie.

„Frieden ist nur eine Waffenruhe in einem endlosen Krieg!“

Damit würde man Jenkins‘ Film aber nicht ganz gerecht, denn dieser gewinnt durchaus ein wenig Tiefgang, wenn Diana die Logik des Krieges erst verstehen lernen muss und an der menschlichen Natur verzweifelt. Zudem ist an den meisten Punkten, die ich soeben aufgezählt habe, ja im Prinzip erst einmal nichts auszusetzen. Wie ihr Spitzname bereits erahnen lässt, ist „Dr. Poison“ eine beunruhigend irre Giftmischerin, und General Ludendorff ist für Diana gleich Kriegsgott Ares. Dass es darüber hinaus auch einen mythologischen Ares gibt, der hier plötzlich in Erscheinung tritt, ist eine gelungene Wendung und Überraschung, die zu nicht weniger als einem Götterduell im Finale führt. In der Handlung lässt sich unschwer Wonder Womans Vita aus den Comics wiedererkennen, wenngleich einige Änderungen vorgenommen wurden – am auffälligsten wohl jene, aus dem Zweiten Weltkrieg den ersten zu machen. Wer mit den Comics vertraut ist, dürfte die eine oder andere Anspielung finden. Die sportliche Gal Gadot ist hübsch anzuschauen und wurde in ein schniekes Kostüm gesteckt, ohne dass sie von einer sonderlich voyeuristischen Kamera verfolgt werden würde.

Den feministischen Aspekt sollte man jedoch nicht überbewerten, der ist hier kaum wesentlich ausgereifter als in den antiquarischen Comics. Die Spezialeffekte kommen aus dem Computer und sind allein schon deshalb wenig charmant. Bombast und Pathos sollen für Atmosphäre und das Ende für Epik sorgen, während der Epilog den Kreis zum Prolog schließt. So richtig durchdringend und konsequent funktioniert das nicht, denn dafür ist’s dann doch zu – man ahnte es bereits – kitschig geraten. Dennoch ist „Wonder Woman“ ein gar nicht schlechter Unterhaltungsfilm, der im Rahmen der Marvel-/DC-Superhelden-Blockbuster-Welle die gute alte, aus der Comicwelt nicht wegzudenkende Wonder Woman Diana angemessen porträtiert. Die Chance, das maskulin geprägte Superhelden-Mainstream-Kino zu revolutionieren, ließ man aber ungenutzt verstreichen.

Details
Ähnliche Filme